Emergenz
Emergenz ist der Begriff für einen Ordnungszustand, der aus spontaner Selbstorganisation entsteht und dessen Funktion nicht auf die Leistung oder Eigenschaft der sich verbindenden Elemente zurückgeführt werden kann. Emergenz ist quasi eine dritte Grösse, die durch Interaktivität, Kopplung oder Synthese entsteht.1
Der Selbstorganisationsmodus der Naturevolution führt zu Verbindungen, Zuständen, Mustern und Ordnungen, die nicht auf der Basis einer Untersuchung ihrer Bestandteile erklärt werden können. Das jeweilige systemische Ganze ist eine eigenständige und von seinen Bestandteilen unabhängige Einheit, sie ist übersummativ.
So erklärt das systemtheoretische Modell nach Luhmann, daß bsw. Verstehensleistungen zwar durch Kommunikation evoziert, aber nicht spezifiziert werden. Jede Kommunikation beansprucht zwar Bewußtseinsleistung, funktioniert aber gegenüber den zugrundeliegenden Bewußtseinssystemen emergent und diese wiederum gegenüber dem Leben.
Der promovierte Physiker und Privatgelehrte Günter Dedié zeigt in seinem Buch: "Die Kraft der Naturgesetze. Emergenz und kollektive Fähigkeiten durch spontane Selbstorganisation von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft" eindrucksvoll auf, dass in der Natur, ebenso wie in Kultur und Gesellschaft emergente Verhältnisse auf der Basis kooperativer Konstellationen eine wesentlich bedeutsamere Rolle spielen, als gewöhnlich angenommen.
Für den Gestalter liefert das Emergenzmodell wichtige Hinweise auf die Frage, wie das Neue in die Welt kommt. Die Antwort lautet: durch Arrangieren, Kombinieren und Rekombinieren des Bestehenden und bereits Verfügbaren, aber eben nicht nur im Sinne eines postmodernen additiven Nebeneinander, sondern im Sinne eines Miteinander, aus dem das Neue spontan erwachsen kann. Da man vorher nicht weiss, wozu die Kombination führt, spielt der Zufall für den Gestalter eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aber damit solcherlei Zufälle sich ereignen können, muss vorab Struktur und Komplexität aufgebaut werden, es muss konzipiert und entworfen werden.
Luhmann selbst setzt dem Emergenzmodell eine eigene Sichtweise entgegen, indem er deutlich macht, dass Systeme selbst definieren, was in ihnen als Element und nicht weiter auflösbare Einheit fungiert. Mit dem Konzept der Autopoiesis (vgl. Autopoietische Systeme) formuliert er, dass die Einheit eines systemischen Elements durch Konstitution "von oben" und nicht als Emergenz "von unten" zu erklären sei.
"Emergenz ist demnach nicht einfach Akkumulation von Komplexität, sondern Unterbrechung und Neubeginn des Aufbaus von Komplexität."2 ^Das System qualifiziert die Elemente aus denen es besteht, durch relationale Inanspruchnahme, also durch Selektivtät selbst.3
Luhmann spricht sich hier eindeutig gegen den analytisch-mathematischen Ordnungsaufbau der systemischen Welt von unten und gegen die Ontologie der Elemente aus. Er verfolgt ein skulpturales Denken, das gestaltbezogen vom jeweils systemischen Ganzen ausgeht und Kontextverhältnisse, System/Umweltrelationen, Ungleichgewichtsdynamiken und Komplexitäten relevant macht. Der Möglichkeitenüberschuss, die Merkmalsfülle komplexer Konstellationen macht für ihn die Welt zum Normalfall einer fortwährenden Überforderung. Luhmann erweitert das Emergenzmodell, indem er deutlich macht, dass systemische Selektivität innerhalb komplexer Ordnungen eben auch zu übersummativen, gestaltbezogenen Zuständen führt (vgl. skulpturales Denken)
Fußnoten:
- So behandeln wir in unserem Zusammenhang Phänomene wie Liebe, Geist oder Qualität als emergente Grössen
- Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie., Ffm. 1987, S. 44 f.
- Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie., Ffm. 1987, S. 42 f und S. 46
Literatur:
Günter Dedié: Die Kraft der Naturgesetze. Emergenz und kollektive Fähigkeiten durch spontane Selbstorganisation von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft, Hamburg 2014
Gumbrecht über Wolfgang Isers Emergenzmanuskripte und wie diese weiter zu denken sind im Video von 2010:
http://streaming.uni-konstanz.de/player/?videoFile=Iser_Lecture_Assman_2010-07-22_01&format=03&mp4=true
Emergenz: fünf Nekleii
- Interpretation als Medium der Emergenz durch die der Mensch als Mängelwesen seine eigene Umwelt hervortreibt. Die Umwelt emergiert aus der Fülle alltäglicher Interpretationen, aus Landkarten des Geistes.
We are but we dont know what it is to be!
- Kultur als Bivektoriale Emergenz Exterriorisierung: das Schaffen der Kultur durch Intervention, aber auch Rückkopplung der Ergebnisse. Der nächste Eingriff ist immer ein besserer Eingriff. Co-Emergenz von Phänomen und Beobachter. Je komplexer die Perspektive des Beobachters, desto komplexer die Phänomene.
- Emergenz als begriffliche Alternative zum geisteswiss. Begriff der Geschichte und naturwiss. Begriff der Evolution
- Sammlung vier Prädizierungen a) Emergenzen haben weder Anfang noch substanziellen Grund: gegen den Substanzbegriff) b) Emergenzen beziehen sich entlang der Grenzen kultureller und medialer Einschnitte c) jedes neue Entrenchement macht eine Vielzahl von neuen möglich d) unter den Möglichkeiten des neuen Entrenchments zeichnet sich das nächste ab, aber man weiss nicht genauin welcher Hinsicht, in welche Richtung. es gibt keine Verlaufstheorie der Emergenz. nicht prognosefähig. e) der Autor als Urheber ist eine Nullstelle, der eine Emergenz in Bewegung bringt. Immer neue Metaphern, Bilder, Paradigmen.
Wie kann man die Emergenzmanuskripte weiterdenken? die Beschreibung der Kultur als Emergenz von Exterriorisierung und Rückkopplung (Beobachter und Phänomen)