Strukturelle Kopplung
Da er den Gesetzen der Autopoiese unterworfen ist, kann der Beobachter eine real existierende Außenwelt nicht abbilden, sondern lediglich intern errechnen, konstruieren, beschreiben. Daß wir als Lebewesen dennoch eine gleichartige Vorstellung über die Wirklichkeit besitzen, liegt daran, daß wir durch die Schaffung konsensueller Bereiche quasi gemeinsam diese Wirklichkeit durch den Prozess unseres Lebens und Miteinanderlebens erzeugen. Unsere gesamte soziale Realität ist nach Maturana Resultat der interaktiv gekoppelten und sich wechselseitig beeinflussenden Beschreibungen von Beobachtern. "Autopoietische Systeme können ohne Identitätsverlust zusammen interagieren und zu einer Einheit höherer Ordnung werden, wenn diese Einheit die Autopoiese der gekoppelten Einheiten notwendig bedingt."1
Dies ist der Fall wenn zwei oder mehrere autopoietische Einheiten innerhalb ihres Interaktionsbereiches einen rekursiven2, bzw. stabilen Charakter erlangt haben. Das Verhalten der einen Einheit, so könnte man sagen stellt in diesem Fall eine Funktion des Verhaltens der anderen Einheit dar. Maturana spricht von Ko- Ontogenese, vom gemeinsamen strukturellen Driften der Einheiten. Das Verhalten von Einheit A wird zu einem perturbierenden Agens für Einheit B und dessen kompensatorisches Verhalten wirkt seinerseits als Deformationsursache für A, dessen Kompensation wieder auf B wirkt usw., bis die Kopplung unterbrochen wird. (vgl. Allelopathie) Es entsteht so eine Kette ineinander verzahnter Interaktionen, ein sogenannter konsensueller Bereich.
"Ein derartiger konsensueller Bereich kommunikativer Interaktionen, in dem die verhaltensmäßig gekoppelten Organismen einander durch Verhaltensweisen orientieren, deren interne Bestimmtheit in den gekoppelten Prozessen ihrer Ontogenese ausgebildet wurde, ist ein Sprachbereich."3
In der Luhmannschen Systemtheorie wird strukturelle Kopplung als Dimension der Verknüpfung der unterschiedlichen Systemtypen (Leben, Bewußtsein, Kommunikation) verstanden. Ohne die Kopplung mit einem lebenden System kann es kein Bewußtsein geben und ohne Bewußtseinssysteme ist Kommunikation undenkbar. Folglich ist Kommunikation auch auf Leben angewiesen, Leben aber weder auf Bewußtsein, noch auf Kommunikation. Das bedeutet, daß Kommunikation und Bewußtsein nur in ihrer Kopplungsdimension beobachtet werden können- oder gar nicht.4
Die spezifische Kopplungsdimension von Bewußtsein und Kommunikation wird in der Luhmannschen Systemtheorie mit dem Begriff der Interpenetration beschrieben.
Fußnoten
- Maturana: Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1985, S. 211f.
- Maturana: Der Baum der Erkenntnis, Bern/München/Wien 1987, S. 85
- Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 222
- siehe Luhmann: Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt, 1988 und Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 92 ff. und 779 ff.
- Für den hohen theoriebautechnischen Stellenwert der Differenz von Bewußtsein und Kommunikation siehe die Aussagen von Oliver Jahrhaus, Uni Bamberg, Lehrstuhl für Neuere Deutsche literaturgeschichte vom 18. Dez. 1998.
- http://iasl.uni-muenchen.de/discuss/lisforen/jahraus10.htm