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Selbstreferenz

I.

Selbstreferenz ist keine Wiederholung des Eigenen. Sie ist ein struktureller Akt der Lebendigkeit: ein System wird sich seiner selbst bewusst, nicht durch Abbild, sondern durch Rückbezug. Es verweist auf sich - nicht im Sinne des Narzissmus, sondern im Sinne der Differenz: Das hier bin ich, indem ich mich von anderem unterscheide.

Ein selbstreferenzielles System unterscheidet sich nicht nur vom Außen, sondern erzeugt auch Innen. Es bildet nicht Repräsentation, sondern Struktur. In jedem Akt der Selbstbezüglichkeit entsteht eine Grenze - zwischen System und Umwelt, zwischen Form und Formlosigkeit. Doch diese Grenze ist durchlässig. Der Rückbezug ist kein Einschluss, sondern eine Bewegung: Das System bezieht sich auf sich, indem es mit anderem verbunden bleibt.

Selbstreferenz bedeutet also nicht Abgeschlossenheit, sondern Organisation. Ein System, das sich selbst referenziert, operiert nicht blind. Es sieht sich selbst in jedem seiner Prozesse - nicht als Objekt, sondern als Bedingung. Es erzeugt Welt, indem es sich selbst erzeugt.

In der Gestaltung zeigt sich Selbstreferenz als Stimmigkeit: Eine Form verweist auf sich, aber auch auf den Entwurf, auf das Medium, auf den Prozess ihrer Entstehung. Ein gutes Design ist nie nur Lösung - es ist auch Aussage über sich selbst. In ihm verdichtet sich das Bewusstsein, dass jede Form eine Entscheidung ist - und jede Entscheidung eine Setzung, die sich verantworten muss.

Systemtheoretisch ist Selbstreferenz die Bedingung von Autopoiesis: Ein System, das sich selbst erzeugt, muss sich auch selbst beobachten. Es unterscheidet, was es ist, von dem, was es nicht ist - und bleibt dabei offen für das, was es werden kann. Der Rückbezug ist dynamisch. Er ist kein Kreis, sondern eine Spirale.

In komplexen Prozessen ist Selbstreferenz keine Option, sondern Notwendigkeit. Denn ohne Rückbezug gibt es keine Resonanz, keine Kohärenz, keine Evolution. Alles, was Bestand haben will, muss sich auf sich beziehen - nicht um sich zu erhalten, sondern um sich zu verändern. Das Ich. Das Werk. Die Form. Die Gesellschaft.

Selbstreferenz ist damit kein Rückzug ins Eigene, sondern eine Methode, sich selbst im Spiel der Welt zu erkennen –-und dabei offen zu bleiben für das, was von außen ruft.

II.

Der Neuigkeitsgewinn der Systemtheorie liegt in der Erkenntnis von Selbstreferenz und zwar auf empirischer, also nicht analytischer oder gar transzendentaler Basis.

(Simon, Fritz B. (Hg.): Lebende Systeme, Wirklichkeitskonstruktionen in der Systemischen Therapie, Berlin 1988, S. 47)

Mit der Einführung des Autopoiesiskonzeptes gewinnt die Figur der Selbstreferenz in der Luhmannschen Systemtheorie eine tragende Position. Luhmann unterscheidet drei Formen der Selbstreferenz:

Autopoietische Systeme funktionieren aufgrund ihrer Geschlossenheit in reinem Selbstkontakt. Das heißt, sie können keine Operationen außerhalb ihrer eigenen Grenzen durchführen. Alle Informationserzeugung und Verarbeitung findet somit innerhalb des Systems statt. Dem System ist von daher jeder Rückgriff auf außenliegende Kausalverhältnisse oder Begründungsformeln versperrt.1 Das System muß sich selbst weiterhelfen. Nach Luhmann, im Anschluß an Spencer Brown, geschieht dies durch das Treffen einer Unterscheidung.2 Jedes System setzt also grundlegend mit einer Differenz ein. Diese Differenz kann selbst nicht wieder unterschieden werden, denn dazu wäre eine weitere Unterscheidung notwendig. Dementsprechend kann das System auch nur das sehen, was es aufgrund der eigenen Unterscheidung sieht und es sieht eben nicht, was es nicht sieht (Blinder Fleck).

Mit Maturana wissen wir, daß autopoietische Systeme nur unter der Bedingung der Kopplung an eine Umwelt existieren können. Sie werden zwar nicht von ihrer Umwelt determiniert, aber die Umwelt ist konstitutiv für den Aufbau systemeigener Strukturen. Nach Luhmann ist die Umwelt aufgrund ihres konstitutiven Charakters ebenso real und notwendig wie das System, weil es sonst nichts gäbe, wovon das System sich unterscheiden könnte.3 Das System muß also in jedem Fall eine Umwelt voraussetzen können. Aber der direkte Zugang zur Umwelt bleibt ihm versperrt.

Diese begriffliche Disposition nutzt Luhmann für eine Rekonstruktion der konstruktivistischen Erkenntnistheorie. Die Frage lautet: wie können geschlossene Systeme erkennen? Die Antwort: durch Einführung einer Unterscheidung.4 Luhmann spricht sich dafür aus, daß die gängige erkenntnistheoretische Unterscheidung von Subjekt/Objekt durch die System/Umwelt- Differenz ersetzt wird. Diese Begriffsfassung macht es nämlich möglich, daß das System sich von seiner Umwelt durch eigene Unterscheidung abgrenzt, und diese Differenz wieder in das System einführt (Re-entry). Erkennen ist in diesem Sinne "weder Kopieren, noch Abbilden, noch Repräsentieren einer Außenwelt im System...sondern das Realisieren kombinatorischer Gewinne auf der Basis der Ausdifferenzierung eines gegen seine Umwelt geschlossenen (aber eben: in ihr 'eingeschlossenen') Systems."5 Gemäß dieser Begriffsfassung stellt sich für Luhmann auch nicht die Frage, ob die Außenwelt existiert oder nicht. Er geht sowohl davon aus, daß die Außenwelt existiert,6 ^als auch davon, daß "alle erkennenden Systeme reale Systeme in einer realen Umwelt sind, mit anderen Worten, daß es sie gibt."7 Luhmann setzt also nicht bei der Subjektivität des Bewußtseins an, sondern bei der Subjektivität eines erkennenden Systems. In diesem Sinne gilt die Selbstreferenzbedingung für alle autopoietischen Systemtypen gleichermaßen.8

Die wesentliche Frage, die sich im Zusammenhang mit der konstruktivistischen Erkenntnistheorie immer wieder stellt, zielt darauf ab, wie unter den Bedingungen der operationellen Geschlossenheit überhaupt stabile Kognitionen und Strukturen entstehen können. Zum einen gibt es hierfür das Erklärungsprinzip der Rekursivität. Demnach werden Operationen stets auf die Ergebnisse von vorausgegangenen Operationen angewandt, bis sich nach hinreichend langer Wiederholung ganz bestimmte Formen stabilisieren (vgl. Eigenwerte). Luhmann bietet hier aber noch eine weitere Erklärung an: das Phänomen der Gleichzeitigkeit. "Aus der unabwendbaren Sicherheit der Gleichzeitigkeit von System und Umwelt können im Moment aktuelle Zeitprojektionen entstehen."9 Autopoietische Systeme bestehen aus kurzfristigen Ereignissen, die mit ihrem Auftauchen schon wieder verschwinden und deshalb für stetigen Anschluß sorgen müssen. Nur Umweltereignisse, die unter gleichzeitigen Bedingungen operieren, können demnach antizipierende Reaktionen auslösen.10

Nach Luhmann führen diese Prozesse zu Bedingungen, die weitere Anschlußvorgänge scharf beschränken. Die Abkopplung der Systeme von ihrer Umwelt führt unter den genannten Prämissen nicht zu einer Beliebigkeit der dadurch ermöglichten Operationen. Luhmann behauptet vielmehr, daß es in der Realwelt überhaupt keine Beliebigkeit gibt.11 Um die Richtigkeit dieser Behauptung zu überprüfen, führt Luhmann an: Beobachte den Beobachter."12 Die Beobachtung eines beobachtenden Systems (im Anschluß an Maturana handelt es sich hierbei um eine Beobachtung 2.Ordnung) kann nämlich die Beschränkungen beobachten, die dem beobachteten Sytem durch seine eigene Operationsweise auferlegt ist. Er kann sowohl sehen, welche Leitdifferenz gewählt wurde (recht/ unrecht, wahr/ unwahr, etc.) und wie das System mit der Anfangsparadoxie umgeht. Er sieht, was das System nicht sieht, also die sogenannten latenten Strukturen. Er kann dadurch Erkenntnisse gewinnen, allerdings wiederum nur nach Maßgabe seiner eigenen Unterscheidungen. "So wird der Erkenntnistheoretiker selbst Ratte im Labyrinth und muß reflektieren, von welchem Platz aus er die anderen Ratten beobachtet."13 Damit läuft alles Beobachten auf Paradoxien hinaus. Der Beobachter konstatiert seine eigene Realität aufgrund des eigenen blinden Flecks. Nach Luhmann ist die Realität demnach das "was man nicht erkennt, wenn man sie erkennt."14

Dennoch geht er nicht davon aus, daß das System, so wie Maturana es bezeichnet, 'blind' operiert. Das System kann sich nämlich selbst von anderen Beobachtern unterscheiden und es kann andere Beobachter voneinander unterscheiden. Soziale Realität ist nach Luhmann immer dann gegeben, wenn ein Beobachter andere Beobachter beobachtet und dabei feststellt, daß ihnen, trotz ihrer Unterschiedlichkeit, übereinstimmende Sachverhalte gegeben sind.

Demnach sind die Beobachter zwar blind für ihren blinden Fleck, aber nicht für ihre konsensuelle Realität. Infolgedessen sind nach Luhmann erkennende Systeme wirkliche (empirische, weil beobachtbare) Systeme in einer wirklichen Welt.15 Die Welt ist eine Welt der unterschiedlichen Beobachter und der unterschiedlichen, aber gegeneinander grundlegend gleichwertigen Standpunkte. Mit Gotthard Günther könnte man hier den polykontexturalen Weltbegriff einführen. Dies erfordert nach Luhmann die Umstellung von Einheit auf Differenz.16

Nach Luhmann begünstigt die konstruktivistische Erkenntnistheorie im Endeffekt eine soziologische Erkenntnistheorie. Was wir Erkenntnis nennen, ist nämlich "das Produkt des Kommunikationssystems Gesellschaft, an dem Bewußtsein zwar jeweils aktuell, aber immer nur in minimalen Bruchteilen teilhat."17 ^Die Konstruktion des anderen Beobachters wird nach Luhmann nicht durch eine plötzlich einleuchtende Analogie ermöglicht, in dem Sinne, daß der andere als ichgleich operierend erfahren wird, sondern sie wird durch Kommunikation erzwungen. Indem der Beobachter in seinem Wahrnehmungsbereich zwischen Mitteilung und Information unterscheidet, kann er ein mitteilendes Subjekt vom Mitteilungsinhalt unterscheiden. Und nur durch diese Unterscheidung kann das Kommunikationssystem Anschlußoperationen herstellen.18

Es gibt also keine Möglichkeit der gesellschaftsexternen Beobachtung.19 Gesellschaft vollzieht, was sie vollzieht und sie sieht nur das, was sie aufgrund ihrer, die Beobachtungen leitenden Differenzen, sieht.20 Sie konstruiert ihre Realität also durch ein paradoxes, ein zirkuläres Verfahren und sie steht in Konkurrenz mit anderen Weisen der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung.21 Die Verantwortung der modernen Gesellschaftstheorie liegt nach Luhmann darin, daß sie mit höherer Selbsttransparenz arbeiten muß.22 Sie muß sich dementsprechend die neueren kybernetischen Erkenntnisse zur Selbstreferenz und zur Autopoiesis zunutze machen und gemäß diesen Bedingungen die gesellschaftlichen Teilsysteme beobachten. Diese operieren nämlich ebenso aufgrund ihrer eigenen Blindheit gegenüber der eigenen Leitdifferenz. Die moderne Theorie kann aber als außenstehender Beobachter sehen, was die Teilsysteme nicht sehen (nämlich den blinden Fleck) und sie kann durch ihre Perspektive eine eigene Beschreibung der Teilsysteme erzeugen.

Fußnoten

  1. "Es gibt keine Gesamtformel des Guten und Richtigen mehr." Niklas Luhmann: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, Ffm. 1987, S. 134. Siehe auch S. 69 und S. 641.
  2. Dabei ist es gleichgültig, welche Unterscheidung getroffen wird. Die getroffene Unterscheidung müßte sich, kann sich aber nicht weiter unterscheiden. Die Spencer Brownsche Logik kann man also als Kalkül für das Prozessieren einer Paradoxie auffassen. Vgl.: George Spencer Brown: Gesetze der Form, Bohmeier Verlag, Lübeck 1997.
  3. Vgl.: Das Erkenntnisprogrammm des Konstruktivismus und die unbekannt bleibende Realität, Manuskript Bielefeld 1989, erschienen in: Soziologische Aufklärung Bd. 5, Opladen 1990, S. 4.
  4. Niklas Luhmann: Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus, a.a.O., S. 2
  5. Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus, a.a.O., S. 7
  6. Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus, a.a.O., S. 7
  7. Niklas Luhmann: Erkenntnis als Konstruktion, Bern: Benteli 1988
  8. Vgl. Erkenntnis als Konstruktion, a.a.O., S.2, insbesondere Fußnote 9.
  9. Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus, a.a.O., S. 8
  10. Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus, a.a.O., S. 8
  11. Erkenntnis als Konstruktion, a.a.O., S. 3
  12. Erkenntnis als Konstruktion, a.a.O., S. 3
  13. Erkenntnis als Konstruktion, a.a.O., S. 5
  14. Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus, a.a.O., S. 13
  15. Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus, a.a.O., S. 7.
  16. Es geht dementsprechend auch nicht um eine intersubjektive Weltkonstitution. Der Weltbegriff nach Luhmann bezeichnet die Sinneinheit der Differenz von System und Umwelt. Luhmann gibt damit die traditionelle Zentrierung des Weltbegriffs auf eine Mitte oder auf ein Subjekt hin auf. So ist die Welt, anders als Husserls phänomenal gegebene Welt, "eine Abschlußeinheit als Anschlußvorstellung an eine Differenz. Sie ist die Welt nach dem Sündenfall." Siehe Niklas Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 284.
  17. Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus, a.a.O., S. 15.
  18. Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus, a.a.O., S. 17
  19. Dementsprechend muß man nach Luhmann die axiomatische, transzendentale, oder vernünftige Begründung durch eine paradoxe Begründung ersetzen. Es kann keine 'richtigen' oder vernünftigen Ausgangspunkte mehr geben, "sondern nur noch operativ eingesetzte Unterscheidungen, die jeweils systemspezifische Kognitionen ermöglichen, aber eben auch Beobachtungen und Beschreibungen dessen, was für andere Systeme von anderen Ausgangspunkten her unzugänglich ist." Niklas Luhmann: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, in: Merkur 42, S. 292-300
  20. Luhmann verweist darauf, daß die Gesellschaft gängigerweise mit dem Werteschema positiv/negativ beobachtet wird, während sich dieses Schema selbt der Beobachtung entzieht. Die Soziologie könnte durch andere Leitdifferenzen darauf aufmerksam machen, daß es latente Meinungen gibt, also eine Umparadoxierung vornehmen. "Man könnte das soziologische Aufklärung nennen." Vgl.: Niklas Luhmann: Die Selbstbeschreibung der Gesellschaft und die Soziologie, a.a.O., S. 4, 5.
  21. Die Konkurrenten der Soziologie sind nach Luhmann Wertunterstellungen, soziale Bewegungen (die so tun, als könnte man die Gesellschaft von außen betrachten) und Massenmedien. Vgl.: Niklas Luhmann: Die Selbstbeschreibung der Gesellschaft und die Soziologie, a.a.O., S. 4.
  22. Die Selbstbeschreibung der Gesellschaft, a.a.O., S. 7

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