Die Fabrik
Die "Werkstatt" zu Vastlè in Wolkenstein war trotz der Erweiterung zu klein geworden für die ständig wachsenden Aufträge. Mein Vater begann verschiedene Alternativen für eine Erweiterung zu untersuchen. Bei Vastlè wäre noch etwas Platz für einen neuen Bau verfügbar gewesen. Bei Coi, wo sich jetzt der Sportplatz befindet, war ein Baugrund zu kaufen und in Pontives stand eine Fabriksruine zum Verkauf. Ich erinnere mich, dass ich als Kind mehrmals mitfahren durfte, um die möglichen Standorte zu besichtigen. Mich faszinierte vor allem die Fabrik in Pontives mit dem hohen Schlot inmitten des gewaltigen Felssturzes. Nach längerem hin und her entschied sich mein Vater schließlich für Pontives und Architekt Georg Schmalzl wurde beauftragt, die Pläne für die Sanierung zu erstellen. In der Zwischenzeit fuhr mein Vater durch die Lande, um sich verschiedene Fabriksbauten anzusehen. In der Schweiz faszinierte ihn eine revolutionäre Dachkonstruktion die große Spannweiten ermöglichte und ausgesprochen elegant war. Also warf er alle Kompromisse über den Haufen und entschied sich wieder einmal für modernste Lösung.
Aber bevor er das Darlehen zur Finanzierung des Neubaus aufnahm und mit den Arbeiten begann unterzog er sich in München einem medizinischen Check-up. Er wollte sicher sein, dass er gesund genug war, um ein so großes Risiko einzugehen. Oft erzählte er uns von der Empfehlung des Primars: "Herr Senoner, sie sind gesund, aber nicht mehr der jüngste. Resignieren Sie". Dies hat meinen Vater den letzten Zweifel genommen, denn zu resignieren kam für ihn schon gar nicht in Frage.
Es war das Jahr 1965. Vaters um zwanzig Jahre jüngerer Bruder Hugo hatte sein Ingenieurstudium abgeschlossen und übernahm zuerst die Bauleitung und dann die Produktionsleitung.
Der elegante Schlot musste gesprengt werden, wie ein guter Teil der gewaltigen Felsbrocken um Platz für eine 6.000 m2 große Halle mit Holzlagerplatz und Spänesilo zu machen.
Die "Fabrik" war ein gewaltiger Schritt für die Sevi. Jetzt konnte man mit den deutschen Konkurrenten mithalten, neue Maschinen wurden angeschafft mit denen man neue Artikel produzieren könnte. Neben dem amerikanischen Markt entwickelte sich auch der europäische.
Ein Problem, das man vermutlich unterschätzt hatte, waren die Mitarbeiter. In jenen Jahren entwickelte sich einerseits die Schnitzerei auf den Pantographen und andererseits auch der Tourismus, sodass man nicht genügend junge Männer fand, die bereit waren, zur Arbeit nach Pontives zu fahren. Die neuen Mitarbeiter mussten in Lajen, Waidbruck und Barbian gefunden werden. Aber das hatte einen Haken.
In Gröden hatte jedes Haus eine Werkstatt, in der jeder schon von Kindheit an mit Holz und Maschinen vertraut gemacht wurde. Zudem wurde in jeder Stube geleimt und gemalt und jedem Grödner war klar: Zeit ist Geld.
Die Lajner und Barbianer Bauern mussten erst lernen, den ganzen Tag Arbeit an der selben Maschine zu stehen und möglichst viele Teile am Tag zu dreschseln, fräsen, sägen und bohren. Die Grödner Vorarbeiter hatten wenig Geduld und Verständnis mit ihren unbeholfeneren Kollegen.
Onkel Hugo erzählte eine kleine Begebenheit. An einem Sommertag sieht er aus seinem Bürofenster, wie eine ganze Schar von Arbeitern zum Tor hinauslief, in den Himmel zeigte und heftig diskutierte. "Was ist los?" wollte er wissen. "Es kommt zu regnen und wir haben das Heu noch auf der Wiese". Onkel Hugo war ein verständnisvoller Mensch und ließ sofort zu Feierabend Leuten.
Aber nach einiger Zeit waren die Bauern zu Fabriksarbeitern und der Hof zum Nebenerwerb geworden. Wie mir etliche Mitarbeiter erzählten, war die Fabrik ein wahrer Segen." Vom Lohn haben wir gelebt und von den Überstunden hab ich das Haus gebaut. Was heute nicht mehr vorstellbar ist, konnte sich damals jeder, der einen Grund besaß auch ein Haus darauf bauen.