Nichtnormative Ästhetik
Von Bazon Brock seit Anfang der 60er Jahre entwickelte Theorie, die auf der Differenz von ästhetischem Urteil und Urteilsbegründung basiert. Nicht das sich einem normativen Regelkanon verpflichtende ästhetische Urteil, nicht die Übereinstimmung des Urteilenden mit vorausgesetzten Theorien führt zur Akzeptanz eines Urteils, sondern allein die Form der Urteilsbegründung. Dabei wird die Urteilsbegründung dann anerkannt, wenn der Urteilende seine eigene Bedingtheit im Wahrnehmen und Urteilen in die Begründung miteinbringen kann. Es geht also um die Relevanz der Urteilsbegründung im Bereich der eigenen Lebenspraxis, des Alltagslebens- und handelns.
Brock wirft der klassischen philosophischen Ästhetik vor, zur Bedeutung alltäglicher Objekte und Handlungen so gut wie nichts produktives sagen zu können. Weil es aber genau darum geht, muß die nichtnormative Ästhetik der klassischen Philosophie entlaufen. Ihr geht es um die Bewältigung der Lebensanstrengungen von Menschen. Sie überträgt zu diesem Zweck Aussagen und Überlegungen aus den verschiedensten Wissenschaftsbereichen auf Klassen von Objekten, für die diese Aussagen ursprünglich nicht konzipiert waren. Ob es sich um Film, Fernsehen, Mode, Produktdesign, Sportartikel, Autos, Bilder, Skulpturen, Texte oder Sprechakte handelt, die nichtnormative Ästhetik vertritt den Anspruch, zu allen Lebensbereichen Aussagen treffen zu können. Sie begründet diesen Anspruch mit der Aussage, daß Menschen für jede Form ihres Außenweltbezuges darauf angewiesen sind, in der Objektwelt Äquivalente für ihr Innenleben zu schaffen. (vgl. Externalisierung)
Die Brocksche Theorie bezieht sich auf die grundlegende Differenz von intra- und extrapsychischen Vorgängen. Bewußtsein und Kommunikation sind voneinander abgekoppelte Vorgänge, die einander bedürfen, um sich zu vermitteln. Dazu nutzen sie gleichermassen Sprache. Somit ist Sprache als Verdinglichung von [Bewußtsein](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/31a6c363-571f-5852-9fbd-1ae1d8b27300)dem Objektbereich unserer Erfahrungswirklichkeit zuzurechnen. Der kognitive Apparat, alles Denken, Wollen, Fühlen, muß sich in der Erfahrungswelt Äquivalente schaffen, um Kommunikation mit sich selbst und mit der Außenwelt herstellen zu können. Insofern sind alle materiellen Objekte unserer Kultur als Vergegenständlichungen der abstrakten Leistungen des kognitiven Systems anzusehen. Da aber zwischen dem Bereich der Objektwelt und dem kognitiven System keine direkte Kopplung besteht, (zwei Welten, die sich orthogonal zueinander verhalten) wird die ästhetische Dimension für alle Handlungsbereiche konstitutiv. Wir leben quasi in einer vollständig ästhetisch beschreibbaren Welt (vgl. [Ästhetisierte Gesellschaft](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/35e7b77b-1318-5399-9901-5b71e98bb08b)).
Literatur:
Bazon Brock:
http://www.bazonbrock.de
Beschreibung des Fachs Ästhetik:
http://www.bazonbrock.de/werke/detail/?id=2912§id=2611#sect