Die "N"
Den Erfolg der Firma Sevi nach dem zweiten Weltkrieg ist zu einem großen Teil dem Ehepaar Irmi und Fred Bering zu verdanken. Im Sommer 1948 klingelte es bei Vastlè und eine junge Amerikanerin wollte wissen, ob man ihr zu den Skizzen, die sie mitgebracht hatte, ein Muster anfertigen und einen Preis nennen könne.
Sie hieß Irmi Bering und war die Tochter eines Münchner Kerzenfabrikanten jüdischer Abstammung, die nach New York ausgewandert waren. Sie hatte eine Idee, die sich als äußerst erfolgreich erweisen sollte. Sie wollte in den großen Kaufhäusern Artikel verkaufen, mit denen man das Kinderzimmer schmücken konnte: Lampen, Mobiles, Wandbilder, Verkleidungen für die Lichtschalter und Carillons.
Das Design sollte sich an die deutsche Spielzeugtradition anlehnen aber gleichzeitig dem amerikanischen Geschmack entsprechen. Die Motive wurden aus den englischen Kinderreimen - "nursery rhymes" entnommen.
Mein Vater ließ sich sofort überzeugen, in Nu waren die Muster fertig und die Preise kalkuliert, die zum damaligen Dollarkurs sehr günstig waren. Allerdings, meinte Irmi, sie habe nicht das Geld um die Ware in voraus zu bezahlen oder einen Kreditbrief zu hinterlegen. Und da hat mein Vater in seiner Großzügigkeit die richtige Entscheidung getroffen: Ich schicke Ihnen die Ware und sie zahlen, sobald sie das Geld kassiert haben.
Die erste Lieferung war nach wenigen Tagen verkauft und die Berings zahlten sofort. Bald kam man mit der Produktion nicht mehr nach, da alles in Heimarbeit mit primitiven Mitteln hergestellt wurde.
Die Werkstatt, wie man das Gebäude nannte, musste erweitert werden, neue Maschinen gekauft und neue Mitarbeiter eingestellt.
Bis in die siebziger Jahre kamen die Berings jeden Sommer für ein paar Wochen nach Gröden um die neue Kollektion zu entwerfen. Beim entwerfen waren, Irmi Bering, Martha Hauser, Othmar Runggaldier und mein Vater ein perfektes Team. Irmy wusste, was den Amerikanern gefiel, Martha gab den Ideen den künstlerrischen Flair, Othmar machte aus den Zeichnungen dreidimensionale Modelle und mein Vater tüftelte aus, wie man sie kostengünstig produzieren konnte. Sobald die Kollektion stand, traten Fred Bering und Otto Prucker auf, um die Preise zu kalkulieren und zu verhandeln. Da musste noch das eine oder andere Detail geopfert werden damit der Preis den Vorstellungen der beiden Parteien entsprach.
Das waren wohl die goldenen Zeiten der Sevi. Der Dollarkurs war hoch, die Berings waren äußerst tüchtig und die technischen Neuerungen, die mein Vater einführte senkten die Produktionskosten und ermöglichten immer größere Mengen. Jeden Freitag war "N" - Tag und eine Warenlieferung verließ die Werkstatt in Richtung Amerika. Auf jeder Kiste war ein großes N gedruckt, das stand für Nursery Originals, der Firma der Berings. In der Schulfreien Zeit durfte ich mithelfen. Von den Heimarbeitern wurde die Ware geholt und in die Montage gebracht, wo noch ein paar Teile zusammengeleimt werden mussten. Dann kamen sie einen Stock tiefer in die Packstube, wo sie in Seidenpapier eingewickelt wurden und schließlich zu Bera Tone in den Versand. Dort wurden sie in große Kartone verpackt und auf der großen Waage gewogen um dann in den Lastwagen von.... Insam verladen zu werden.
Am Freitag war erst Feierabend, wenn kein Karton mehr auf dem Laster Platz hatte. Es wurde aus dem Transistorradio Musik gespielt und mein Vater brachte belegte Brote, Bier und Aranciata. Ich erinnere mich an eine besonders fröhliche Stimmung und es war ein bisschen wie ein Wettrennen, um möglichst viele Kartone zusammen zu bringen.
Die ständig steigenden Absatzmengen veranlassten schließlich meinen Vater 1965 ein neues Produktionswerk in Pontives zu errichten. Allerdings begann bald nach der Fertigstellung der neuen Fabrik der Niedergang der "N". Anfang der siebziger Jahre brach der Dollarkurs ein, in Gröden entwickelte sich der Tourismus, die Lohnkosten stiegen und die Produkte wurden zunehmend teurer. Fred Bering hatte schnell erkannt, dass das Geschäft nicht mehr rentabel sein würde und verkaufte die Firma an ein Conglomerate. Ohne den persönlichen Einsatz von Irmi und Fred, sei es im Verkauf, sei es bei der Entwicklung, war die Firma nicht mehr zu retten, die Umsätze gingen zurück und versiegten schließlich ganz.