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Sprache

Sie hätte singen sollen, diese "neue Seele" und nicht reden (Nietzsche)

Sprache ist nicht einfach ein Medium der Verständigung - sie ist eine Operation des Weltbezugs. Sie erzeugt Wirklichkeit, indem sie unterscheidet, benennt und verbindet. In ihrer Funktion als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium stellt Sprache das wohl folgenreichste Interface zwischen Bewusstsein und Welt dar. Sie strukturiert Erfahrung nicht nur nachträglich, sondern im Moment ihres Entstehens.

Sprache ist nie neutral. Sie formatiert Wirklichkeit durch ihre grammatikalischen, semantischen und pragmatischen Strukturen. Das, was gesagt wird, ist stets selektiv - und das, was gesagt werden kann, unterliegt systemischen Einschränkungen. Sprache bringt nicht einfach Bedeutungen zur Darstellung, sondern erzeugt Bedeutungsräume durch die Differenz zwischen Sagbarem und Unsagbarem.

In der Systemtheorie ist Sprache nicht bloß ein Transportmittel, sondern ein Möglichkeitsgenerator. Sie ermöglicht die operative Koppelung von Bewußtsein und Kommunikation - und erweitert damit die Reichweite von Sinn. Gleichzeitig markiert Sprache eine Grenze: zwischen Intuition und Artikulation, zwischen innerem Erleben und äußerem Ausdruck. Sie ist Übersetzung - und stets auch Verrat. Kein Wort kann je vollständig das meinen, was gemeint ist. Und doch ist Sprache das Einzige, womit Bedeutung sozial stabilisiert werden kann.

Im Design ist Sprache nicht nur Begleittext, sondern Formprinzip. Ob im Interface, im Raum, im Objekt - jede Gestaltung spricht. Sie kommuniziert nicht nur durch Text, sondern durch Haltung, Rhythmus, Tonalität. Der Gestalter wird damit zum Sprachbildner, zum Bedeutungsarchitekten, zum Dramaturgen von Weltzugängen. Er weiß: Sprache ist nicht nur das, was geschrieben steht, sondern das, was mitschwingt, was verweigert, was evoziert.

In ihrer Tiefe ist Sprache ein mythopoetisches System. Sie trägt die Spuren alter Ordnungen, religiöser Geltungen, kultureller Prägungen. Worte wie Welt“, Geist“ oder Schönheit“ tragen semantische Schichten, die weit über ihre aktuelle Verwendung hinausreichen. Wer mit Sprache arbeitet, arbeitet mit sedimentierter Geschichte. Und wer Sprache verändert, verändert den Blick auf die Welt.

Deshalb ist Sprache nicht nur Mittel, sondern Ort der Gestaltung. Nicht nur Formulierung, sondern Formgebung. Wer die Welt verändern will, muss ihre Namen neu setzen.

II.

Sprache wird gewöhnlich als denotatives System symbolischer Kommunikation betrachtet. Man denkt, daß ganz bestimmte Zeichen, auf die man sich geeinigt hat, vom Sender zum Empänger übertragen werden, daß also der Empfänger durch die informierende Zeichenkette des Senders zu Reaktionen veranlasst wird. Nach Maturana handelt es sich bei dieser Auffasung jedoch lediglich um die Formulierung eines Beobachters, der Aussagen über Verhalten gekoppelter Entitäten in einem konsensuellen Bereich anfertigt. Aufgrund der autopoietischen Definition findet innerhalb des konsensuellen Bereichs jedoch lediglich ein gegenseitiges Auslösen von Zustandsveränderungen statt. Daß es dennoch möglich ist, Gegenstände zu beschreiben, über Sachverhalte zu sprechen, wissenschaftliche Aussagen zu tätigen, begründet Maturana folgendermaßen:

"Menschen können über Gegenstände sprechen, da sie die Gegenstände über die sie sprechen, eben dadurch erzeugen, daß sie über sie sprechen. D.h. Menschen können über Gegenstände sprechen, da sie diese erzeugen, indem sie Unterscheidungen treffen, die diese Gegenstände in einem konsensuellen Bereich eingrenzen, und da Sprechen operational gesehen, im selben Phänomenbereich stattfindet, in dem auch Gegenstände als Relationen relativer neuronaler Aktivitäten in einem geschlossenen neuronalen Netzwerk definiert werden. Mit anderen Worten: ...Menschen können nur über das sprechen, was sie durch ihre Operation der Unterscheidung eingrenzen können und als strukturdeterminierte Systeme können sie nur Unterscheidungen treffen, die ihre strukturelle Koppelung an ihr Medium gestattet." ^1

Der Phänomenbereich, in dem Sprache auftritt, also der Interaktionsbereich, muß aber streng getrennt werden vom Bereich der inneren Zustände autopoietischer Systeme. Diese Bereiche überschneiden sich niemals, somit kann keiner auf den anderen reduziert werden. Sprachliches Verhalten ist somit nur durch einen Beobachter beschreibbar, der den Interaktionsbereich gekoppelter Entitäten so beschreibt, "als würde die Bedeutung, die er den Interaktionen zuschreibt, den Verlauf der Interaktionen bestimmen" ^2 Diese Art der semantischen Beschreibung hat jedoch nichts mit der Funktionsweise einer geschlossenen Einheit zu tun, weil diese eben nicht in der Lage ist, mit Repräsentationen einer unabhängigen Welt zu arbeiten. Die autonome Einheit versucht lediglich, nach Maßgabe ihrer ontogenetischen Entwicklung, eigene Zustände unter der Bedingung einer Einwirkung von außen zu neuen Zuständen zu verknüpfen, um ihren strukturellen Drift durch die Zeit fortzusetzen. (vgl. Interpenetration)

Fussnoten

  1. Humberto Maturana: Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1985, S. 264 f. Hier werden die Schwierigkeiten, Maturana zu lesen, besonders evident. Anscheinend liegen große Probleme der Übersetzung darin begründet, daß Maturana als Chilene seine Artikel in nicht ganz lupenreinem Englisch formulierte und der Übersetzer somit enorm gefordert war.
  2. Humberto Maturana/Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis, Bern 1987, S. 224

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