Qualität
„To seek the timeless way we must first know the quality without a name. There is a central quality which is the root criterion of life and spirit in a man, a town, a building, or a wilderness. This quality is objective and precise, but it cannot be named.“
(Christopher Alexander)
I.
Qualität. Vom Maß des Lebendigen
Qualität ist kein Attribut. Sie ist kein Merkmal, das Dingen beigegeben wird. Qualität ist das, was geschieht, wenn etwas stimmt. Wenn Form, Funktion, Zeit und Seele einen Moment der Übereinstimmung erreichen. Sie ist das Aufleuchten von Stimmigkeit im Strom des Geschehens.
Robert Pirsig hat Qualität das „Davor aller Dinge“ genannt, das, was existiert, bevor Subjekt und Objekt sich trennen. Diese Beschreibung trifft den Kern. Qualität ist kein Produkt des Denkens, sondern die Bedingung, dass Denken überhaupt Bedeutung gewinnt. Sie ist das Feld, in dem Wahrnehmung und Welt sich begegnen, bevor Sprache sie auseinanderlegt.
In der Neuen Kybernetik ist Qualität das ästhetische Korrelat der Resonanz. Wo Resonanz die Schwingung beschreibt, beschreibt Qualität ihre Gestalt. Sie ist das Maß, in dem Verbundenheit erfahrbar wird - nicht als Regel, sondern als Gefühl von Richtigkeit. Wenn etwas Qualität hat, dann deshalb, weil es in Beziehung steht: mit sich, mit seiner Umgebung, mit dem Ganzen.
Qualität ist also nicht das Resultat äußerer Bewertung, sondern das Echo innerer Kohärenz. Sie entsteht dort, wo Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Sinnbildung zusammenfallen. In ihr verdichtet sich das Nichtmessbare zu Form. Deshalb ist sie in der Welt des Gestaltens von zentraler Bedeutung. Denn Gestalten heißt, dieses Maß zu erspüren, bevor es quantifizierbar wird.
Der Gestalter, der Qualität sucht, handelt nicht nach Regeln. Er hört (vgl. Lauschen). Er prüft, wo das Material antwortet, wo der Rhythmus trägt, wo die Form atmet. Er weiß, dass Qualität nicht im Produkt liegt, sondern im Prozess. Sie ist die Folge einer Haltung, nicht einer Methode.
So verstanden ist Qualität kein ästhetischer Luxus, sondern ein ontologisches Prinzip. Sie markiert die Tiefe, in der Weltverbundenheit zur Erscheinung kommt. Wenn Liebe das Medium der Verbindung ist, dann ist Qualität die sichtbare Spur dieser Verbindung in Gestalt. Sie zeigt, dass etwas durchdrungen wurde - nicht oberflächlich entworfen, sondern gehört, gesehen, verstanden.
Qualität hat immer auch eine ethische Dimension. Denn wer mit Qualität handelt, handelt mit Achtsamkeit. Er verschwendet nicht, er achtet. Er zwingt nicht, er richtet sich aus. In diesem Sinn ist Qualität der ästhetische Ausdruck von Verantwortung: Sie bezeugt, dass etwas ernst genommen wurde - das Material, die Zeit, die Welt.
Doch Qualität ist flüchtig. Sie lässt sich nicht festhalten, nicht normieren. Sie erscheint und vergeht. Was bleibt, ist ihre Spur - die Empfindung, dass hier etwas geglückt ist, dass etwas den Punkt getroffen hat, an dem Sinn und Schönheit sich berühren.
Darum ist Qualität mehr als Perfektion. Perfektion schließt ab, Qualität öffnet. Sie ist nicht das Ende, sondern der Anfang eines fortgesetzten Gesprächs mit der Welt. Sie fragt: Was ist jetzt stimmig? Was trägt? Was antwortet? Und sie weiß, dass jede Antwort nur vorläufig ist.
Qualität ist das Kriterium des Lebendigen. Sie ist das Maß, an dem wir erkennen, ob etwas lebt - in uns, in der Form, in der Welt. Und vielleicht ist sie am Ende nichts anderes als das, was Liebe hinterlässt wenn sie Gestalt angenommen hat.
Stille im Klang.
In der Musik wird Qualität hörbar, wo Töne beginnen zu atmen. Nicht Virtuosität überzeugt, sondern der Moment, in dem zwischen zwei Noten eine Stille aufspannt, die alles trägt. Diese Stille ist nicht Abwesenheit, sondern Gegenwart eines Größeren. Qualität zeigt sich als lebendiges Werden im Raum zwischen den Tönen - als Maß, das nicht zählt, sondern stimmt.
Die Berührung im Blick.
In der Kunst begegnet uns Qualität als Kraft, die nicht festgehalten werden kann. Sie ist das subtile Erstaunen, das uns schweigen lässt, bevor ein Urteil gefunden ist. Ein Werk ist gelungen, wenn es uns anhält, unsere Aufmerksamkeit verfeinert, unser Inneres in Bewegung setzt. Qualität erscheint dort, wo Form aus Tiefe aufsteigt und Begegnung wird - sichtbar und doch über das Sichtbare hinausweisend.
Die Wahrheit im Wort.
In der Sprache offenbart sich Qualität, wenn Worte aufhören, bloße Werkzeuge zu sein. Nicht die Menge der Wörter, sondern die Dichte ihres Zusammenhangs berührt. Ein guter Satz trägt Wahrheit nicht als Behauptung, sondern als Evidenz: im Schwingen zwischen Gesagtem und Geahntem, im Gleichgewicht von Klarheit und Spielraum.
Das Unsichtbare im Sichtbaren.
Im Alltag wird Qualität dort erfahrbar, wo Handlungen mehr sind als Ablauf. In der Sorgfalt einer Zubereitung, die nicht Pflicht erfüllt, sondern Freude ordnet; in einer Geste, die kein Aufwand ist und doch alles verändert. Qualität ist das Unsichtbare, das im Sichtbaren Gestalt gewinnt: die feine Passung von Zweck und Maß, die niemand bemerkt und jeder merkt.
Die Tiefe der Begegnung.
In Gesprächen zeigt sich Qualität, wenn Reden zu Zuhören wird und eine Gemeinsamkeit entsteht, die nicht Einigkeit ist, sondern Resonanz. Ein Blick reicht weiter als das Argument; eine Pause trägt mehr als ein schneller Einwurf. Qualität entsteht in der Offenheit, die dem Anderen Platz gibt, ohne das Eigene zu verlieren.
Widerstand und Schwelle.
Die Welt beharrt (vgl. Resilienz). Materialien, Routinen, Institutionen und Wahrnehmungsgewohnheiten kehren unterhalb bestimmter Schwellen in ihren Zustand zurück. Qualität findet die kleinste wirksame Geste, die diese Schwelle überschreitet, ohne das Tragwerk zu brechen - nicht durch Druck, sondern durch Treffsicherheit; nicht durch Viel, sondern durch Genau.
Selektivität und Leere.
Weglassen ist keine Verarmung, sondern Formtechnik. Qualität sortiert das Mögliche am Kriterium des Notwendigen. Sie schafft Leere, damit Wirkung atmen kann; sie schafft Rand, damit Mitte entstehen kann. Klarheit ist kein Minimalismus, sondern die Folge einer begründeten Grenze.
Zeit und Bewährung.
Qualität hat Zeitformen. Sie bewährt sich im Gebrauch, altert würdig, öffnet Möglichkeiten, wenn Kontexte sich verschieben. Kurzfristig kann vieles beeindrucken; dauerhaft überzeugt nur, was in wechselnden Situationen kohärent bleibt. Qualität ist Gedächtnis der Form: eine Ordnung, die sich selbst wiederfindet.
Qualität ist ein ethisches Versprechen: Sorgfalt vor Effekt, Konsequenz vor Pose, Verantwortung vor Ruhm. Sie respektiert die Folgen ihres Erscheinens - ökologisch, sozial, kulturell - und entwirft so, dass mehr Möglichkeiten entstehen. Qualität will nicht glänzen, sie will gelten.
II.
Kunst und Design
Ebenso wie die Kunst ist Design ein auf hohe Qualität ausgerichtetes Bemühen. Weil der Weg dorthin, aber auch die Rezeption dieser Leistung stark von subjektiven Momenten abhängt, muss eine Referenz auf unbestreitbare Faktizitäten in dieser Hinsicht ersetzt werden durch die Referenz auf Beziehungen, Differenzen und Semantiken. Qualität ist nicht empirisch messbar und kann nicht auf analytischem Weg erschlossen werden. Qualität erfordert Umwege, Hingabe, kairos (Gott des günstigen Augenblicks) und philia (Liebe). Eine Welt ohne Qualität wäre möglich, aber öde und nicht lebenswert. Qualität ist der Weg, etwas besser machen zu wollen, sich in den Prozess zu begeben, den Dingen Wert zu verleihen, ohne an Strukturen zu verhaften.
Der Qualitätsbegriff ist dementsprechend vielschichtig zu verstehen. Er ist zu unterscheiden von Quantität und auch von Rationalität, von dem er sich seit der aristotelischen Formulierung des zweiwertigen logischen Denkens entfernt hat. Er ist anwendbar auf die Dimension stofflicher und geistiger Produkte und Dienstleistungen, auf die Prozess- und Ereignishaftigkeit von Vorgängen, auf sinnliche und epistemologische Fähigkeiten des Rezipienten und auf die Relationierung zwischen diesen Dimensionen. Qualität ist die Dimension, die „Was-Fragen“ mit „Wie-Fragen“ verbindet.
stoffliche Qualität
In der stofflichen Welt beschreibt Qualität die inhärente Beschaffenheit einer Einheit in Differenz zu anderen Einheiten und in Relation zu vorgegebenen Anforderungen. Mahagoni fällt sicherlich in die Kategorie der Edelhölzer, aber ist es von daher per se von besserer Qualität als Fichte oder Zeder? Wohl kaum. Erst die Verwendung beispielsweise im Instrumentenbau macht deutlich, dass die inhärenten Eigenschaften wie Verwindungssteifigkeit, Dichte, Temperaturfühligkeit, Oberflächenbeschaffenheit, etc. des Mahagonigewächses es zu einem besonderen Werkstoff machen. Bei der geeigneten Verwendung eines Stoffes in Bezug auf vorgegebene Parameter wie Langlebigkeit, Robustheit, umfassende Funktionstauglichkeit, aber auch ästhetischem Wohlgefallen spricht man von Werkgerechtigkeit. Die Relativität solcher Parameter zeigt sich allerdings beispielsweise darin, dass Langlebigkeit im Bereich der Digitalen Medien eine völlig andere Zeitdimension impliziert als im Instrumentenbau.
Zerlegt man ein gefertigtes oder gestaltetes Produkt in Komponenten und Arbeitsschritte, so ist der Differenzierungsgrad bereits ein erster Indikator für Werkgerechtigkeit und diese ist in ihrer je spezifischen Ausprägung ein Indikator für Qualität. Am Beispiel des Instrumentenbaus lässt sich dementsprechend verdeutlichen, dass die Verwendung heterogener Materialien in Abstimmung untereinander erst das Gesamtprodukt mit Qualität ausstattet. Wem nutzen edelste Hölzer, wenn die Saiten des Instruments sich durch ungenaue Passmasse von Schrauben oder Griffbrett nicht präzise einstellen lassen. Das wirkungsvolle Zusammenspiel aller Komponenten eines Produktes entscheidet über die Qualität der Sache. (vgl. auch Emergenz)
Selektivität und Relevanz
Ähnlich verhält es sich bei geistigen Produkten und Dienstleistungen. Gemessen an einer Anforderung entscheidet das differenziert und aufeinander abgestimmte Vorgehen über die Qualität einer Bearbeitung. An dieser Stelle kommt methodisch gerade für den Bereich der gestalterischen Konzeption eine weitere Dimension hinzu, nämlich das Verhältnis von Aktualität und Possibilität, von verworfener und verwendeter Möglichkeit. Der Gestalter lebt im Möglichkeitenraum, durch den er sich lateral und assoziativ bewegt. Jede hochwertige gestalterische Konzeption erfährt ihre Qualität aus einer Analyse- und Recherchetätigkeit, die einen Universalkosmos aufreisst und in einem kontinuierlichen zielgerichteten Prozess dieses Spektrum wieder so weit verdichtet, bis das übrig bleibt, was sich zur Verwendung am besten eignet. Der Verwendungszusammenhang verweist in diesem Sinne über sich selbst hinaus auf anderes, nichtaktualisiertes und kommuniziert dem Rezipienten seine Leistungsfähigkeit, seinen Vorzug und seine Bedeutsamkeit gegenüber anderem. Die so gewonnene Selektivität ist Grundparameter jeder Gestaltung. Dabei zeigt sich deutlich die Relevanz in den Designprozess eingebauter Reflexionsschleifen. Die designerische Prozesskette reicht von Recherche/Analyse über Konzeption und Entwurf bis hin zur Realisation und Tauglichkeitsprüfung. Der Einbau frühzeitiger Reflexionsschleifen in Form von Dokumentationen, Protokollen und Zielführungskommunikation optimiert kommunikative Prozesse an ihren Anschlussenden. Dies macht deutlich, wie sehr sich die professionelle designerische Leistung von Oberflächenkosmetik unterscheidet und welchen Stellenwert eine solchermaßen verstandene kostitutive Designleistung in Bezug auf Qualität beansprucht.
Qualitätsbewußtsein
Das setzt allerdings Rezipienten voraus, die in ihrer Fähigkeit zur differenzierenden Wahrnehmung gestalteter Produkte und Dienstleistungen geschult sind. Wem nutzt das beste Produkt, die plausibelste Dienstleistung, wenn der Rezipient oder Konsument sie nicht von einer Standardlösung unterscheiden kann. Hier tut sich das moderne Design nach wie vor schwer. Der Anspruch auf hohe Qualität ist zeitintensiv, aufwändig und dementsprechend teuer. Da die Differenziertheit professioneller Konzeptionsleistung sich allerdings im gefertigten Produkt nur als Spur darstellt und der primären Aufmerksamkeit entzieht, neigt der Rezipient dazu, diese verborgene Leistung nicht honorieren zu wollen. In diesem Sinne werden auch heute noch Entwicklungsleistungen, Recherchearbeit, Dokumentationen und andere Reflexionsbemühungen in ihrer Wertigkeit unterschätzt und dementsprechend nur ungern vergütet. Es erfordert eine erweiterte Rezipientenschulung, um deutlich zu machen, dass das Gesamtprodukt ohne diese Dimensionen keine anspruchsvolle Qualität entfalten kann. Deswegen ist es im modernen Designprozess von zunehmender Wichtigkeit, den Kunden auf die Notwendigkeit reflexiver Tätigkeiten im Gestaltungs- und Fertigungsprozess hinzuweisen. Design muss in dieser Hinsicht den Weg gehen, den das moderne Qualitätsmanagement vorgibt ohne allerdings einem normativen Regelkanon zu verfallen.
Literatur:
Aicher, Otl: Analog und Digital, Berlin 1991
Burckhardt, Lucius: Die Kinder fressen ihre Revolution, Köln 1985
Brock, Bazon: Ästhetik als Vermittlung, Köln 1977
Pirsig, Robert M: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte, Ffm. 1978
Stefan Asmus, in:
second part of this article is published in Design Dictionary/Wörterbuch Design,
Series BIRD (Birkhäuser Board of International Research in Design)
Edited by Timothy Marshall, Parsons School of Design NYC and Michael Erlhoff, KISD
Basel, New York 2007