Zivilisation
Nach Norbert Elias hat der Begriff der Kultur für den Deutschen, im Unterschied zu den Engländern oder Franzosen, höheren Rang vor dem Begriff der Zivilisation. Der Zivilisationsbegriff läßt nationale Differenzen zwischen unterschiedlichen Völkern bis zu einem gewissen Grad zurücktreten, er akzentuiert vor allem, was allen Menschen gemeinsam ist. Der deutsche Kulturbegriff hingegen hebt die nationalen Unterschiede, die Eigenarten der Gruppen besonders hervor.
Die Franzosen fragen sich nicht: was ist eigentlich französisch? Aber die Deutschen, deren Grenzen seit Jahrhunderten immer wieder bröckelten, und deren politische Einigung und Festigung erst sehr spät zustande kam, fragen sich sehr wohl, was denn nun Deutsch sein kann. Der 1. Weltkrieg wurde im Namen der Zivilisation gegen Deutschland geführt. Deshalb setzten die Deutschen seit 1919 Kultur dagegen. Aber auch vorher. So bemerkte Kant 1784: wir sind kultiviert durch Kunst und Wissenschaft und zivilisiert zu gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit.
Dabei setzt Kant die wahre Tugend auf Seite der Kultur, der Gebildetheit der intellektuellen Mittelschicht, der Beamten und die trügende äußerliche Höflichkeit, das oberflächliche Gebaren bei Hof auf Seite der Zivilisation. In diesem Zusammenhang muß man sehen, daß das Deutsche Bürgertum nach der Erschöpfung des 30-jährigen Krieges im 17. und auch noch im 18. Jh. sehr arm war. Der Handel und auch der Fernhandel, der im 16. Jh. noch stark entwickelt war, war verfallen. Übrig blieb kleinstädtisches Bürgertum mit engem Horizont und lokaler Bedürfnisbefriedigung. Es gab keine Mittel für Luxusgüter wie Kunst und Literatur. Aber wo immer man das Geld dazu hatte, vor allem an den Höfen, ahmt man französische Lebensart nach, man spricht sogar französisch. Deutsch ist die Sprache der unteren und mittleren Schichten, ist schwerfällig und ungelenk. Das Französische schwappt von den Höfen auf die Oberschichten des Bürgertums über. Französisch zu sprechen ist Standesmerkmal. Spricht man deutsch, so gilt es als guter Ton, möglichst viele französische Begriffe einzuflechten. Die mittelständische Intelligenz versucht in Deutschland Modelle für das, was Deutsch ist, zu schaffen und zumindest so eine Einheit in der geistigen Sphäre zu entwickeln, die in der politischen noch nicht herstellbar ist. Der Begriff der Kultur hat zu dieser Zeit diese Funktion.
Dem entsprachen Äußerungen des wilden Hasses gegen Höfe, Aristrokraten, Französlinge, höfische Unmoral und Verstandeskälte und andererseits Träume vom neuen geeinten Deutschland, vom natürlichen Leben, gegenüber der Unnatur des Höfischen. Deutsche Sprache wurde gegen höfische Ideale gesetzt, gegen das leere Zeremoniell und die Äußerlichkeit. Dagegen trat man an mit der Versenkung ins Buch, mit der Tiefe des Gefühls.
Die französischen Literaten amüsieren sich: "nennt mir auch nur einen deutschen Poeten mit Geist, Kreativität und Esprit" (Mauvillon 1730) Noch 1780, als Frankreich und England bereits die entscheidenden Phasen ihrer kulturellen und nationalen Prägung hinter sich haben, als ihre Sprache schon längst die klassisch geprägte Form hat, schreibt Friedrich der Große noch über die Unzulänglichkeiten der Deutschen Sprache: Pedanterei und geringe Entwicklung der Wissenschaften, halbbarbarisch. Friedrich der Große macht preußische Politik, aber seine Geschmackstradition ist französisch, höfisch, gemäß der europäischen Oberschicht.
1781 entwickelt Kant seine Kritik der reinen Vernunft, 1787 entstehen Schillers Don Carlos und Goethes Iphigenie. Die deutschsprechende Intelligenz war politisch ohne Bedeutung, aber sie erzeugte Vorstellung und Begriff von Bildung und Kultur. Wegen ihnen bezeichnet man Deutschland als Land der Dichter und Denker. Man muß an Friedell denken: alles Gute ensteht aus Mangel.
Heute ist die Berufung auf Wahrung der kulturellen Identität von Sprach-, Religions- oder Überlebensgemeinschaften zum Konfliktherd par excellence geworden. Die Nichtnormative Ästhetik empfiehlt deshalb, "kulturelle Autonomien nur soweit zuzulassen, wie von diesen Kulturen kein Einfluß auf Recht und Gesetz, auf soziale Ordnungen und staatsbürgerliche Bildung reklamiert wird...In einer Zivilisation sind die eifernden Kulturen nur auf der Ebene der Folklore und der Musealisierung zugelassen. Die Erfindung des Museums ist der geniale Versuch der Zivilisation, mit solchen Kulturen umzugehen."1
Das Credo lautet also: Zivilisation gegen Kultur setzen: die Kultur zivilisieren.
Fußnoten
- Bazon Brock: Die Kultur zivilisieren, in: Der Spiegel, 16/1995, S. 216-217, Zitat S. 217