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Moderne Gesellschaft

Überblickt man die bisherige Entwicklung der Gesellschaftstheorie, (vgl. Antike Gesellschaft und Neuzeitliche Gesellschaft) dann fällt auf, daß sie seit Anbeginn als Systemtheorie angelegt war. Aber eine ausreichende Klärung, was mit Gesellschaft gemeint ist, ist nicht gelungen. Der Begriff Gesellschaft selbst hat nach Luhmann nie eine begründende Funktion erfüllt, sondern wurde immer aus dem Hintergrund eines konkreten Problembewußtsein bestimmt, zunächst der politischen Teilproblematik, dann der wirtschaftlichen Teilproblematik.

Ein solcher Denkansatz ist Symptom einer Gesellschaft mit unvollständiger funktionaler Ausdifferenzierung ihrer Teilsysteme und war für eine solche Gesellschaft adäquat. Diese Gesellschaft, die sich aus archaisch-segmentierten Formen des Zusammenlebens zur Hochkultur entwickelt hatte, war nämlich in besonderer Weise durch den Primat eines ihrer Teilsysteme bestimmt gewesen, zunächst des politischen, dann des wirtschaftlichen Teilsystems. Nur politische Gesellschaft konnte den Bestand der frühen, den archaischen Gesellschaften abgerungenen Hochkulturen sichern und nur ein hochkomplexes Teilsystem der Wirtschaft vermochte die moderne, technisch-industrialisierte Gesellschaft herbeizuführen.

Die Beziehung der Gesellschaft zu ihren Teilsystemen war von der alteuropäischen Tradition (vgl. Alteuropa) als umfassende und dadurch autarke Ganzheit ausgelegt worden. Gesellschaft wurde erfasst als eine interne Ordnung des Verhältnisses der Teile zueinander und zum Ganzen, die hierarchische Konzeption dieser Innenordnung und die Möglichkeit, einem Teil den hierarchischen Primat und damit die Repräsentation des Ganzen zuzusprechen. Solange nur die Innenordnung berücksichtigt wird, kann das Verhältnis zwischen dem ausgezeichneten Sozialsystem und den Teilsystemen nicht geklärt werden. Damit wurde die Berücksichtigung des System/Umwelt Verhältnisses nötig.

Die neueren Entwicklungen allgemeiner systemtheoretischer Konzeptionen versuchten Systeme durch ihre Beziehung auf eine Umwelt zu charakterisieren, diese Beziehung funktional zu interpretieren und daraus Maßstäbe für die Beurteilung der Bestandsfähigkeit und Rationalität ihrer inneren Ordnung abzuleiten. Akzeptiert man diese Vorstellung, wird es unmöglich, Systeme als autark, als aus sich selbst heraus bestehend, zu definieren.

Luhmann versteht die moderne Gesellschaft als alle Kommunikationen einschließendes soziales System. Es gibt demnach keine Kommunikation, die außerhalb der Gesellschaft stattfindet. Jenseits der die Gesellchaft reproduzierenden Komunikation gibt es lediglich andere Systeme oder Welt, aber keine Kommunikation. Gesellschaft ist dementsprechend immer Weltgesellschaft, nicht im Sinne eines globalen Ortes, sondern im Sinne eines offenen Horizontes, der letzte Dimensionen der Selektivität und damit die Reproduktion von Sinn erzwingt.

Wesentliches Charakteristikum der modernen Gesellschaft ist das Prinzip der funktionalen Differenzierung, das heißt, die einzelnen gesellschaftlichen Funktionsbereiche haben grundsätzlich einen gleichrangigen Stellenwert. Man kann die moderne Gesellschaft von daher nicht mehr durch den Primat eines Teilbereiches begreifen. Gesellschaft ist nicht mehr das umfassende, autarke Ganze, hierarchisch aufgeteilt, mit einem Funktionsbereich an der Spitze. Luhmann will Gesellschaft vielmehr verstanden wissen, als Sozialsystem unter anderen Sozialsystemen, aber gleichzeitig als das Sozialsystem, "das als Bedingung der Möglichkeit anderer Sozialsysteme fungiert, als das Sozialsystem par excellence."1

Zu diesem Zweck muß Luhmann die Vorrangstellung der Gesellschaft vor anderen Sozialsystemen begründen und dies tut er, indem er auf neuere Entwicklungen systemtheoretischer Konzeptionen zurückgreift: auf kybernetische System/Umwelt- Theorien. Dementsprechend werden Systeme nicht aus sich selbst heraus bestehend, als autark, verstanden, sondern solche Systeme können ihren Bestand nur durch eine Beziehung zu ihrer Umwelt sichern: durch Reduktion von [Komplexität](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/cfb6df13-64a3-5c5d-a586-ac4074ce1e93).

Gesellschaft ist nach dieser Vorstellung das "größte in sich funktional differenzierte Sozialsystem, ...das die letzterreichbare Form funktionaler Differenzierung institutionalisiert."2 Das heißt, die Teilsysteme von Gesellschaft, (Wirtschaft, Politik, Recht, Kunstsystem, etc.) beziehen sich auf eine Umwelt (nämlich auf Gesellschaft), die ihrerseits schon Komplexität reduziert hat. Die Funktionsleistung der Teilsysteme ist dann lediglich Fortführung der Reduktion von Komplexität der Gesellschaft. Die Teilsysteme wiederholen so die Systembildung innerhalb eines umfassenden Systems und verstärken damit die Selektivität des Gesamtsystems.

Im Gegensatz zur Antike, werden sinnbildende Prozesse somit nicht mehr auf der Ebene der Gesamtgesellschaft institutionalisiert, sondern durch die funktionale Spezifizierung von den Teilsystemen übernommen. Beispiele hierfür sind Wahrheit als Angelegenheit der Wissenschaft, Recht als Angelegenheit des politischen Teilsystems, oder Liebe als individuell erlebbare Passion.3

Systeme stehen also in einem selektiven Verhältnis zu ihrer Umwelt. Da die Umwelt stets komplexer ist als das System, kann sie auch mehr mögliche Zustände annehmen, als das System selbst. Daraus folgt, daß das System nicht mit jeder möglichen Umwelt kompatibel sein kann.

Nach Luhmann sind soziale Systeme sinnkonstituierende Systeme. "Sie dienen der Vermittlung zwischen der äußersten Komplexität der Welt und der sehr geringen, aus anthropologischen Gründen kaum veränderbaren Fähigkeit des Menschen zu bewußter Erlebnisverarbeitung."4 Sie stabilisieren zu diesem Zweck eine Grenze von innen und außen und ihre Systemgrenze entspricht ihrer Sinngrenze. Ihre Struktur entspricht so quasi einem Sinnentwurf ins Ungewisse. Sie reduziert die Ungewißheit der Welt auf ein enges Maß an Möglichkeiten, das der Erlebnisverarbeitungskapazität des menschlichen Bewußtseins angemessen ist. Die Struktur wählt praktisch dem Bewußtsein seine Wahlmöglichkeiten voraus. Das konkrete Verhalten mehrerer wird durch Generalisierung von Verhaltenserwartungen erleichtert. Das heißt, "es wird vorher schon typisch festgelegt, was etwa erwartet werden kann, und welches Verhalten die Grenzen des Systems sprengen würde."5

Durch die permanente Überforderung der Welt ist die menschliche Erlebnisverarbeitung und die Interaktion immer auf Generalisierung angewiesen. Der einzelne Mensch ist nämlich in seinen Wahlmöglichkeiten nahezu unbegrenzt. Die Gesellschaft aber ist es, die die Reduktion der Weltkomplexität durchführt und dadurch das Vorstellungsvermögen des Einzelnen immer schon vorstrukturiert. So bleiben die Wahlmöglichkeiten des Menschen stets innerhalb des von Gesellschaft gesetzten Rahmens.

Um die Beziehung von individuellem Bewußtsein, Weltkomplexität und der Generalisierungsnotwendigkeit aufzuhellen, greift Luhmann auf die Phänomenologie Husserls zurück.6

Fußnoten

  1. siehe Habermas/Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Theorie-Diskussion, Ffm. 1985, S. 143
  2. dto., S. 14, 15
  3. dto., S. 16, 17
  4. dto., S. 116
  5. dto., S. 121
  6. überhaupt unterhält die Systemtheorie weitreichende Beziehungen zu Husserls Phänomenologie. siehe Luhmann: Soziale Systeme, Ffm. 1987, S. 93, 122, 153, 162, 201. Aber auch: Johannes Berger; Autopoiesis: Wie systemisch ist die Theorie sozialer Systeme? In: Haferkamp/Schmid: Sinn, Kommunikation, soziale Differenzierung, Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Ffm. 1987, S. 132 und ebenso die hier verarbeiteten Aufsätze, speziell S. 30 ff.

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