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Mehrwertige Logik

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<p>Von theoretischer Seite her wurde die <a href="brain://g0mPFlB_p1Koj8McAOVaiw/System" class="thought-link">System</a>theorie nachhaltig von einem deutschen Philosophen beeinflußt, der später auch gemeinsam mit Heinz von Foerster, Humberto Maturana et.al. am Biological Computer Laoratory tätig wurde: Gotthard Günther. Ihm ging es um die Idee und Weiterentwicklung einer nicht- aristotelischen Logik. Günther verwehrte sich dagegen, daß die klassische Idee des Denkens, wie sie durch die philosophischen Prinzipien von formaler Identität, verbotenem Widerspruch und ausgeschlossenem Dritten, beschrieben wird, die einzige Idee des Denkens überhaupt sei. Dem klassischen Denken vom Sein stellt er eine trans-klassische, mehrwertige Logik entgegen.

"Dem klassischen Denken korrespondierte als Thema die Welt als ein mit sich selbst identischer, objektiver, der Reflexion unmittelbar gegebener, irreflexiver Realzusammenhang. Auf diesen war der aristotelische Formalismus ausgerichtet. Das Thema des trans-klassischen Denkens aber ist jene erste Reflexion, die sich einer denkfremden Kontingenz der Welt der Gegenstände gegenübersieht. Auf diese Reflexion wird jetzt reflektiert."<sup>1</sup>

Die Erweiterung der aristotelischen Logik des klassischen Denkens vom Sein, in der das Denken auf sein unmittelbares Verhältnis zum Sein reflektiert ist, findet jetzt in der Reflexion auf dieses ontologische Denken selbst statt. Das neue Thema des Denkens lautet also nicht mehr "Sein", sondern: Reflexion. Für die Reflexion auf Reflexion aber kann es kein vom Denken unabhängiges absolut beschreibbares (objektives, also irreflexives) Sein mehr geben. Wirklichkeit lässt sich nach Günther'scher Logik also nicht mehr unabhängig vom Bewußtseinsprozess beschreiben.

Daß Günther damit dem deutschen Idealismus und insbesondere Hegel anhängt, ist klar. Dieser kritisierte nämlich die Kantische Version der "kopernikanischen Wende" insofern, als er das Ich-an-sich für genauso unzugänglich erklärt wie das Ding-an-sich. Das bedeutet, daß eine logische Asymmetrie zwischen beiden an-sich-Kategorien nicht besteht, es mithin gleichgültig ist, ob sich die Erkenntnis nach den Gegenständen richtet, oder die Gegenstände nach der Erkenntnis. Kant hält zu sehr fest an der Vorstellung des Gegensatzes von denkendem Subjekt und existierendem Objekt. Nach Hegel ist Bewußtsein jedoch kein Ich-an-sich, "...sondern der lebendige Vor-gang der Reflexion..."<sup>2</sup> So existiert im <a href="brain://Y8OmMR9XUlifvRrh2LJzAA/Bewußtsein" class="thought-link">Bewußtsein</a> nicht ein passives Bild, sondern Bewußtsein ist nur zu begreifen als ein aktiver Prozess.

Nach Günther entsprach dem reflexiv ungebrochenen Weltbild der klassischen Periode stets ein unbefangenes Denken in reflexionsfreien Begriffen.

"Die geistige Krise der Gegenwart aber entstand, als die uns umgebende Wirklichkeit in wachsendem Maß reflexive Aspekte zu zeigen begann, unser Denken sich aber auch jetzt noch ausschließlich an der durchsichtigen Reinheit und dem überwältigenden Evidenzdruck eines ungebrochenen klassischen Kategorialsystems orientierte. Bewußtsein und <a href="brain://tdIVCQd9WlqhPyGYhxGbMw/Welt" class="thought-link">Welt</a> wurden so immer weiter auseinandergetrieben."<sup>3</sup>

Die klassische Logik, die zwischen <a href="brain://oOfXtvhABV2zcxuAP-VClQ/Denken" class="thought-link">Denken</a> als subjektivem Prozess und Gedachtem als Inhalt unterschied kulminierte so im Glauben an das Absolute (Gottesidee), an die göttliche Einheit aller Gegensätze (<i>coincidentia oppositorum</i>), wo alle Komponenten des objekthaft Seienden und der subjekthaften Reflexion zusammenfallen, während sie im Diesseits auseinanderliegen.

Im kybernetischen Informationsbegriff, wie er von Wiener verfasst wurde, sieht Günther die klassische Zweiteilung der Logik aufgehoben. Information ist nämlich weder Energie noch Materie, sondern eben Information und somit dritte Komponente zwischen Objektivität und Subjektivität.<sup>4</sup> Methodisch wird diese dritte Komponente nicht aus der Objektivität, sondern aus der Subjektivität abgeleitet. Günther unterteilt die Subjektivität dazu in eigenes seelisches Erleben (Ich-Subjektivität) und fremdseelisches Erleben (Du-Subjektivität). Fremdseelisches bleibt dabei grundsätzlich unerkennbar und ist auch durch Introszendenz (Tiefenschau) nicht zu gewinnen. Fremdseelische Bewußtseinsvollzüge sind nicht objektivierbar, man kann fremdseelische Reflexionssysteme nur von außen, also objektiv- reflexiv denken, insofern müsste man das klassische Evidenzbewußtsein nach Günther nicht intersubjektiv, sondern interobjektiv nennen.

In diesen Erkenntnissen liegen bereits die Grundbausteine für eine Theorie des Beobachters (vgl. <a href="brain://VXZGvQudmVC-w_dfOPmgoA/Beobachtung" class="thought-link">Beobachtung</a>), die im Rahmen des Autopoiesismodells enorme Wichtigkeit erlangen.

Die Trennung von Natur - und Geisteswissenschaften ist für Günther ein klassisches Beispiel für die wissenschaftlich unzulängliche Struktur des dualistischen Denkens.<sup>5</sup> Der unglückliche Methodendualismus, dem vor allem die Gesellschaftswissenschaften mehr oder weniger seit ihrer Geburtsstunde anhängen, könnte nach Günther durch die Kybernetik überwunden werden. In Anlehnung an Hegel und unter Zitatation von Topitsch und Schelsky hält er den Gegensatz von Natur- und <a href="brain://rS9vxdBZzluXprgYc0M2iA/Geist" class="thought-link">Geist</a> als Ausdruck einer "abgelebten Mythologie". Aus dem Verzicht "ergibt sich ein Weltbild, in dem dieses 'physische' Universum, in dem wir leben, als ein universales System der Selbstreflexion erscheint."<sup>6</sup>

Der Einfluß von Gotthard Günther auf die kybernetische und systemtheoretische Forschung kann an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden. Fest steht jedoch, daß die Idee einer nicht- aristotelischen Logik zu einer frühzeitigen und verstärkten Beschäftigung der Kybernetiker mit logischen und insbesondere Reflexionsproblemen führte. Viele Günther'sche Begriffe (wie z. B. Autoreferenz oder Polykontexturalität) tauchen in der späteren Systemtheorie (insbesondere nach Luhmann) wieder auf und die mathematischen Kalküle des Heinz von Foerster, scheinen ebenso (zumindest im Ansatz) der Logik G. Günthers entsprungen zu sein.

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<b>Fußnoten</b>

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  1. Gotthard Günther: Die aristotelische Logik des Seins und die nicht-aristotelische Logik der Reflexion, in; Zeitschrift für philosophische Forschung, Bd. 12, 1958, S. 370
  2. Gotthard Günther: Zur gegenwärtigen Wissenschaftstheorie. Aus Anlaß von Jürgen Habermas: "Zur Logik der Sozialwissenschaften", in: Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Zweiter Band, Hamburg 1979, S. 159. Die Kritik der Systemtheorie an Habermas scheint hier ihren monumentalen Ursprung zu nehmen. Siehe S. 169: Habermas steht in einer ehrwürdigen, aber unwiderruflich dem Verfall preisgegebenen Tradition, die nur dort ihr Leben fristet, wo sie mit längst veralteten Denkweisen arbeiten kann und die speziell in den Geisteswissenschaften in einer vagen, mystischen Tiefe schwelgt." Vgl. auch die weitere Kritik an der Habermas'schen, philosophisch "unexakten Handlungsmethodologie".
  3. Gotthard Günther: Die gebrochene Rationalität, in; Beitäge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Erster Band, Hamburg 1976, S. 139 (25)
  4. siehe Gotthard Günther: Das Bewußtsein der Maschinen, Baden-Baden und Krefeld 1963, S. 31 f.
  5. Gotthard Günther: Das Bewußtsein der Maschinen, a.a.O., S. 91
  6. Gotthard Günther: Zur gegenwärtigen Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 163. Allein den Verlauf dieses Gedankens zu verfolgen, wäre eine ausführliche Bearbeitung wert. In der östlichen Mythologie ist "Seele nur dieses Weltall", bei Hegel war der gesamte Weltprozeß die Selbstentfaltung des Geistes, bei Günther ist es die Universalität der Selbstreflexion, in der modernen Evolutionstheorie nach Jantsch schafft sich die Evolution ihre eigenen Beobachter und Luhmann schließlich spricht von der wirklichen Welt,die in der Lage ist sich selbst zu beobachten und die sich ihre Wissenschaftler schafft, damit sie sich darüberhinaus auch selbst beschreiben kann.</p>

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