decorum
Der lange Jahre am Lehrstuhl für Ästhetik (Leitung: Bazon Brock) an der Uni Wuppertal beschäftigte Kulturwissenschaftler Heiner Mühlmann hat die antiken Rhetoriklehren des Cicero und Quintilian einer Neubetrachtung unterzogen, um sie auf aktuelle Prozesse kultureller Genese und Tradierung hin zu generalisieren. Dabei erkennt er im decorum - ursprünglich ein rhetorisches Prinzip der Angemessenheit - eine fundamentale Regelgröße, welche die Evolution kultureller Kommunikationssysteme maßgeblich steuert.
In seiner vom "International Institute for Advanced Studies in Systems Research and Cybernetics (IIAS)" und der "Systems Research Foundation (SRF)" 1997 ausgezeichneten Arbeit zeichnet Mühlmann präzise nach, wie Kulturen sich mittels einer tief verankerten, regelbasierten Form der Selbststeuerung kontinuierlich erneuern und über Generationen hinweg stabilisieren. Decorum erscheint in diesem Kontext als internalisierte Regel der Angemessenheit, die kulturelle Äußerungen ordnet, soziale Praktiken hierarchisiert und damit Kommunikation reguliert und ritualisiert.
Diese Regelordnung wirkt als tiefere semantische Struktur, welche sich nicht unmittelbar verändern lässt, sondern nur langsam und in komplexen Anpassungsprozessen modifizierbar ist. decorum dient somit als internalisierte ästhetische und ethische Richtschnur, die nicht allein auf Schönheit oder moralische Korrektheit zielt, sondern vor allem auf die kommunikative Passung innerhalb eines jeweiligen kulturellen Rahmens. Es bestimmt, welche Äußerungen, Symbole und Praktiken als angemessen gelten und damit resonanzfähig sind, während andere als unangemessen oder gar tabuisiert erscheinen.
Im Zuge seiner kulturgenetischen Betrachtung hebt Mühlmann insbesondere hervor, dass der Faktor Krieg und Frieden“ auch und gerade in der Moderne eine zentrale Position innerhalb des Decorum-Systems einnimmt. Krieg fungiert als eine Art kultureller Prüfstein, ein maximal stressbehaftetes Ereignis, an dessen Bewältigung und symbolischer Einordnung Kulturen ihre Eigenlogiken ausrichten. Krieg ist, wie Mühlmann zeigt, nicht nur destruktive Gewalt, sondern auch ein symbolträchtiger, kulturell sinnstiftender Akt höchster Intensität, der stets einen spezifischen Decorum-Rang besitzt.
Dieser höchste Decorum-Rang des Krieges beruht auf der Tatsache, dass Gesellschaften ihre tiefsten normativen Strukturen oft erst unter existenziellem Druck manifestieren und stabilisieren. Krieg erzeugt in diesem Sinne Klarheit, Eindeutigkeit und symbolische Kohärenz - er reduziert Komplexität, indem er Handlungen, Werte und Identitäten dramatisch zuspitzt. In der kriegerischen Konfrontation wird kulturelle Selbstbeschreibung auf radikale Weise aktualisiert und sichtbar gemacht.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Kriegertypus. Aufgrund seiner heroischen Taten und demonstrierten Tugendhaftigkeit (areté) war es dem Krieger in der Antike erlaubt, öffentliche Plätze einzunehmen, Reden zu halten und Aufmerksamkeit sowie Anerkennung auf sich zu ziehen. Dem Krieger, der höchsten decorum-Rang genoss, wurde somit eine privilegierte kommunikative Machtposition eingeräumt, von der aus er soziale Normen definieren und verbreiten konnte.
Im Unterschied dazu steht der oikos, der private Haushalt, der gesellschaftlich als nachrangig galt. Die öffentliche Rede des Kriegers definierte soziale und kulturelle Standards, während der private Raum eher als Ort der Stabilität und des Rückzugs fungierte. Innerhalb dieser semantischen Rangordnung ist es auffällig, wie nah das Erhabene dem Lächerlichen steht: die kleinste Abweichung vom decorum konnte das Heroische zur Groteske verkehren.
Diese Erkenntnisse Mühlmanns erlauben eine kritische Reflexion moderner Gesellschaften, in denen sich die semantische Tiefe des decorum insbesondere durch krisenhafte Zuspitzungen zeigt: Ob Klimakrise, Flüchtlingsbewegungen oder geopolitische Konflikte - stets offenbart sich eine tiefer liegende kulturelle Ordnung, die solche Stressereignisse in symbolische Sinnstrukturen übersetzt und damit verarbeitet.
Für Gestalter und Ästhetiker bedeutet die Auseinandersetzung mit Decorum somit auch eine Sensibilisierung gegenüber den unsichtbaren Regeln, die Kommunikation und Gestaltung formen. Das Wissen um das Phänomen decorum erlaubt es, Gestaltung nicht nur als Formgebung, sondern als interventionistische Arbeit an kulturellen Codes und Bedeutungen zu verstehen. Die kritische Kenntnis und Reflexion dieser tiefer liegenden kulturellen Struktur eröffnet den Raum, um aktiv und bewusst Einfluss auf die Evolution von Kommunikation, Symbolik und gesellschaftlicher Identität zu nehmen.
Literatur:
Mühlmann, Heiner: Die Natur der Kulturen: Entwurf einer kulturgenetischen Theorie, Springer 1997