Open in TheBrain

Tod

Vor meiner Geburt lag die Ewigkeit. Nach meinem Tod wird sie wieder da sein. Zwischen diesen beiden Leeren flackert ein Licht - das wir Leben nennen. Schopenhauer zufolge ist die Zeit nach dem Tod nicht schlimmer als die Zeit vor der Geburt. Die Furcht vor dem Ende ist nicht logisch, sondern triebhaft. Sie entstammt dem Willen, nicht der Einsicht. Denn der Wille zum Leben ist älter als das Denken. Er ist das, was sich in jeder Zelle behauptet - in jedem Tier, in jedem Organismus, in jedem Kampf ums Überleben. Leben ist Organisation gegen das Chaos, Form gegen Entropie. Doch dieser Wille ist blind. Er will nicht aus Gründen, sondern weil er ist. Er fragt nicht, er strebt. Er ist Bewegung ohne Ziel, Kraft ohne Richtung.

Erkenntnis kommt später. Als Störung. Als Gegenkraft. Als Prinzip, das dem Willen fremd ist - und ihn dennoch durchschaut. „Die Erkenntnis streite mit dem Willen“, schreibt Schopenhauer. Und oft gewinnt sie - kurz. Unser Urteil gibt ihr Beifall. Aber der Wille bleibt. Tiefer. Lautloser.

So wird der Mensch zum Schauplatz eines inneren Kampfes: zwischen dem, was blind drängt - und dem, was sieht. Das Licht, das wir Erkenntnis nennen, wirft seinen Schein auf den Abgrund, aus dem wir kommen. Und in den wir zurückkehren. Nicht, um zu enden. Sondern um uns wieder aufzulösen - in jenes Ununterscheidbare, das schon vor uns war. Und nach uns bleibt.

Der Schlaf ist der Bruder des Todes, die Ohnmacht der Zwillingsbruder. (Schopenhauer; Bd. 3, S. 566)

Literatur:

 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung Bd. 1 bis 4, Zürich 1977