1 Der GRAPH
In seiner "Minutiösen Logik" von 1901/1902 setzt sich Peirce detailliert mit den drei Grundkategorien auseinander, die seiner Ansicht nach für eine Konzeptualisierung verschiedenster (Bedeutungs-)Strukturen ausreichend sind:
- Erstheit,
- Zweitheit und
- Drittheit nennt er dieser schon die längste Zeit,
denen nun auch termini technici zugeordnet werden, und zwar
- Originalität,
- Obsistenz und
- Transuasion.
Was das genau zu bedeuten hat, kann an dieser Stelle außer Acht gelassen werden (vergl. dazu aber das "(Peirce)-Glossar", das unter Zweig 2.1 als eigener Zweig "0" gelistet ist), da im Augenblick nur ein Aspekt von Interesse ist: Die "Anwendung" dieser Kategorien auf sich selbst, die Peirce im Folgenden versucht. Mithin das Herausarbeiten etwa der "obsistenten Form" von Originalität oder Transuasion, wie auch der "transuasionalen Formen" von Obsistenz usw.
Auf diese Weise kann Peirce nicht nur verschiedene Zeichen-Klassen und Argument-Typen hervorbringen; er eröffnet damit auch - ohne das groß im Fokus zu haben - eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen "Bezug".
Denn wo untersucht wird, wie Unmittelbarkeit (und letztlich steht Zweitheit oder Obsistenz für eine solche) auf eine "originäre Einheit", die für sich steht (= Erstheit/Originalität), einwirkt (= obsistente Form der Originaliät), werden Bezug und Bezugs-Auswirkung das Thema sein.
Konkret wird dabei Bezug als "Prozess-Geschehen" nahegelegt; nämlich wenn Peirce das Zusammenspiel der drei Kategorien etwa damit beschreibt, dass
- zuerst etwas einfach so ist, wie es ist (etwa eine Frau),
- dann seine Formung durch ein Zweites erfährt (z.B. eben diese Frau, die durch den Ehemann zur Ehefrau wird),
- um schließlich durch dieses Zweite auf ein Drittes bezogen zu sein (beispielsweise als Frau durch den Ehemann auf die Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen).
Denn wo ein derartiger "Verlauf" von Bezug(sbildung) erfolgt, wird auch denkbar, dass
- ein "Anfangsmoment" für sich steht,
- im Rahmen einer zeitlichen Expansion dann ein "Moment 2" aufkommt, das jedoch erst durch das Anfangsmoment überhaupt zu "Moment 2" wird (und umgekehrt),
- wodurch allerdings gleichzeitig eine Relation entsteht, die das Gefüge als "Moment 3" ergänzt und auf das das "Anfangsmoment" nur über "Moment 2" bezogen ist.
In diesem Fall würde sich Bezug prozessual entfalten; von einem "Stand alone"-Phänomen (als "noch-nicht"Bezug) über einen unmittelbaren zu einem vermittelten Bezug.
Das macht aber auch wiederum denkbar, dass eine Größe "Bezug" (die "qualitativ" etwa mit der Gravitation vergleichbar ist) ihre "Aktivität aufnimmt", sich also zu entfalten beginnt.
Weil es um Bezug geht, wird diese Größe gleichsam immer auch - wie die drei Peirce'schen Kategorien - auf sich bezogen sein, also etwa auf die ersten Momente ihrer Aktivität oder (prozessualen) Entfaltung. Einem Zustand 1 wird so ein Zustand 2 nachfolgen, der auf diesen Zustand 1 bezogen ist und dementsprechend diesen auch "anzeigen" wird müssen; etwa durch eine Qualität, wie sie Dauer darstellt und sich in der Eigenschaft einer bestimmten Prozessgeschwindigkeit niederschlagen wird.
Auf diesen Zustand folgt wieder ein Zustand 3, der wiederum auf Zustand 2 bezogen ist und - im Rahmen des "Selbst-Bezugs" - zu allem anderen auch die "neue" Prozessgeschwindigkeit anzuzeigen hat. Und das vielleicht durch eine Begrenzung seiner Ausbreitungsgröße tut.
Das lässt eine nahezu unendlich lange Kette von Prozess-Schritten vorstellbar werden, in der sich Bezug unter Selbst-Bezug entfaltet und so unzählige Qualia hervorbringt. Bis zu einer Phase, in der eine solche Fülle von Qualia und Qualia-Ausdifferenzierungen entstanden ist, dass in einem der folgenden Prozess-Schritte bestimmte neue Qualia explizit nur mehr auf andere (ältere) Qualia und Qualia-Veränderungen und die Anzeige derselben ausgerichtet sind.
Wohin das führen kann, zeigt etwa der menschliche (visuelle) Wahrnehmungsapparat:
Betrachtet man den Menschen als ein Ergebnis eines größeren "biosphärischen" Bezugs-Entfaltungs-Prozesses, so stellen wir in diesem selbst wieder eine (komplex zusammengesetzte) "Qualia" dar, die mit ihrer (Sub-)Qualia "Gesichtswahrnehmung" speziell auf andere Qualia oder "Anzeiger" ausgerichtet ist, also beispielsweise - wie in den biologischen Anfängen des Wahrnehmens der Fall - Bewegungen, Lichtveränderungen und andere Qualitäts-Veränderungen anzeigt.
Ist aber erst dieser "Qualia-auf-Qualia"Bezug erreicht, ist es nicht mehr weit bis zur Ausbildung expliziter Ikone. Wie sie etwa dann vorliegen, wenn ein (Steinzeit-)Mensch - erneut Selbst-Bezug wiederholend - seine (weit über die Markierung von Bewegungen und Lichtveränderungen hinausgehende) "SEHEN-Qualia-Anzeige" zeichnerisch anzuzeigen versucht. Die sich dann in Piktogrammen und schließlich Symbolen im Zuge der kontinuierlichen Dynamik von Bezug/Selbst-Bezug und Anzeige des (aufgrund des Selbst-Bezugs notwendig) Anzuzeigenden "fortschreibt".
Damit ist aber nicht nur ein Ikon-Bezugs-Gefüge entstanden, das bei kaum vom Gesamt-Prozess zu trennenden Qualitäten beginnt und bei hochabstrakten Symbolen endet. Ebenso hat sich der Bezug ausdifferenziert, der nun vom Selbst-Bezug über den direkten Bezug (zwischen dem "Anzeiger" innerhalb eines Prozess-Schritts 12, der die Veränderungen zwischen den Stufen 11 und 12 markiert) bis hin zum vermittelten Bezug, der etwa vom Symbol über die Gesichtswahrnehmung zu einem realen Objekt verläuft, reicht.
Den Rahmen bei all dem bildet der Bezugs-Entfaltungs-Prozess selbst, der
- die Darstellung seiner "Phasenhaftigkeit" den Ikonen überlässt, und stattdessen
- als kontinuierlicher Raum oder als eine spezifische kontinuierliche "Raum-Struktur" in Erscheinung tritt,
- der oder die dann von Qualia und "Qualia-auf-Qualia"-Bezügen gleichsam "bevölkert" wird.
Anders formuliert: Dieser Prozess zeigt sich in und mit seinen Verlaufsstufen immer selber an - weshalb Peirce dem ikonischen Bezug auch den indexikalischen Bezug zur Seite stellt und folglich auch dem Ikon den Index.
Denn genau dieses "Raum-Kontinuums-Moment" (und seine (Selbst-)"Anzeige") ist ja mit dem "Index" gemeint; selbst wenn es um die kleine "Raum-Struktur" "Ofen" geht, die Peirce gerne zur Illustration von "Index" heranzieht.
Erst durch die mit der Ikonisierung der Qualia einsetzende "Symbolisierungs-Tendenz", die sich schließlich auch auf den Index ausweitet, wird die (Selbst)-"Anzeige" des Entfaltungs-Prozesses, respektive der Index-Bezugs, in ein symbolisches Anzeigen überführt, was schließlich die komplexe Symbolbildung des Menschen möglich macht. Und mit ihr ein komplexes "Qualia-auf-Qualia"Bezogensein, das nicht nur die Qualia-Bezüge über Prozess-Schritte hinweg, sondern auch über Prozess-Grenzen hinaus und damit Wissenschaft erlaubt. Letzteres zumindest dann, wenn der Index in Symbolbildungen gewahrt wird - weil ohne ihn, wie Peirce oder auch Edmund Husserl nicht müde werden, verständlich zu machen (und wie vor dem Hintergrund des eben entfalteten Modells logisch sein sollte!), das Fundament von allem verloren geht.
Diese - von Peirce angestoßene und ihn fortführende - Bezugs-Entfaltung, die zugleich eine Entfaltung von Zeichen unter Selbst-Bezug ist, bringt nicht nur das, was Peirce mit "Erstheit", "Zweitheit" und "Drittheit" zu umreissen versucht, in eine neue Ordnung und "Logik":
Aus der
- Peirce'schen, vom objekthaften Symbol ausgehenden Semiotik, die aber sehr wohl evolutionär denkt,
- wird so eine "evolutionäre Prozess-Semiotik", die Zeichen aus dem Prozess des Bezugs, der notgedrungen einen Selbst-Bezug inkludiert, genetisch entstehen lässt.
Der GRAPH, der in diesem Zweig des BRAIN als eigene Datei geöffnet werden kann, ist der Versuch, dieser Bezugs-Prozess-Idee eine grafische Form zu geben.
Er ist damit vieles zugleich:
- (Er-)Forschungs-Objekt (Wie genau adaptiert dieses Konzept Peirce und was muss an ihm verbessert und verfeinert werden?),
- Systematisierungs-Werkzeug (Wo ließen sich Schemata auf diesem Graphen verorten?),
- diagrammatische Struktur (Welche Index-Ikon-Struktur hat eine bestimmte Aussage und handelt es sich beim Index überhaupt um einen solchen?),
und damit - ein potenziell zentrales Werkzeug für eine Auseinandersetzung mit dem, was hier als DIA/GRAMMATIK erarbeitet werden soll.
Aus diesem Grund werden die "Annäherungen" mit ihm eröffnet.