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Evolution

Mit dem Autopoiesiskonzept (vgl. Autopoietische Systeme) sind gängige evolutionstheoretische Konzepte ins Wanken geraten. Man kann jetzt nicht mehr davon ausgehen, daß die Umwelt Systemzustände auswählt, sondern Systeme wählen aufgrund ihres Geschlossenheitsmoments ihre Zustände selbst. Sie passen sich also nicht optimal an ihre Umwelt an, sondern versuchen, innerhalb eines bestimmten Rahmens von Möglichkeiten, Anschlüsse an vorausgegangene Zustände zu knüpfen. Dies können sie nur unter der Bedingung einer relevanten Umwelt. Dabei kommt es nicht darauf an, welche Möglichkeiten die Umwelt bereitstellt, sondern daß die Umwelt überhaupt Möglichkeiten der Beziehung bereitstellt.

"Völlige Angepaßtheit und völlige Nichtangepaßtheit sind tödlich. In der Ökologie paßt die Nische hinreichend zur Spezies, definiert sie aber nicht völlig, die Spezies paßt hinreichend in die Nische, definiert sie aber nicht völlig."1

Luhmann erklärt gesellschaftliche Evolution durch das Prinzip der funktionalen Differenzierung.2 Dies bedeutet, daß die System/Umwelt-Differenz sich im System wiederholt. So bilden sich im Gesamtsystem Teilsysteme, die wiederum mit jeweiligen Umwelten konfrontiert sind. Des Spezifikum an der funktionalen Differenzierung ist, daß die Teilsysteme nicht in einem Hierarchie-, sondern in einem Gleichwertigkeitsverhältnis zueinander stehen.3 Mit dem Autopoiesismodell wird die Ausdifferenzierung der Binnensysteme nun als selbstreferentieller Sachverhalt angesehen. Dies bedeutet, daß die Systeme ihre Struktur nur aufgrund eigener Operationen spezifizieren können. Sie importieren ihre Selektivität nicht einfach aus der Umwelt, sondern wählen ihre Systemzustände von Augenblick zu Augenblick selbst. Dadurch gewinnen sie zunehmend Autonomie und durch Rekursivität der jeweiligen Beobachtungen im Sinne der Selbstreferenz, entfernen sich ihre Selbstbeschreibungen von denen anderer Teilsysteme. Die heutige Gesellschaft verfügt von daher über viele, nicht integrierbare Selbstbeschreibungen ihrer Subsysteme; mit Gotthard Günther gesprochen, ist die moderne Gesellschaft ein 'polykontexturales' System.

Es ist wichtig, zu verstehen, daß mit dem Autopoiesismodell nicht davon auszugehen ist, daß es sich bei Evolution um lediglich stochastische Prozesse handelt. "Ohne Zufall keine Evolution; aber auch eine zweite Bedingung ist unerläßlich: Die Struktur des Systems muß in der Lage sein, Zufälle zu entrandomisieren und zur Morphogenese auszunutzen."4 Das bedeutet, daß sich nur diejenigen Systeme durchsetzen können, die in der Lage sind, Zufälligkeiten in Strukturgewinn umzusetzen, die sich also zufallsbedingt eine interne Konstellation angeeignet haben, die sie in die Lage versetzt, sich ändern zu können. Dies setzt eine systemische Ungleichgewichtsdynamik voraus, wie wir sie in der Theorie dissipativer Strukturen Ilya Prigogines finden.5 Mit der Einführung solcher Modelle in die Systemtheorie, kann Evolution nicht mehr als zielgerichtete Entwicklung verstanden werden. Es geht nicht mehr darum, daß Systeme (wir sprechen im wesentlichen von komplexen Systemen) von außen geplant und gesteuert werden, sondern es geht vielmehr um Selbstplanung und Selbststeuerung. Nach Luhmann handelt es sich bei Steuerung immer um Differenzminderung, "um Verringerung eines Unterschiedes."6 ^Die moderne Gesellschaft beruht jedoch auf Erhaltung, ja Verstärkung von Unterschieden. Insofern kann sie nach Luhmann nicht gesteuert werden, sondern man kann lediglich Signale setzen. Hinzu kommt, daß klare Ursache- Wirkungsprozesse in komplexen Systemen kaum noch vorkommen. Es gibt vielmehr Rückkoppelungseffekte, Fluktuationen, Instabilitäten und Emergenzen. Dementsprechend durchlaufen äußere Anstöße nicht einfach das System, sondern das System reagiert aufgrund seiner internen Dynamik quasi "eigensinnig".

Desweiteren verweist Luhmann darauf, daß Steuerung als Ereignis oft rascher wirkt, als die beabsichtigte Änderung.7 Von daher muß es bei Planung oder Interventionen eher darum gehen, das Prinzip der Morphogenesis zu beachten:

"Die Kunst der Intervention könnte darin bestehen, Gelegenheiten, wenn sie sich bieten, zu nutzen: und vielleicht auch darin, die Chance, daß sich Gelegenheiten bieten, planmäßig zu verdichten."8.

Fußnoten

  1. Erich Jantsch: Erkenntnistheoretische Aspekte der Selbstorganisation natürlicher Systeme, in: S. J. Schmidt: Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, a.a.O., S. 173.
  2. Auch Jantsch gibt dem Differenzierungsgedanken Priorität. "...Dies ermöglicht die ungeheure Differenzierung, die vielleicht das Hauptmerkmal des Lebens ist. In: Erkenntnistheoretische Aspekte der Selbstorganisation natürlicher Systeme, a.a.O., S.182. Nach Willke kommt durch Unterscheiden und Bezeichnen Ordnung in die Welt. Siehe Differenzierung und Integration in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 250.
  3. Die Differenzierung von Interaktion und Gesellschaft: Probleme der sozialen Solidarität, in: Robert Kopp (Hrsg.), Solidarität in der Welt der 80er Jahre: Leistungsgesellschaft und Sozialstaat, Basel1984, S. 79-96.
  4. Niklas Luhmann: The Paradox of System Differentiation and the Evolution of Society, in: Jeffrey C. Alexander/Paul Colomy (Hrsg.), Differentiation Theory and Social Change: Comparative and Historical Perspectives, New York, Columbia UP 1990, S. 409-440
  5. Die Theorie geht davon aus, daß sich durch Fluktuationen spontane Ordnung bilden kann. Das System wird quasi zufällig mit einer Fluktuation konfrontiert. Wenn die Fluktuation einen vom System durch selbstreferentielle Operationsweise definierten, kritischen Wert unterschreitet, wird sie abgedämpft und bleibt wirkungslos; wird der Wert überschritten, so werden die Schwankungen verstärkt und es setzt ein irreversibler entropischer Prozeß ein, der zu emergentem Strukturaufbau führt. Vgl. als Einführung: Gebhard Rusch: Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte, Ffm. 1987, S. 26-35 und Erich Jantsch: Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist, München 1986, S. 77 ff. Jantsch benutzt übrigens den Begriff der Autopoiesis in engem Zusammenhang mit dem Begriff der dissipativen Struktur. Vgl. S. 36, 66, 90.
  6. Politische Steuerung. Ein Diskussionsbeitrag, in: Politische Vierteljahresschrift, 30. Jg. (1989), Heft 1, S. 5.
  7. Politische Steuerung, a.a.O., S. 8.
  8. Niklas Luhmann: Selbstreferentielle Systeme, in: F. B. Simon (Hg.): Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Therapie, Berlin 1988, S. 53

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