9 Technische Folgen
(Wenn Sie im Zweig-System die Maus auf das Bild-Ikon neben den Zahlen 1 - 9 bewegen und dort halten (und gegebenenfalls noch zweimal bewegen), geht die Vortrags-Illustration GANZ auf und ist parallel zum nachstehenden Kommentar sichtbar):
- Zusammenfassend ergibt sich aus Zweig 8, dass Schemata auf zweierlei Weisen "Störungs-wirksam" werden können:
- Einmal, indem sie "einfach (klassisch) aktiv" sind und dabei den Bedeutungs-Bezug "einklammern". Wo das der Fall ist, sind die üblichen Störungen der Fall; also affektive Leiden wie Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, die bereits umfassend als Effekt von Schemata bzw. eines "Proto-Zeichen-Bezugs" zur Welt gezeigt wurden (vergl. etwa die Punkte "B1 Die MAP" und "B1.1 Appendizes"). Konkret ist es, um es noch einmal explizit aus semiotischer Sicht zu formulieren, die Index-artige Bezogenheit der Schemata (zu denen das Vermischen von Index und Ikon wie auch von Darstellung und Darstellendem gehören), die eine reife Repräsentation des Gegenübers verhindert und so Abhängigkeiten, Undifferenziertheiten, "Verschmelzungen" und uralte Bewältigungsmuster (also verschiedensten Proto-Zeichen-Typen einer Zeichen-Klasse, vergl. Zweig 8) auf den Plan ruft. Was dann - vor dem Hintergrund der Möglichkeit der Symbol-basierten Bedeutungs-Bezogenheit auf die Welt - als "Abweichung" oder eben "Störung" bezeichnet wird, obwohl es sich de facto um einen evolutionsbedingten Konflikt innerhalb der Entfaltung von Bezug (die auch der Mensch mit seiner Geschichte realisiert) handelt, den auszugleichen stets "kulturelle Schwerstarbeit" bedeutet.
- Das andere Mal werden Schemata als "Störungen" wirksam, indem sie "subversiv" den Bedeutungs-Bezug "infiltrieren" und gleichsam dort "auftreten", wo normalerweise Ikone oder Indices sein sollten. Anders als bei den Persönlichkeitsstörungen, bei denen der Bedeutungs-Bezug zwar eingeklammert, aber letztlich "intakt bleibt" (weshalb dann, vergl. Zweig 8, notfalls doch die Buchhaltung erledigt werden kann), wird dieser in diesem Fall "zerstört": Ein teils bizarrer, eben psychotischer Bezug auf die Welt beginnt zu entstehen, der verwirrt, verunsichert und buchstäblich haltlos macht. Die "Tragödie" des Psychotikers kommt nicht aus den Schemata, die einen "klebrigen", undifferenzierten und letztlich Befindlichkeits-basierten Welt-Bezug "produzieren", sondern aus dem Bedeutungs-Bezug, der - gerade auch für den Psychotiker selbst - eindeutig nicht Befindlichkeit, sondern Darstellung ist, aufgrund der "Schemata-Indices" und "-Ikone" aber eine Darstellung, die an die Stelle der Wirklichkeit dann doch eine Befindlichkeit setzt. Und damit das generiert, was als "Wahn" bezeichnet wird.
- Nun ließe sich gegen eine solche Bestimmung von wahnhaft-schizophrenen Strukturen freilich einwenden, dass die "subversive Infiltrierung" des Bedeutungs-Bezugs durch den Schemata-Bezug nur deshalb "passiert", weil im Gehirn etwas nicht passt, fehlt oder sonstwie nicht stimmt. Womit die Schizophrenie kein semiotisches Phänomen wäre, sondern lediglich eines, das sich auch in der Welt der Zeichen ausdrückt. Doch das geht argumentativ nicht auf. Weil damit auch gesagt würde, dass es offensichtlich ein Repräsentieren von Welt durch das Gehirn gibt, das dem semiotischem Bezug und damit dem Bezug überhaupt (da ja semiotischer Bezug, wie ausführlich gezeigt, nur eine Ausprägung von Bezug bzw. Bezugs-Entfaltung unter Selbst-Bezug ist) vorläuft, jedoch aufgrund eines strukturellen Mankos versagt. Weshalb es dann zu einem - nicht semiotisch zu fassenden - psychotischen Bezug auf die Welt kommt. Allerdings wird es schwierig werden, dieses Repräsentieren jenseits von Bezug zu fassen. Weil nicht wirklich einsehbar ist, wie es Repräsentieren ohne Bezug geben kann. Wird aber Bezug als Größe zugelassen, ist auch semiotischer Bezug unvermeidlich; einfach, weil Bezug immer ein Darstellen und damit Zeichen-Bildung inkludieren wird. Was einzig argumentiert werden könnte, ist, dass sich der "semiotische Konflikt" der "psychotischen Welt" nicht auf der Ebene der Symbole abspielt, sondern - um auf den Graphen, vergl. Zweig 3 ff., zurückzuverweisen - innerhalb "früherer" Zustände der Bezugs-Entfaltung, zu der ja etwa die Wahrnehmung mit ihrer komplexen Gehirnphysiologie und freilich auch noch andere "Ikon-Strukturen" etc. vergleichbarer Art gehören. Doch selbst wenn der "Konflikt" in solche Schichten zurückverlagert würde, bliebe er ein semiotischer; und wenn er ein solcher ist, ist nur bedingt einsehbar, warum er nicht der sein soll, der er offensichtlich ist, nämlich einer, der sich auf der Symbolebene "austrägt" - und sei es (was nicht untypisch wäre) als "Fortschrift" "älterer Ikon-Index-Verhältnisse". Doch gerade dann gilt es ihn dort, auf der Symbol-Ebene, "anzunehmen", respektive dort mit ihm "umzugehen" - so wie mit "uralten" Selbst-Bezug-Qualia-Ikon-Ketten erst auf der Symbolebene "umgegangen" wird, weil sich erst dort mit ihnen wirklich umgehen lässt (weil es keine Interpretation oder Modulation von Zeichen vor der Symbolebene gibt, wie mittlerweile deutlich sein sollte).
- Wahnhafte Störungen sind damit ein klarer technischer Auftrag: Es geht bei ihnen um nicht mehr und nicht weniger als um das "Auseinander-Dividieren" von zwei Bezugsformen; eben des Schemata- und des Bedeutungs-Bezugs. Und zwar auf der Symbol-Ebene - was praktisch nichts anderes als ein "Neu-Sprechen-Lernen" bedeutet:
- In mühsamer Klein-Arbeit und durch "praktisches Vorsprechen" gilt es dort, wo Schemata Ikone oder Indices bzw. deren Plätze besetzt haben, Ikone und Indices "wieder einzuführen". Wozu es einen "(zeitlichen) Ort" in der Geschichte eines Menschen zu suchen gilt, an dem etwa dort, wo Ikone hingehören, auch noch Ikone waren. Welchen es in der Regel immer gibt - und von denen "Psychotiker" auch immer berichten können.
- In diesem Zusammenhang dann auch die "Grammatik" von Bedeutungs- und Schemata-Bezug zu erklären, oder genauer: zu einem Verständnis der Differenz dieser Bezüge hinzuführen, ist ebenfalls ein wichtiger Schritt - so wie bei jedem anderen "Sprach-Unterricht" auch. Dass dieser "Unterricht" dabei nicht in hochpsychotischen Phasen erfolgen darf (in der gerade auch das "praktische Vorsprechen" und "Vorleben" des nicht-psychotischen Welt-Bezugs aus Punkt 6 wichtig ist), liegt auf der Hand.
- So kann langfristig dann auch die "InterpretantIn" eingeübt werden; als alternative und "überschreibende" Bezugs-Form zu den "Proto-Zeichen" und dem Schemata-Bezug, die nur durch "Übung" in der (positiven therapeutischen) Zweier-Beziehung als so attraktiv erfahren wird, dass sie zur echten Alternative zu den Schemata mit ihrer Index-artigen, furchtbaren wie auch "bedörenden" Sogwirkung wird. Und dass es dazu kommt, ist hilfreich; schließlich sind es ja die ("agierenden") Schemata, die sich zersetzend in den Bedeutungs-Bezug mischen.
- Der Umgang mit dem psychotischen Bezug ist damit ein wenig anders als mit dem Schemata-Bezug allein, der Persönlichkeits-Störungen prägt: Bei letzterem gilt es gewissermaßen, die "Umklammerung" aufzulösen - was eben (vergl. Punkt 8) am besten dadurch gelingt, dass in der "Sicherheit der therapeutischen Beziehung" auf einen Trigger hin nicht mehr mit Proto-Zeichen/ Schemata "gesprochen" wird, sondern eine Symbol-basierte Interpretation folgt. Die die TherapeutIn vorlebt; konkret dadurch, dass sie die KlientIn selbst zum Symbol macht, das über einen Index-Bezug an Ikone "gebunden" wird - und so eine "relationale" Bedeutung und einen relationalen Bedeutungs-Bezug bekommt (statt Index-artig und ohne Index-Ikon-Differenzierung an etwas gebunden zu sein, das so dargestellt und doch auch nicht dargestellt wird und sich mit dem Darstellenden vermengt). So wird das interpretierende Sprechen und der interpretierende Welt-Bezug eingeübt, sprich: der Wechsel von der Welt der "Proto-Zeichen" in jene der "echten" Zeichen vollzogen. Was in der psychoanalytischen Tradition auch gerne über Konzepte wie "Triangulierung" oder eben das Erreichen der "depressiven Position" beschrieben wird. Ohne damit aber die Feinheiten und Grundverständnisse des Geschehens zu erfassen (vergl. etwa die Rolle von Schemata in psychotischen Prozessen oder die Eröffnung (proto)grammatikalischer Element-Zusammenhänge) , die erst die semiotische Reformulierung dieser Prozesse erlaubt. Die zugleich die "Irrtümer" moderner Therapie vermeidet, die meint, dass es um "Aufarbeitung von Emotionen" oder "Identitäts-Fragen" geht - was lediglich ein Verweis darauf ist, dass sich Therapie-Konzeptionen in den Strudel Index-artigen Welt-Bezugs und damit in das Reich der "Proto-Zeichen" hineinziehen ließ.
- Auf all das weist Illustration 9 hin - als "Text-Blatt", das selbst wieder zur symbolischen Deutung einlädt.