Leben
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<p>Der Chilenische Biologe Humberto Maturana verweist darauf, daß bisherige Theorien über lebende Systeme lediglich Beschreibungen ihrer möglichen Aktivitäten und Zustände aufzählten. So werden Fortpflanzung, Informationsverarbeitung oder interne hierarchische Relationen als fundamental konstitutive Merkmale der lebendigen Organisation beschrieben. Maturana versucht jedoch das lebende System über seine spezifische Organisationsform zu definieren.<sup>1</sup> Dabei versteht er Organisation (aus dem griechischen; organon: Instrument) als Bezeichnung für die Relationen zwischen den Bestandteilen eines Systems, die dieses System als eine Einheit definieren. Um ein System als eine Einheit zu definieren ist es demnach notwendig und hinreichend, seine Organisation zu definieren.
Die Organisationsform, die ein System als lebendes System definiert, nennt Maturana: AUTOPOIESIS.<sup>2</sup> (griechisch; autos=selbst; poiein=machen, vgl. <a href="brain://-NCID232SFWEElhCQbJByw/AutopoietischeSysteme" class="thought-link">Autopoietische Systeme</a>) Bei dieser Organisationsform handelt es sich um Prozesse, die auf spezifische Weise verkettet sind, nämlich "auf eine Weise, in der die verketteten Prozesse die Bestandteile erzeugen, die das System als eine Einheit aufbauen und kennzeichnen."<sup>3</sup>
Maturana greift also auch bei seiner Definition des Lebendigen auf kybernetische Erklärungsmodelle zurück. Demnach läßt sich ein lebendes System als eine Interaktionseinheit verstehen, die in einer Umgebung existiert, unabhängig von der sie in ihrem Funktionieren nicht verstanden werden kann.<sup>4</sup> Das lebende System ist charakterisiert durch exergonischen Stoffwechsel, Wachstum und interne molekulare Replikation. Dies alles ist in einem geschlossenen kausalen Kreisprozeß organisiert. Evolutive Veränderungen sind im Bereich der Aufrechterhaltung dieser zirkulären Organisation möglich.
Das homöostatische System hat den Parameter und die Funktion, eben diese zirkuläre Organisation selbst zu erzeugen und zu erhalten. Um dies zu ermöglichen, werden die Bestandteile, aus denen das System besteht, permanent selbst erzeugt.<sup>5</sup> Eben diese Organisation definiert ein lebendes System als Interaktionseinheit.
Eine autopoietische Einheit ist also eine homöostatische Maschine,<sup>6</sup> (ein Netzwerk zur Produktion der eigenen Bestandteile), die sich durch ihr Funktionieren permanent selbst erzeugt und somit ihre eigene Organisation als kritische Variable konstant hält. Alle möglichen Veränderungen sind der Erhaltung der eigenen Organisation untergeordnet. Dementsprechend erzeugen die Operationen einer autopoietischen Einheit die eigenen Grenzen und die eigene Identität. Die Einheit bezieht sich im Prozeß ihrer Aufrechterhaltung ausschließlich auf sich selbst. Sie übernimmt keine Elemente aus der Umwelt, sondern der Systemprozeß selbst spezifiziert, was überhaupt Element sein kann. Das wesentliche Merkmal autopoietischer Maschinen ist also ihre operationale Geschlossenheit.<sup>7</sup>
Das bedeutet nicht, daß diese Systeme keinen Kontakt zu ihrer Außenwelt hätten. Im Gegenteil, autopoietische Systeme kennzeichnen sich durch ihre strukturelle Kopplung an die <a href="brain://AjjyZ5seolWUrwqFaTwzOQ/Umwelt" class="thought-link">Umwelt</a>. Aber sie beziehen keine Informationen aus ihrer Umwelt. Maturana trennt den Operationsmodus lebender Systeme streng von deren Struktur. Ein lebendes System kann viele verschiedene Strukturen aufweisen, die Bestandteile können viele verschiedene Eigenschaften aufweisen, aber die Organisation ist davon unabhängig.<sup>8</sup> Alle Informationen, die zur Aufrechterhaltung der Organisation gebraucht werden, werden durch die zirkuläre Organisation selbst produziert. Dabei ist jede mögliche Operation abhängig vom jeweiligen Zustand vor jeder Operation: autopoietische Systeme sind somit strukturdeterminierte (zustandsdeterminierte) Systeme.<sup>9</sup>
Die Struktur definiert auch den möglichen Interaktionsbereich der Einheit. Dieser ist in dem Maße begrenzt, als er der Organisation der Einheit untergeordnet ist. Perturbationen, die der Autopoiese zuwiderlaufen, gehören somit nicht zum Interaktionsbereich. Der Interaktionsbereich ist gleichsam der kognitive Bereich des autopoietischen Systems, also der Bereich aller möglichen Beschreibungen, die das System anfertigen kann. Die Verhaltensvielfalt eines Lebewesens ist somit komplett unter die Bedingungen der Autopoiese gestellt. Wenn aber der gesamte kognitive Bereich der Autopoiese des Systems untergeordnet ist, so muß jede Erkenntnisleistung des Systems ebenso der Autopoiese untergeordnet sein.
Aus der organisatorisch geschlossenen Operationsweise lebender Systeme entwickelt Maturana deshalb folgende These:
"Kognition ist ein biologisches Phänomen und kann nur als solches verstanden werden. Jegliche epistemologische Einsicht in den Bereich der Erkenntnis setzt dieses Verständnis voraus."
 
<b>Fußnoten</b>
 
- Maturana: Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1985, S. 139
- Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 141
- Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 186
- Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 35
- Genau diese Aussage soll Niklas Luhmann zur generalisierenden Anwendung des Autopoiesiskonzeptes auf Sinnsysteme gereichen.
- über lebendige und andere Maschinen siehe den Aufsatz; Autopoietische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation, in; Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 170 ff.
- Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 186
- Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 187
- Maturana, Erkennen, a.a.O., S. 242
- Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 33</p>
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