System
I.
Ein System ist kein Ding, sondern ein Prozess der Abgrenzung. Es existiert nicht als Objekt, sondern als operative Einheit, die durch die Differenz von System und Umwelt ihre eigene Identität stabilisiert. Diese Identität ist keine Substanz, sondern eine Differenzleistung, ein zirkulärer Akt der Selbstreferenz und Selbsterschließung.
Systeme sind selektive Ordnungen im Meer des Möglichen. Sie reduzieren Komplexität, indem sie Unterscheidungen einführen: Was gehört zum System, was nicht? Was zählt als Information, was bleibt Rauschen? Was ist anschlussfähig, was irrelevant? Das System ist nicht das Ganze, sondern das Abgegrenzte - nicht die Welt, sondern ein Ort innerhalb ihres Horizonts. Doch gerade diese Abgrenzung erzeugt Welt: Indem es sich selbst bestimmt, bildet das System ein Feld von Resonanz, in dem Sinn zirkuliert und Gestalt gewinnt.
Systemtheorie, im Anschluss an Luhmann, versteht Systeme als autopoietische Einheiten: Sie erzeugen und reproduzieren ihre Elemente durch ihre eigenen Operationen. Ein Gedankensystem denkt Gedanken, ein Kommunikationssystem kommuniziert Kommunikationen, ein biologisches System lebt durch Zelloperationen. Die Elemente entstehen nicht außerhalb, sondern innerhalb - durch das System selbst. Diese Selbstproduktion macht Systeme geschlossen und zugleich offen: geschlossen gegenüber dem, was nicht systemintern anschlussfähig ist, offen gegenüber Irritationen aus der Umwelt, die sie in ihre eigene Logik übersetzen. Jedes System ist also kein hermetischer Körper, sondern ein atmender Raum sinnhafter Resonanz. Es hält sich selbst im Spiel durch die Schwingung seiner Differenzen.
Gestaltung beginnt genau an dieser Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Form und Nicht-Form. Ein Gestaltungssystem schafft nicht nur Objekte, sondern strukturiert Wahrnehmung. Es produziert Anschlüsse, Perspektiven, Atmosphären. Es organisiert Weltwahrnehmung und Weltbearbeitung - nicht durch Kontrolle, sondern durch Form. Gestaltung ist das Denken der Grenze: Sie erzeugt jene durchlässigen Membranen, an denen Welt spürbar wird.
So verstanden, sind Systeme keine starren Strukturen, sondern dynamische Felder. Jeder Vollzug verändert sie, jede Operation schreibt sie fort. Reproduktion ist immer auch Erneuerung. Jedes System ist Bewegung im dynamischen Gleichgewicht, eine Form des Gleichgewichts, die aus Bewegung besteht. Es hält Ordnung nicht fest, sondern erzeugt sie immer neu aus Instabilität. Ein System ist also keine Antwort, sondern eine Weise des Fragens. Es fragt: Was unterscheide ich? Was nehme ich wahr? Was lasse ich aus? Jedes System ist ein Ort der Entscheidung, kontingent, konstruiert, selektiv. Diese Selektivität ist kein Mangel, sondern Notwendigkeit: denn erst durch Auswahl entsteht Sinn. Ordnung ist nicht gegeben, sie ist erzeugt. Stabilität ist kein Zustand, sondern eine Geste. Systemisches Gestalten heißt, diese Gesten wahrzunehmen und zu formen. Es heißt, Resonanzräume zu schaffen, in denen Differenz und Zusammenhang zugleich möglich bleiben. Wer Systeme gestaltet, formt nicht nur Artefakte - er verändert die Bedingungen des Wahrnehmens selbst. Gestaltung ist die Kunst, Systeme in Bewegung zu halten, ohne sie zu zerreißen; Formen zu öffnen, ohne sie zu verlieren; Sinn zu verdichten, ohne ihn festzuschreiben.
Damit wird Systemtheorie zur Ästhetik des Zusammenhangs. Sie interessiert sich nicht für Substanzen, sondern für Muster, für Gestalten im Fluss, für das, was Bateson das Muster nennt, das verbindet. In dieser Wendung schließt sie sich an die Neue Kybernetik an: Systeme sind keine Maschinen, sondern lebendige Felder. Sie sind Ausdruck einer universellen Dynamik des Zusammenhangs, die physikalisch, biologisch, sozial und geistig zugleich wirkt. Das System wird so lesbar als Raum des Möglichen, als Resonanzfigur zwischen Innen und Außen, als Form der Weltaneignung, die sich ständig selbst erneuert. Es ist nicht nur Analyse, sondern auch Poesie - die Sprache des Lebendigen, das sich selbst denkt.
II.
Die Systemtheorie geht von der Annahme aus, daß die Untersuchung verbindender Muster bedeutsamer ist als die ontologische Betrachtung der Welt, die sich zu sehr am isolierten Objekt orientiert (vgl. Ding). Als moderne Variante der Phänomenologie befasst sie sich mit allem was vorkommt und passiert, mit Dingen, Sachen, Zeug, Prozessen, Ereignissen, Handlungen, mit Möglichem, Unmöglichem, mit Gott und der Welt, mit künstlerischen Artefakten und Molekülen, mit Logik und Unvernunft. Wenn man genau hinschaut, gibt es in der Welt nichts isoliertes, sondern nur Einheiten im Verbund, mehr oder weniger stark gekoppelt. Die Systemtheorie untersucht diese Dimension der Kopplung, der Verbundenheit.( vgl. Strukturelle Kopplung) Sie fragt sich auf welche Art Einheiten miteinander verbunden sind (vgl. Emergenz), wie Verbindungen zustande kommen, welche Wirkung sie entfalten, unter welchen Bedingungen sie sich wieder auflösen, aber selbstverständlich auch, was im Innern von Systemen vor sich geht, wie sich Systeme von Augenblick zu Augenblick in der Zeit fortschreiben, wie sie sich reproduzieren und evolvieren, sich räumlich, sachlich, zeitlich oder atmosphärisch verorten lassen.
Systemtheorie macht das Phänomen der Komplexität(https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/00000000-0000-0000-0000-000000000000) und der Gestaltbildung zum gekoppelten Untersuchungsgegenstand. Sie integriert Geisteswissenschaft in naturwissenschaftliches Terrain. Ihre Anwendungsgebiete reichen von Physik, Chemie und Biologie bis hin zu Gesellschaftswissenschaften und Philosophie. Geistige Dimensionen werden werden auf diese Art naturwissenschaftlich untermauert. Die Systemtheorie überwindet die klassische Trennung von Natur und Geist. Sie zeigt, dass Geist der Naturevolution inhärent ist und formuliert ihre Erkenntnisse auf eine nichtreduktionistische Art.
So befasst sich die moderne Systemtheorie mit der Welt und allem was in der Welt passiert und sie beobachtet mit Hilfe einer spezifischen Differenz, nämlich der von System und Umwelt.1 Das war nicht immer so.
Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte soll helfen, die Bedeutung des aktuellen differenztheoretischen Ansatzes zu verdeutlichen.
Schon in der Antike kannte man das Wort systema, abgeleitet aus dem zusammengesetzten Begriff synhistamein (syn: zusammen; histamein: stehen). Es ging also um das Zusammengestellte, Zusammengeordnete. Demokrit, Platon, Aristoteles und die Stoiker benutzten den Systembegriff und verstanden darunter im wesentlichen "ein Gebilde, daß irgendein Ganzes ausmacht und dessen einzelne Teile in ihrer Verknüpfung irgendeine Ordnung aufweisen".2
Im Prinzip bewegt der Systembegriff sich schon von der Antike an, weg von der reinen ontologischen Vorstellung einer dinghaften Welt, zur Vorstellung, einer Welt der Sachverhalte. Der Begriff Sachverhalt legt hier die Fährte. Es geht um Verhältnisse und Sachen, um Relationen und Einheiten.
Dieser alte und heute noch in manchen Definitionen fortlebende Systembegriff wurde zunächst mit Hilfe der Kategorien Ganzes/Teil zu bestimmen versucht, ohne jeden Bezug auf eine Umwelt3.
Später entstanden Gleichgewichtstheorien, die die Umwelt immerhin schon als Quelle für Störungen ansahen, mit denen das System zu rechnen hatte; aber im Endeffekt wurde die Umwelt als zu vernachlässigende Größe behandelt.
In der Theorie der umweltoffenen Systeme wird die Beziehung zwischen System und Umwelt als etwas selbstverständliches behandelt und nicht als Mangel. Jetzt wird konstatiert, daß sich Systeme nur durch Austausch- und Abgrenzungsprozesse mit der Umwelt erhalten könnten.
Erst die kybernetischen Systemtheorien (vgl. Kybernetik)begreifen das Verhältnis von System und Umwelt als eine Differenz in Komplexität. Die Erhaltung des Systems erfordert jetzt eine Ausbildung systemischer Eigenkomplexität, die in einem angemessenen Verhältnis zur Umweltkomplexität steht4.
III.
Systemtheorie ist eine Beobachtertheorie, eine Theorie, bei der der Beobachter (vgl. Beobachtung) mit im Bild ist. Damit unterscheidet sie sich vom Realismus der Empiriker des 19. Jahrhunderts ebenso, wie vom aktuell geführten Diskurs des Neuen Realismus, demgegenüber sie eine höhere Granulation, eine differenziertere Beschreibung der Wirklichkeit aufweist. (Eine gute im Sinne einer leistungsfähigen Theorie, so Luhmann, ist eine, die in der Lage ist, die in der Erfahrungswirklichkeit sich unterschiedlich darstellenden Sachverhalte auch unterschiedlich bezeichnen zu können.)
Beobachtet wird mit Hilfe von Unterscheidungen, die man im Anschluss an das Logikkalkül von George Spencer Brown als Form begreifen kann. Als Form ist jede Beobachtung blind für die anfänglich getroffene Unterscheidung. Der Beobachter sieht nicht, was er nicht sieht. Er sieht lediglich das, was er mit Hilfe seiner Unterscheidung sieht, aber die Unterscheidung selbst ist der eingeschlossene ausgeschlossene Dritte, der Parasit, wie der französische Philosoph Michel Serres so pointiert formuliert. Die Unterscheidung mit der ein Beobachter einsetzt ist also eine Art Axiom, man könnte auch sagen Injunktion und gleichzeitig eine Paradoxie, nämlich eine Unterscheidung, die sich selbst nicht weiter unterscheiden kann.
IV.
Die moderne Systemtheorie ist nun nicht der Meinung, dass die ontologische Differenz und die Idee einer seinsbezogenen Erkenntnistheorie weiterhin fruchtbar eingesetzt werden kann. Im Gegenteil, sie hält die ontologische Ausrichtung der Philosophie für völlig ungeeignet, sich den Problemen der modernen Welt zu stellen. Ontologie läuft immer hinaus auf Wahrheit, Objektivität, auf Absolutismus, auf Fundamentalismus. Geht man jedoch davon aus, dass der Zugang zur Wirklichkeit und dementsprechend zur absoluten Wahrheit versperrt ist, muss man auf Ontologie verzichten und die grundsätzliche Relativität des Beobachters mit ins Kalkül nehmen. Insofern vertritt Systemtheorie die postmoderne Erkenntnis, dass ein Einheitsbericht über die Welt in der wir leben, nicht möglich ist. Man sieht, was man aufgrund seines, der Analyse vorausgesetzten Instrumentariums sieht, nicht mehr und nicht weniger. Willst du erkennen, so lautet die Anweisung der Systemtheorie, so beobachte den Beobachter.
Systemtheorie ist also eine Möglichkeit unter vielen anderen, die Dinge zu be-greifen. Aber sie hält sich selbst für enorm leistungsfähig, weil in der Lage, in einer hochkomplexen und diffundierenden Welt, die Diffusion selbst, die Komplexität, die Relation von Chaos und Ordnung zum Thema zu machen. Sie richtet ihren Blick nicht auf die Einheiten selbst, da sie davon ausgeht, dass Einheiten sowieso lediglich durch die Differenz zu anderen Einheiten zu erkennen sind. Sie richtet dementsprechend ihren Blick auf die Art der Verknüpfung, oder wie Gregory Bateson so schön sagt, auf "das Muster, das verbindet".5
V.
System als Raum sinnhafter Resonanz
Luhmann hat an verschiedenen Stellen parallelpoetische Metaphern zur Verbesserung der Theorie ausdrücklich befürwortet. Hier der Versuch, Systeme als Räume sinnhafter Resonanz zu verstehen. Demnach ist ein System ist kein Apparat, keine Maschine, kein abgeschlossener Körper, sondern ein Raum, in dem Sinn schwingt. Ein Gefüge von Unterscheidungen, das sich selbst erhält, indem es Unterschiede wieder aufnimmt.6
Jede Form, die darin entsteht, ist zugleich Grenze und Übergang, Verdichtung und Klang.
Wirklichkeit erscheint hier nicht als Substanz, sondern als Rhythmus - als das fortgesetzte Vibrieren einer Unterscheidung, die sich selbst hört.
Das Autopoiesiskonzept beschreibt Systeme als operativ geschlossene Einheiten, die ihre eigenen Elemente erzeugen. Doch diese Geschlossenheit ist nicht hermetisch. Sie ist resonant. Das System bleibt offen, weil es Schwingungen aufnimmt, ohne sich aufzulösen. Es antwortet, ohne zu verschmelzen. Die Grenze wird zur Membran, die das Fremde durchlässt, aber transformiert. So entsteht jene eigentümliche Gleichzeitigkeit von Selbstbezug und Weltoffenheit, die jedes lebendige, geistige oder kommunikative System kennzeichnet.
Wenn man Systeme als Räume sinnhafter Resonanz versteht, verwandelt sich ihre Logik. Nicht Information steht im Vordergrund, sondern Klang. Nicht Befehl, sondern Beziehung. Sinn wird hier nicht nur verarbeitet, sondern vernommen. Er ereignet sich, wo Unterscheidung zur Wahrnehmung wird: wo das System nicht nur operiert, sondern lauscht. In dieser Bewegung beginnt das Denken zu hören und das Hören zu denken.
Resonanz ist keine Metapher für Harmonie. Sie meint die Fähigkeit, auf Welt zu antworten, ohne sie zu vereinnahmen. Systeme, die resonant sind, bleiben berührbar. Sie leben vom Unterschied, nicht von der Auflösung. In ihnen tritt der Sinn nicht als starrer Code auf, sondern als schwingendes Geflecht, als Feld von Möglichkeiten, das sich mit jeder Operation neu ordnet.
Resonanz ersetzt nicht die Form, sie vertieft sie. Sie zeigt, dass jedes System, auch das logischste, im Grund poetisch ist - weil es nur besteht, indem es Welt in sich klingen lässt.
Ein System ist also kein Container des Sinns, sondern eine Gestalt des Hörens. Es entsteht, wo Differenz Rhythmus bekommt. Wo das Innen auf das Außen antwortet, ohne das Außen zu verschlucken. Und wo aus dieser Antwort eine Form wächst, die trägt, weil sie schwingt.
Fußnoten:
- Niklas Luhmann: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, in: Merkur 42, S. 292-300.
- Helmut Seiffert: Einführung in die Wissenschaftstheorie Bd. 3, München 1983, S. 98
- Jürgen Habermas/ Niklas Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Theoriediskussion, Ffm. 1971, S. 10
- In diesem Sinne formulierte Ashby das bekannte Gesetz des "requisite variety"
- Bateson, Gregory: Geist und Natur, Ffm. 2005. Vgl. hierzu auch die Arbeiten von Christopher Alexander: Notes on the synthesis of form, Cambridge, Mass. 2002 und Helmut Leitner: Mustertheorie. Auf den Spuren von Christopher Alexander, Graz 2016
- z.B. hier: Reframing_Deconstruction_in_Systems_Theory_Niklas_Luhmann_Jacques_Derrida_and_the_Culture_of_Writing?
Die hier vorgestellte Neue Kybernetik versteht sich als Theorie universeller Resonanz. Sie beginnt dort, wo die Welt nicht in Dingen, sondern in Schwingungen erfahrbar wird. Von der Quantenphysik, die Teilchen als Wellen beschreibt, bis in die Metaphysik, die Seele als Resonanzraum des Ganzen versteht - überall zeigt sich, dass das, was ist, durch Resonanz hervorgebracht wird. Die Neue Kybernetik beschreibt diese Resonanz als das Grundmuster der Selbstorganisation. Sie zeigt, dass Systeme nicht isoliert existieren, sondern in Resonanzfeldern, die sie selbst erzeugen.
Diese universelle Resonanztheorie ist die Grundlage, aus der die Neue Kybernetik schöpft. Erst im zweiten Schritt wird sie zum Werkzeug für Gestalter. Denn Gestaltung ist Resonanzarbeit. Der Gestalter bringt Formen hervor, die aus dem Resonanzraum des Universums kommen und in ihm wirken. Die Neue Kybernetik verbindet diese universelle Resonanz mit dem schöpferischen Akt und macht sichtbar: Wer gestaltet, berührt das Prinzip der Schöpfung selbst.
Die Systemtheorie begreift Systeme als sich selbst erzeugende Unterscheidungen, die durch strukturelle Kopplungen in Beziehung treten. Resonanz bleibt dabei ein implizites Moment - Systeme reagieren aufeinander, aber die Resonanz bleibt ein metaphorischer Schatten. Die Resonanztheorie geht tiefer: Sie macht Resonanz zum eigentlichen Prinzip, nicht nur als Rückkopplung, sondern als schöpferisches Feld. Während Luhmann Systeme als beobachtende Unterscheidungen beschreibt, bringen wir Resonanz als erfahrbare Schwingung ein, die sich von der Quantenebene bis zur Metaphysik erstreckt. Wo Luhmann Systeme als Sinnproduzenten sieht, setzen wir Resonanz als die Urkraft, die Systeme überhaupt in Schwingung versetzt. Resonanz ist dementsprechend kein Nebenprodukt - sie ist das Medium, in dem Systeme entstehen, sich begegnen und transformieren.