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Zen

Vor Zen waren Berge Berge und Flüsse Flüsse.*

Während Zen waren Berge keine Berge und Flüsse keine Flüsse mehr.

Nach Zen waren Berge wieder Berge und Flüsse wieder Flüsse.*

(k. A.)

Zen ist das Gegenteil des europäischen Substanzdenkens, es ist kein ontologisches Denken, kein Subjektdenken, kein System/Umwelt-Denken, kein transzendentales Ausgreifen, erst recht kein Denken in komplexen Differenzdimensionen. Was ist es denn? Es ist offenbar die Dimension einer in sich selbst kollabierenden Immanenz, der Auflösung der Grenze von System/Umwelt,einer Immanenz, die kein Jenseitiges kennt und sich grenzenlos ausdehnt. Zen ist der Bewegungsklang der Grenzenlosigkeit, der Grundlosigkeit, des reflexionsfreien absichtslosen Dahingleitens. So entspricht der Zen-Modus der Abwesenheit der Unterscheidung von innen/außen oder vorher/nachher. Zen ist die absolute Bejahung des Hier, des Jetzt. Es ist die Gleichzeitigkeit von Innen und Aussen. So ist das Innere außen und das Außen innen.

Die Leere des Zen entspricht nicht der Leere, der eine Fülle gegenübersteht. Vielmehr sind Form und Leere auf der gleichen Seinsebene angesiedelt: "Leere ist Form"1. Form und Leere sind fließendes Sich-Bedingen. Beobachter und Beobachtetes werden ununterscheidbar. Zen ist die Leere der Welt als Form.

Die Philosophie des Zen geht davon aus, daß die Realität der Dinge begrifflich nicht fassbar ist, im Gegenteil, die Begriffe täuschen uns geradezu über den eigentlichen Status der Realität hinweg. Wir sind durch den Gebrauch der Sprache sowohl gegenüber der Funktionsweise unseres Bewußtseins, als auch gegenüber der äußeren Realität abgeschattet.

Die linguistisch artikulierte Welt ist lediglich Vorstellung, während die Realität eine prälinguistische Dimension darstellt. Deswegen geht es im Zen darum, Eigenwahrnehmung und Initiativkraft derart zu schulen, daß die Dimension unserer Abschattung gegenüber der Realität als Problem erkannt wird.

"Als der Meister die Kerze ausblies, versank die einmal erhellte Welt wieder in ihre ursprüngliche Dunkelheit zurück, in der nichts unterschieden werden kann."2

Für den Gestalter ist Zen der Moment, in dem die Dinge fließen, in dem die Handlungen ohne Wunsch und ohne Wollen geschehen. Handlung, Werkzeug, Technik, Medium gehen ineinander auf. Der Gestalter positioniert sich zur Welt, damit sich der Möglichkeitenkosmos der Welt für ihn öffnet. Das setzt jahrelange Übung voraus, ein Üben, das sich bereitwillig auf Lebenslanges Üben eingestellt hat. Und selbst dann sind die Momente des Zen die wenigen Augenblicke der glücklichen Fügung, in denen der rastlos eifernde Geist mit der nichtnormativen Dimension der [Qualität](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/1648d9d9-a808-5b6e-a0af-96c4d7311d1d) konfrontiert wird.

Für das Sich-zu-Bewegen auf diese Form der Erfahrung von Qualität, ist es nicht von Belang was man tut, sondern ausschließlich wie man etwas tut. (vgl. Positionierung) Es ist nachrangig, ob ich fotografiere, Schach spiele, male, musiziere, mich bewege, wichtig sind die Prinzipien der Achtsamkeit, der Gegenwärtigkeit, der Berücksichtigung von Stuktur und Prozess, das Sich-Einfügen in den Lauf der Dinge, unaufdringlich, alltäglich (vgl. Alltag).

Soon-Boo Park3 zeigt in seiner Dissertation von 1989, daß die Vermittlungsdimension der frühen Happening-Künstler und Agit-Pop-Artisten deutliche Parallelen zur Vermittlungsdimension des Zen aufweisen. Hier wie da geht es nämlich um die Spontanität der Aktion, um die Rezeptionstätigkeit als produktiven Bestandteil der Vermittlungshandlung und um die Unmittelbarkeit der Erfahrung durch das direkte Zeigen (im Unterschied zum begrifflichen Formulieren).

Fußnoten

  1. Han, Byung Chul: Philosophie des Zen-Buddhismus, Reclam 2002, S. 50
  2. Izutsu, Toshihiko: Philosophie des Zen-Buddhismus, Rowohlt Tb 1986
  3. Park, Soon-Bho: Analyse der mit Zen vergleichbaren Elemente in der modernen Kunst, Inauguraldissertation FB5 Design, Universität Wuppertal 1989

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