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Bazon Brock. Ein Dichter der Leere.

Bazon Brock: Künstlername der Person (persona= Maske) Bazon Brock, bürgerlicher Name Jürgen. Seit seinem 21. Lebensjahr versteht sich Brock als öffentliche und exemplarische Figur, als Alltagsinszenator (siehe Beweger), als Dramaturg der Lebenswelt, als GeistTäter und Schausteller, der als Beispielgeber in die Rolle des Dichters, Denkers, Performers, Künstlers oder Philosophen schlüpft. Die Person Bazon Brock ist als lebendes Werk des Autors Jürgen Brock eine Kunstfigur, ein ästhetisches Produkt, versehen mit einer zufallseliminierenden Biografie.

Als ausschließlicher Beobachter 2. Ordnung verkörpert Brock in anspruchsvollster Ausprägung den Typus des modernen Dandys als exemplarisch entfaltete Individualität, ausgestattet mit allen Attributen, die ihn in den Rang der europäischen Geistesgrößen erheben: den unbedingten Willen zur Macht, Größe, Ruhm, zur Durchsetzung der eigenen Interessen, gekoppelt mit der Fähigkeit zur Doppelsinnigkeit, Subversion, Gnadenlosigkeit, Penetranz. Immer in der Lage, das Faktische auf Mögliches hin zu überschreiten, den engen Kosmos der Alltagsroutinen aufzureißen und die Dimensionen des Unbeobachtbaren, des Unvermuteten ins Spiel zu bringen. Ein Tyrann gegen die Welt und sich selbst, ein Forderer, Frager, Erzwinger (vgl. Agit-Pop), ein professoraler Vollzugsbeamter des Absurden, ein Wächter über Differenzen, ein Markierer der Grenzlinien der sinngebrochenen modernen Welt.

Brock geht es nicht darum, Phänomene wie Größenwahn, Herrschsucht, Machtgier nur bei anderen anzuprangern. Er zeigt diese Phänomene an sich selbst auf (vgl. [Täterblick](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/b1dda7e3-2be8-5b5b-ab14-00bbd169a1ef)). Er demonstriert qua eigener Person, wie sehr wir als Menschen von anthropomorphen evolutionären Mechanismen bestimmt sind (vgl. Affektkommunikation) und wie unterschiedlich sich unsere Urteilskraft darstellt, wenn wir diese Bestimmtheit bei unserer Urteilsbildung ins Kalkül ziehen.

Brock will veranschaulichen, was es bedeutet, Setzungen zu treffen und dabei die eigene Bedingtheit ins Urteilen miteinzubauen (vgl. [Reflexivität](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/09b22c30-1053-59cb-8c41-36956a41f089)). Er zeigt Handlungsmöglichkeiten auf zu den unterschiedlichsten Bereichen des Alltagslebens, ohne jedoch zur Nachahmung zu animieren. Im Gegenteil: Brock will die Anschauung seines Gegenüber aktivieren und zwar in Differenz zum Gesagten.

Anschauung und Begriff verhalten sich wie alle intra- und extrapsychischen Phänomene orthogonal zueinander: sie finden in unterschiedlichen Operationsbereichen statt. Das kognitive System (Weltbildapparat) bildet interne Bilder, Vorstellungen und Begriffe in Differenz zur Außenwelt aus und zwar vollkommen unabhängig vom Willen des Einzelnen und der faktischen Relevanz einer äußeren Realität.

In diesem Sinne kann die äußere Welt verstanden werden als sprachliches Konstrukt vergegenständlichter Operationen des Weltbildapparates. Begriffe repräsentieren die Welt in Differenz zum Begriffenen. Deswegen kann es den Glaube an die Wahrheit des Begriffs nicht geben. Im Gegenteil: dieser Glaube ist die Erfindung des Lügners und in seinem Durchsetzungswille der Vorbote des Faschismus.

Auch Wissenschaft, Philosophie oder die verschiedenen Kunstformen erlauben demnach keine objektive Beschreibung der Welt, im Gegenteil, sie sind in höchstem Maße entwickelte ästhetische Artefakte; Kunstprodukte, die auf der Basis autonom funktionierender und sich wechselseitig beeinflussender Weltbildapparate erzeugt wurden. (vgl. Ästhetische Dimension) Gemäß dieser Auffassung ist die Welt eine Bühne, auf der Akteure auftreten, die Geschichten von einer Welt erzählen, über deren komplexes Funktionieren sie nichts genaues wissen. Bazon Brock ist als großer Geschichtenerzähler einer, der über die Lüge der Objektivität informiert. Er will der Lüge ein Ende bereiten, die Welt sei etwas Erkanntes und der Mensch bewege sich von der Erkenntnis hin zur besseren Erkenntnis. Nach Brock ist der Mensch verurteilt zur Anerkenntnis seiner Unvollkommenheit und Unfähigkeit und allein in der Anerkenntnis seines prinzipiellen Scheiterns kann er die Bedingungen für ein menschenwürdiges Dasein finden (vgl. [Dilletantismus (https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/10c1a28a-a061-534f-a396-9d949131a6a4)).

Natürlich vertritt Brock seine Thesen nicht in der Tonart des braven Stubengelehrten. Brock ist unglaublich elitär. Soziale Begegnungen sind für ihn kriegerische Ereignisse, ritualisierte Trainingseinheiten mit dem Zweck, Selbstbehauptung und Durchsetzungskraft zu schulen. Brock bringt die gesellschaftsbestimmenden entropischen Urkräfte, Knappheit, Konkurrenz und evolutionäre Auslese, auf seine Art zum Sprechen, indem er sie als alltagsbestimmende Parameter affirmativ überhöht in kommunikative Ereignisse einspeist.

Brock ist anstrengend: rigorose Überforderung von sich und anderen markieren Anfang und Ende nahezu jeder Begegnung. Das Motto lautet:

Versöhnung findet nicht statt!

Brock löst Empörung aus, erzeugt Angst, Wut, aber auch Euphorie, wohlwissend, daß allein die Form der psychisch-physischen Beteiligung uns in die Lage versetzt, Alltagsroutinen zu unterbrechen. Gerade um das Unterbrechen von Routinen, die unsere Vorstellung von der Welt und der Rolle, die wir zu spielen haben definieren, geht es aber, wenn wir erkennen wollen, daß wir im Grunde rein egozentrisch und rücksichtslos funktionieren und daß es im Alltagsleben vor allem darum geht, die Rücksichtslosigkeit zu tarnen. Erst die reflexive Handhabung dieser Erkenntnis (vgl. Dramaturgie) ermöglicht ein sinnvolles Miteinander freier und entfalteter Individuen.

Solange diese Erkenntnis nicht durchgesetzt ist wird die DenkSprechMaschine Bazon Brock Eigenes hervorbringen…

bis sie von außen gestoppt wird.


Dieser Text ist nun fast 30 Jahre alt. Er wurde als Anlaß von Brocks 60. Geburtstag verfasst. Nichts hat sich geändert: Wunderbar.

bitte beachten Sie auch die bebilderte HTML-Version von 1996:

http://www.brock.uni-wuppertal.de/Aktuell/Brock/AutoPra0.html

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