Kunst
“Wenn Kunst nicht kritisch ist, sondern nur auffirmativ, taugt sie nichts. Schöne spektakuläre Bilder ohne Aussage sind nichts weiter als Design: Funktionales ebenfalls. Ist auch okay, sollte sich aber nichts auf sich einbilden. Kunst stellt alles in Frage, stellt Fragen, die in der Gesellschaft so nicht gestellt werden können oder dürfen. Kunst ist auch hochgradig selbstkritisch und klopft sich nicht selbstzufrieden auf die Schulter. Kunst ist ein existentielles Ringen um Etwas. Kunst bedeutet Risiko, das offene Meer.”
(Dr. Barbara Maas, Hochschule Düsseldorf 2018)
Die Kunst ist das exemplarische Feld der Ästhetik. Denn Kunst fordert heraus: Wahrnehmung, Unterscheidung, Urteilskraft. Sie schärft, was stumpf geworden ist. Sie öffnet, wo die Routinen schließen.
Kunst ist ein evolutionär begünstigtes Ereignis. Sie reißt den engen Kosmos der primären Aufmerksamkeit auf und bringt das Unerwartete ins Spiel: das nicht sofort Sagbare, das Unbeobachtbare, das Andere. Kunst erweitert den Blick. Sie zeigt, dass Welt nicht abgeschlossen ist.
Kunst lässt sich nicht vereinnahmen. Sie ist das Alternativprogramm zur Zweckmäßigkeit. Sie verherrlicht nichts, sie verdammt nichts. Sie folgt keinem Dogma, keiner Theorie, keinem Programm. Sobald sie dies tut, hört sie auf, Kunst zu sein – und wird Religion oder Ideologie.
Kunst ist weder Lebenshilfe noch Selbstverwirklichungsübung. Sie ist nicht auf schnelle Pointen angewiesen, sie erschöpft sich nicht in Spontaneität. Kunst ist Praxis vor Theorie, Zeichen vor Zuweisung, Tun vor Täterschaft. Sie geschieht, indem Unterscheidungen wirksam werden – durch die Person des Künstlers hindurch, ohne dass dieser genau wissen müsste, was er tut. Kunst gebraucht den Künstler, um sich selbst sichtbar zu machen.1
So verstanden ist Kunst ein Instrument der Vergegenständlichung reflexiver Evolution. Sie ist Ausdruck lebendiger Ver-Dichtung, stochastisch und zugleich tief. Kunst ist nicht lehr- und nicht lernbar. Sie ereignet sich, wo das Unwahrscheinliche Form annimmt.
Gesellschaftlich beginnt Kunst erst mit der Beobachtung: wenn die vom Künstler gesetzten Unterscheidungen rezipiert werden. Erst hier löst sie sich in Kommunikation auf, wird Medium für Formen, die neue Optionen plausibel machen. In diesem Sinne ist Kunst ein autonomes System, das sich seit der Neuzeit entfaltet – seitdem das Selbstbewusstsein des Subjekts und das Anderssein legitimiert wurden.
Ästhetisch unterscheidet sich Kunst von Design. Design ordnet, informiert, strukturiert. Kunst öffnet, irritiert, entgrenzt. Design sucht Anschlussfähigkeit, Kunst sucht Anschluss in der Unverfügbarkeit. Der Designer schließt, der Künstler öffnet. Der Designer informiert, der Künstler verunsichert.
Doch beide gehören zur Gestaltung – als deren Pole. Gestaltung ist der Oberbegriff, der Kunst und Design in einen größeren Resonanzraum hebt. Design allein läuft Gefahr, in Werbung und Propaganda zu verfallen. Kunst allein läuft Gefahr, sich in Autonomie zu verlieren. Erst in der Spannung zwischen beiden öffnet sich ein Raum für Sinn, der höher reicht als Markt oder Selbstzweck: ein Raum, in dem das Unbekannte berührt wird.
Insofern::
Kunst ist nicht schön. Kunst ist nicht nützlich. Kunst ist der Riss im Gegebenen, das Aufbrechen des Offenen. Sie ist die Erinnerung, dass Welt nicht fertig ist.
Fußnoten:
- In der östlichen Mythologie ist "Seele nur dieses Weltall", bei Hegel war der gesamte Weltprozeß die Selbstentfaltung des Geistes, bei Gotthard Günther ist es die Universalität der Selbstreflexion, in der modernen Evolutionstheorie nach Erich Jantsch schafft sich die Evolution ihre eigenen Beobachter und Niklas Luhmann schließlich spricht von der wirklichen Welt, die in der Lage ist, sich selbst zu beobachten und die sich ihre Wissenschaftler schafft, damit sie sich darüberhinaus auch selbst beschreiben kann. Insofern liesse sich konstatieren, daß die Evolution sich zusätzlich Künstler schafft, um die zum Vernunftsabsolutismus neigende Stabilität der wissenschaftlichen Beschreibungsdimension brüchig und damit besser operationsfähig werden zu lassen.
- vgl. Wolfgang Max Faust: Dies alles gibt es also, Stuttgart 1993
mit nachfolgenden Statements:
• Die Einheit von Kunst und Leben
• Kunst heute: die Einfügung in vorgegebene Rollen. Keine Befreiung. Man muß der Kunst beim Verschwinden helfen.
• Es muß um existentielle Grunderfahrungen gehen. Nicht um Verherrlichungsprosa, frivole Ästhetisierung, Sammlerkunst.
• Die Kunst ist keine Antithesis zur Gesellschaft, S. 26.
• Kunst schafft ein wir- Gefühl, ein Freund- Feind- Schema, verinnerl. Denk- und Wertungsnormen, S. 35
• Kawara: für die Europäer ist die Eins die Basis des Denkens, für die Japaner die Zwei, S. 38
• Philosophie der Befreiung, S. 51
• Kunst ist Folge der Erfahrung eines Mangels und gleichzeitig Moment der Verschwendung, S. 88
• Die Geschwindigkeit der Informationsflut hat den Sinn von Kontinuität und Stabilität, die Glaubwürdigkeit von Theorien und Programmen gebrochen. Moden und Launen wechseln in dichter Folge. Absurd, S. 94
• Programmatiken verzehren sich selbst. S. 97 Es gibt keine sozial abgesicherten Weltbilder mehr.
• Menschwerden ist eine Kunst. Spülen der Tasse. S. 111
• Die grundlegenden Erfindungen der Moderne fanden in den 20er Jahren statt und zwar unter der Bedingung politischer und ökonomischer Umbrüche! Heute nur noch Wiederholung und Überproduktion. S. 115, 222
• Jüdisches, griechisches und christliches Denken fanden zusammen in der Verachtung der Materie. S. 116
• Kunst ist heute überlagert von Theorie, produziert für Theorie. Die aktuelle Kunst, aber auch Philosophie ist heute Domäne der Theorie. Die Substanz verschwindet in den Kommentaren, die sie hypertroph umlagern. Das Theoriegespreize wird heute zum Kabarett. 122. Der Bezug zum Leben fehlt.
• Würde man die in den Medien gezeigte Welt ernst nehmen, müßte man wahnsinnig werden. S. 122
• Pointensuche, Verquastheit, stumpfe Bemühtheit, Selbstwiederholung, Stilgequäle, Ausgedacht, bedeutungsschwanger, pseudo-tiefsinnig. Es gibt keine interessante Lyrik. S. 129
• Man muß sich abgrenzen zu Kulturpessimismus, Untergangssehnsucht, Endzeitstimmung, weil das Gegenteil zutrifft. S. 161
• Kunst als Lebenshilfe: wie denn?
• Wir haben keine Chance, die Welt zu unterjochen. Wir müssen mit ihr leben. S. 208
• Die Kritik ist heute nicht mehr in der Lage, sich selbst zu kritisieren. Hoffnungslosigkeit und Flucht in blinden Aktionismus. S. 219
• Begriffe wie Fortschritt oder künstlerische Avantgarde wurden bis 1925 fest aneinander gekoppelt. Damit wurden die Weichen für dieses Jahrhundert gestellt. Die Vorstellungen der 20er werden heute noch immer aufgegriffen, unter veränderten Bedingungen erprobt und transformiert. Aber heute sind wir der Tradition der Moderne nicht mehr verpflichtet. Wir müssen umdenken. Wir müssen mit der Richtungslosigkeit, der Intentionslosigkeit umgehen. Kunst und Leben werden immer getrennt bleiben. Wir müssen zwei als eins denken! Wir wollen keine neue Kirche, sondern beschränkte Vielfalt. S. 222
• Wir müssen den Umgang mit Paradoxien lernen, die richtige Dosierung und das Umsetzen der Paradoxien in Operation. 224