Mensch
"Müllers Milz ist nicht Teil der Gesellschaft" (Luhmann)
Luhmann sieht den Kardinalfehler des Humanismus darin begründet, den Menschen als soziales Wesen1 im Unterschied zum Tier zu begreifen, nämlich als bevorzugt, auch gegenüber der Natur. Der Mensch ist aber kein soziales Wesen, sondern das Soziale ist als emergente Realität ein gegenüber der Person abgeschlossener Sachverhalt. (vgl. Kommunikation)
Soziales läßt sich nicht auf die Leistung eines monadischen Bewußtseins zurückführen, da Sinn stets durch einen Doppelhorizont aktualisiert wird. Daran sind nach Luhmann bislang alle Versuche der subjektiven Konstitution von Intersubjektivität gescheitert. Der Mensch steht nicht innerhalb, sondern außerhalb der sozialen Ordnung, er ist kein Teil der Gesellschaft.
Der Humanismus hat den Menschen gebunden an die Idee der Sozialität, an die Lebensführung in der Gesellschaft. Seine Existenz war nur in Gesellschaft zu verwirklichen. Die Natur des Menschen ist so seine Moral, seine Fähigkeit im sozialen Leben Achtung zu gewinnen oder zu verlieren. Seine Perfektion war auf soziale Verwirklichung angelegt, was das Scheitern an der Korruptibilität der Natur nicht ausschloß.
Der Mensch wurde gesehen als Letztelement einer Gesellschaft, die als städtisch entwickletes Zusammenleben von Menschen begriffen wurde, mit dem Anspruch auf 'gutes Leben'.
Systemtheorie setzt hier mit einer höheren Auflösung an. Sie zieht auseinander (nämlich Mensch und Gesellschaft im Sinne von System/Umwelt) was vorher nur zusammen gedacht werden konnte. Das heißt aber nicht, daß der Mensch im Gegensatz zur Tradition als weniger wichtig eingstuft würde. Wer dies glaubt, hat nach Luhmann den Paradigmawechsel in der Systemtheorie nicht begriffen.2
(vgl. inbesondere: Leib)
Fussnoten
- siehe im Unterschied zu dieser Auffassung Humberto Maturana, in: Biologie der Sozialität; in Delfin V, Siegen 1985
- Niklas Luhmann: Soziale Systeme, Ffm. 1987, S. 119