Dekonstruktion
<p>Seit Nietzsches Einführung ästhetischer Parameter in den abendländischen Rationalitätsdiskurs zielt die Dekonstruktion auf eine Hinterfragung platonischer und aristotelischer Logikvorstellungen ab, wie sie sich insbesondere in der Sprachphilosophie, der Seinsmetaphysik (Ontologie) und dem wissenschaftlichen Positivismus manifestiert haben. Das <a href="brain://oOfXtvhABV2zcxuAP-VClQ/Denken" class="thought-link">Denken</a> wird vom Prinzip der Zweiwertigkeit befreit und auf Mehrwertigkeit ausgerichtet. Das betrifft zum einen den Glauben an naive Formen der Repräsentation. Anstelle von Abbildungs- und Widerspiegelungsverhältnissen treten komplexe Modelle der Identitätsbrechung, der Analogiebildung, der Dekontextualisierung, der iterativen Faltung. Zum anderen ist es die Einführung der Kategorie der Zeitlichkeit in die Logik selbst, wie sie vor allem von Gilles Deleuze, aber auch von Autoren wie George Spencer Brown etabliert wurde. Hier wird mit gängigen Vorstellungen von Finalität, Kontinuität und Zweckgerichtetheit gebrochen.
Praktische Auswirkungen, die sich insbesondere in der Architektur, aber auch im <a href="brain://ewnl_5Yg5leBalcueBWGjQ/Design" class="thought-link">Design</a> wiederfinden, haben ihren geistigen Ursprung vor allem in den Überlegungen des französischen Philosophen Jacques Derrida. Wie Luhman und Lyotard, die den gesellschaflich zentralen Beobachterstandpunkt und die Möglichkeit einheitlicher grosser Erzählungen negieren, überwindet Derrida den strukturalistischen Diskurs zugunsten einer differenzorientierten und dezentralistischen Position.
 
Durch die Anwendung dekonstruktivistischer Methodik schaffen es Architekten und Designer, sich von der Kontinuität tradierter Formsprachen und Stilvorgaben zu distanzieren. Die Architekturen von Eisenman bis Gehry lassen <a href="brain://ELkemmCubVqL50jCzeMa5w/Form" class="thought-link">Form</a> und Funktion in ein loose gekoppeltes Verhältnis treten; Linien werden aufgebrochen, Stile werden vermischt, <a href="brain://9nmIFsvy-lK4HYfpJmW98Q/Zufall" class="thought-link">Zufall</a>smomente und Unvollkommenheiten werden mitberücksichtigt: Gebäude werden zu Skulpturen transformiert.
Im Design ist die Überwindung von Formatvorgaben und die Neuzuordnung von Form und Inhalt unter je spezifischen medialen Kontexten ebenso bekannt; so findet sich z.B. in den Arbeiten von David Carson eine Auflösung konventioneller typographischer Regeln und Formatvorstellungen, die in schöpferische Text-Bildcollagen münden.
 
<b>Literatur:</b>
Jacques Derrida: Die Schrift und die Differenz, Paris 1967
Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung, München 1992
Michael Collins & Andreas Papadakis: Design und Postmoderne; München 1990
 
Stefan Asmus, in:
Design Dictionary/Wörterbuch Design
Published in the Series BIRD (Birkhäuser Board of International Research in Design)
Edited by Timothy Marshall, Parsons School of Design NYC and Michael Erlhoff, KISD
Basel, New York 2007</p>