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Welt

„Dies ist eine Welt, die in mir ist.“

(Paul Valéry)

I. Welt als Bedingung der Erfahrung

Welt ist kein Gegenstand. Sie ist kein Objekt unter anderen, sondern der Horizont aller Objektivierung. Nicht das, worauf sich Erfahrung richtet, sondern das, was Erfahrung überhaupt erst möglich macht. Welt ist das Ununterscheidbare im Unterscheiden - der transzendentale Hintergrund aller Wirklichkeitsbildung. So gesehen ist Welt nicht etwas, das vorhanden ist, sondern etwas, das vorausliegt. Sie ist nicht da, sondern sie ermöglicht, dass überhaupt etwas da sein kann.

Niklas Luhmann spricht in diesem Zusammenhang von Welt als dem „Unbeobachtbaren par excellence“, das sich jeder direkten Beobachtung entzieht, aber von jeder Beobachtung vorausgesetzt wird.1 Welt ist das, was durch keinen Systembezug ganz erfasst werden kann, aber jedem System als Umwelt gegenübersteht. Damit markiert Welt den äußersten Außenraum des Beobachtbaren, das Andere aller Systeme - und gleichzeitig ihre Bedingung.

Wer von Welt spricht, spricht also nicht von einem Seienden, sondern von einem Möglichkeitsraum: ein offenes Kontinuum, das sich nur durch Unterscheidung strukturieren lässt - durch Form, durch Grenze, durch die Differenz von Innen und Außen. Welt ist in diesem Sinne kein Behälter, sondern ein Flimmern, das sichtbar wird, wenn etwas als etwas erscheint.

II. Welt als Differenzmaschine

Systemtheoretisch lässt sich Welt nur negativ bestimmen: als das, was nicht System ist - und damit als Umwelt, als unendliche Referenzfläche für selektive Sinnproduktion. Jedes autopoietische System - ob Leben, Bewußtsein, Kommunikation oder Geist - operiert unter der Voraussetzung, sich von einer es übersteigenden Welt abgrenzen zu müssen. Es kann nur existieren, indem es Komplexität reduziert, Bedeutung erzeugt, Relevanz filtert. Welt ist also nicht das, was ist, sondern das, was nicht ausgeschlossen wurde.

Welt ist damit die Differenzmaschine schlechthin. Nicht Inhalt, sondern Bewegung. Nicht Substanz, sondern Struktur. Sie existiert nur als Horizont des Unterscheidens - und verschwindet genau in dem Moment, in dem man sie dingfest machen will. Sie ist nicht verfügbar, nicht erkennbar im Ganzen - und gerade deshalb die Bedingung jeder Erkenntnis.

In diesem Sinne ist Welt nicht das, was man besitzt, sondern das, wovon man ausgeht. Sie ist leer - und in dieser Leere liegt ihre schöpferische Kraft. Denn nur im Offenen, im Nicht-Determinierten, im Nicht-Gesetzten kann Form überhaupt entstehen.

„Die zentrale Aussage, die sich hinter den Laws of Form für die Erkenntnistheorie zu erkennen gibt, ist, dass die Leere - der empty space - Ausgangspunkt von allem ist.“

(George Spencer Brown, zit. n. Felix Lau3)

III. Weltbezug als Differenzarbeit

Aus phänomenologischer Sicht - vor allem bei Husserl - ist das Subjekt in jeder Erfahrung intentional auf ein Etwas gerichtet. Dieses „Etwas“ erscheint nie isoliert, sondern immer im Horizont weiterer Möglichkeiten. Die Welt ist dabei der Universalhorizont: nicht das Erfahrene, sondern die offene Struktur aller Erfahrbarkeit.

Systemtheoretisch entspricht dies der Unterscheidung von System und Umwelt: Die Welt ist immer mehr, als das System je erfassen kann - und das, was nicht aktualisiert wird, bleibt als latente Möglichkeit bestehen. Damit ist Welt nicht nur komplex, sondern auch kontingent. Sie ist nicht planbar, nicht abschließbar, nicht notwendig –-sondern offen, riskant, unabschließbar.

Jeder Weltbezug ist damit selektiv. Er setzt auf Bedeutung, um Komplexität zu reduzieren, auf Sinn, um Kontingenz zu bewältigen. Welt entsteht nicht durch Abbildung, sondern durch Beobachtung. Und Beobachtung heißt: Unterscheiden.

IV. Welt als Form im Medium der Leere

Was sich als Welt darstellt, ist stets nur eine Form - gezogen im Medium einer unbegrenzten Leere. Diese Leere ist nicht Nichts, sondern Möglichkeitsraum. Nicht Mangel, sondern Voraussetzung.

Jede Form, jede Entscheidung, jedes Gestaltungsereignis ist damit ein Weltbezug: eine selektive Verdichtung im Angesicht des Offenen. Gestaltung beginnt mit initiativer Einschreibung - und jede Initiative ist eine Weltbehauptung. Welt ist also nicht das Gegebene, sondern das Gegebbar-Gemachte.

In diesem Sinne ist Welt Ursprung aller Gestaltung - aber nicht als Material, sondern als Horizont. Nicht als Inhalt, sondern als Leere, gegen die sich Form setzt. Welt ist das Unsichtbare im Sichtbaren, das Abwesende im Anwesenden, das Andere im Eigenen.

V. Kritik der Totalitätsidee

Die mereologische Metapher einer “Welt als Behältnis”, wie sie Markus Gabriel vorschlägt, führt in eine ontologische Sackgasse.2 Welt kann sich nicht selbst enthalten - so wenig wie ein System sich vollständig selbst beschreiben kann. Wer Welt als Menge auffasst, deren Elemente summierbar sind, verfehlt ihren transzendentalen Status. Welt ist kein empirischer Allbegriff, sondern ein epistemischer Möglichkeitsraum. In diesem Sinne gilt: Wenn es die Welt nicht gibt, weil sie sich selbst nicht enthalten kann, gibt es analog dazu auch kein sich selbst ausbreitendes, unbegrenztes Universum.

Spätestens hier kollabiert die metaphysische Beschreibung von Ganzem und Teil. Die Welt ist nicht eine große Menge, sondern ein strukturelles Verhältnis. Kein Seiendes, sondern ein Möglichkeitsmodus.


Fußnoten

  1. Niklas Luhmann / Dirk Baecker / Frederick D. Bunsen: Unbeobachtbare Welt. Über Kunst und Architektur, Bielefeld 1990, S. 8, S. 20
  2. Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt, Berlin 2013. – Gabriels Argument basiert auf einer Metapher: Welt als Behälter, der sich selbst nicht enthalten kann. Sieht man die Welt hingegen als Horizont (Husserl, Heidegger, Schmitz, Luhmann), wird deutlich, dass Welt sich nicht als Objekt, sondern nur als Struktur des Beobachtens denken lässt. Vgl. Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Frankfurt/M. 1984, S. 105 und 115.
  3. Felix Lau: Die Form der Paradoxie. Beobachtungstheorie und Welterzeugung bei G. Spencer Brown und Niklas Luhmann, Heidelberg 2005, S. 177

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