Open in TheBrain

Dichter

alle Menschen leben in einer imaginären, schimärischen, illegitimen, erdichteten Welt, bis auf einen: den Dichter1

Brocks Karriere begann 1957 mit der Veröffentlichung eines Gedichtbandes: Kotflügel, Kotflügel. Damals nannte sich Brock noch Bazon Phönix Phlebas Brock.

Die frühen Gedichte drehten sich vor allem um das Thema Sprache. Brock wollte aufzeigen, daß Sprache nicht nur ein Werkzeug ist, mit dem man Informationen übermitteln kann, sondern daß Sprache unabhängig von Bedeutungszuweisung über eine eigene Ästhetik und Autonomie verfügt. Die Sprache ist sich sozusagen selbst genug. Der Sprechakt bedient sich der Worte, um sich zu formieren. Brock entwickelte in der Folge Theorien des automatischen Sprechens, wobei es darauf ankam, zu zeigen, daß die Form des Sprechens das Entscheidende ist, "denn wir verstehen ja Sprache nicht als Ergon, sondern als Energeia"2.

Hier einige Beispiele aus Kotflügel, Kotflügel3

sakrale Schattierungen

Weizenwüste wo die Seele saß

ich weiß was ich senkrecht tue

melke sanft die Regenrinne

wo heute die Müdigkeit wahre Wunder vollbringt

der nächste Taxiausflug führte mich ins Thema

Verwandlung des Auges

Auge wie ein Wrack über die See geschleudert

die Sprache fährt fort

meinen Schlaf zu formulieren aber durch Rhythmus gefährlich

verschwindet bis über die Ohren in einer Säule

durch eine Drehung auf dem Absatz

Windrichtung von nirgendwo

erkläre das Meer zum Nachfolger an diesen Körper

hingegeben im knatternden Gras

Eindrücke eines Zeitwertes darstellen

langhaarige Sonnenhöhe

fragte mich nach etwas auf meiner Haut

rollte die Fünffingerspeiche bergan

der Speichel dampfte

rollte den Staub auseinander

lächelte sah sie leichtfertig an ihren Höhensteuern arbeiten

wenn man sagen kann

ein Gedicht sei gut

dann schreibe ich bessere Gedichte

als die Erzengel

Beispiele aus BISSE VON HUNDEN, DIE UNS MORGEN SCHON LECKEN4:

Erkenntnisinteresse:

es muß doch Männer geben, die von der Idee besessen sind, herauszufinden wieviele Brötchen die Menschheit bisher verzehrt hat, da es doch genügend viele Männer gibt, die selbst keine Brötchen essen.

Es bedarf der Fiktion, um die Trägheit zu überwinden, die Sattheit der Empirie:

WAS WIRD JESUS DAZU SAGEN, was der Herr Papa?

Wegereinigungsverpflichtete: Kehrt vor Euren Türen

ALS DER MORGEN SCHON DEN FENSTERSCHEIBEN BEICHTETE, waren unsere Fahnen sehr fleißig.

Denken aus Sinnlichkeit, damit es auch einmal zum Vergnügen der menschlichen Rasse gehöre. Eines Tages.

Aber marxistische Sinnlichkeit? Geht die an? Die Frage gilt; da wir ja beobachten, wie wenig Brust Partisaninnen haben.

So hatte denn Oma vom Kommunismus bald die Nase voll. Nichts klappte. Überall Widerstände. Hier ist alles genauer und so fröhlich.

Fußnoten

  1. Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1986, S. 1270
  2. Bazon Brock: Ästhetik als Vermittlung, Köln 1977, S. 860 ff.
  3. Bazon Brock: Ästhetik als Vermittlung, Köln 1977, S. 874 ff.
  4. Bazon Brock, Ästhetik als Vermittlung, Köln 1977, S. 953 ff.

Attachments