Komplexität
I.
Komplexität ist nicht bloß Vielheit. Sie ist die Differenz zwischen der Fülle möglicher Zustände eines Systems und der Beschränkung auf realisierbare Formen. Komplexität entsteht dort, wo nicht alles zugleich, nicht alles auf einmal entschieden, gedacht oder gestaltet werden kann – wo Auswahl zur Notwendigkeit wird.
Komplexität ist kein Defizit, sondern ein evolutionäres Strukturprinzip. In einer Welt, die prinzipiell unabschließbar, prinzipiell überreich an Möglichkeiten ist, wird Komplexität zur Signatur der Moderne. Sie zeigt an, dass jede Entscheidung eine Verzichtserklärung ist. Wer formt, lässt aus. Wer unterscheidet, schließt ein und schließt aus. Komplexität ist der Horizont, in dem Sinn entsteht: als selektive Strukturierung von Welt.
Systeme begegnen Komplexität nicht durch Eliminierung, sondern durch Reduktion. Sie verarbeiten nicht die Welt, wie sie ist, sondern konstruieren sich ihre eigene Umwelt. Diese ist nicht identisch mit der Welt, sondern ein Auszug – ein Profil, zugeschnitten auf das eigene Operationsvermögen. In dieser Differenz liegt die produktive Kraft des Systemischen: Welt wird nicht gespiegelt, sondern operationalisiert. Gestaltung heißt, mit dieser Differenz zu arbeiten.
Komplexität ist die Bedingung der Form. Ohne Überfülle kein Entwurf. Ohne Möglichkeitsüberschuss keine Selektion, keine Entscheidung, keine Richtung. Gestaltung operiert im Zwischenraum von Möglich und Wirklich. Sie bringt Ordnung hervor, nicht durch Reduktion auf das Einfache, sondern durch Organisation des Vielschichtigen.
In der geistigen Dimension – der vierten autopoietischen Sphäre – erfährt Komplexität eine neue Qualität. Sie ist hier nicht nur strukturelle Herausforderung, sondern erkenntnistheoretischer Impuls. Geist zeigt sich dort, wo Komplexität nicht überfordert, sondern getragen, bewegt, transformiert wird. Komplexität wird zur Matrix des Sinns, zur Arena der Freiheit, zur Prüfung von Urteilskraft und Formbewusstsein.
Der Gestalter als Komplexitätsarbeiter weiß: Jede Form ist ein Ausschluss. Jedes Artefakt eine Entscheidung gegen tausend andere Möglichkeiten. Jedes System ein Raum von Selektionen, von Schnittstellen, von Nicht-Gesagtem. Und doch: Gerade durch diese Beschränkung entsteht Qualität. Nicht aus Beliebigkeit, sondern aus bewusster Differenz.
Komplexität ist kein Gegner. Sie ist das Rohmaterial des Sinns. Ihre produktive Bearbeitung markiert den Übergang von bloßer Reaktion zu echter Gestaltung.
Künstler, Theoretiker, Denker operieren nicht trotz Komplexität – sondern durch sie hindurch.
Wer gestalten will, muss sich nicht von der Komplexität befreien. Er muss sie zur Sprache bringen.
II.
Der Ausgangspunkt moderner systemtheoretischer Bemühungen ist die Problematisierung von komplexen Zusammenhängen. Von Ludwig von Bertalanffy 1933 als universelles Problem in Geistes- und Naturwissenschaften erkannt, muß das Problem der Komplexität als Vorbedingung zum Erreichen aller anderen Ziele als Problem erkannt und gelöst werden. Von Bertalanffy bezieht sich in seiner Analyse insbesondere auf den Mitbegründer der Informationstheorie, Warren Weaver. Demnach unterscheidet Weaver die Probleme einfacher Zusammenhänge von Problemen unorganisierter Komplexität und diese wiederum von Problemen organisierter Komplexität. Während die Probleme einfacher Zusammenhänge sich im wesentlichen auf zwei Variablen und ihre Veränderbarkeiten beziehen und infolgedessen relativ genaue Beschreibungen ermöglichen (z.B. zwischen Sonne und Planet) sind bei den Problemen unorganisierter Komplexität unter Umständen Milliarden von Variablen gegeben, die mit den Methoden der Wahrscheinlichkeitstheorie und der statistischen Mechanik behandelt werden können. Erst die Probleme organisierter Komplexität erschüttern die Grundlagen des traditionellen Denkens. Sie verlangen nämlich, daß wir gleichzeitig eine beträchtliche Anzahl von Faktoren in Betracht ziehen, die zu einem organischen Ganzen verbunden sind. Innerhalb der organisierten Komplexität gibt es so gut wie keine klaren Ursache-Wirkungs-Beziehungen (vgl. Funktionalismus), vielmehr gibt es negative und positive Rückkoppelungen, enge und lose Verknüpfungen, Reaktivitäten und Kontextbrüche durch unterschiedliche Systemebenen, Nonlinearitäten und konterintuitive Kombinationswirkungen, reversible und irreversible Prozessverläufe, Fluktuationen und emergente (vgl. Emergenz) Gesamteigenschaften.1
Die moderne Systemtheorie verliert, wie wir leicht erkennen können, also schon mit der Einführung ihres Grundbegriffes die Nähe zur traditionellen Logik. Der Kybernetiker Warren St. McCulloch spricht unter anderem vom Prinzip der Heterarchie, dessen elementarste Form, der in sich zurückkehrende Kreis darstellt.2
Während der ältere Systembegriff noch von einer Menge wechselseitig voneinander abhängigen Elementen und ihren Beziehungen ausging und die Beziehung zwischen Element und System nicht problematisieren konnte, wurde mit Einführung des Komplexitätsbegriffes der Blick auf weitere Möglichkeiten frei.
Komplexität, verstanden als ein Systemzustand, in dem nicht mehr jedes Element mit jedem verbunden werden kann, zwingt nämlich zur Selektion; ebenso wie ein komplexer Zustand der Umwelt, der impliziert, daß es mehr Möglichkeiten gibt, als vom System aktualisiert werden können.
Ob man nun im weiteren Verlauf der Analysen Umwelt nicht als komplex, sondern als chaotisch betrachtet und die Beziehung zwischen Umwelt und System als Produktion von Ordnung aus Chaos versteht3, oder ob man (mit Luhmann) Umwelt als Komplexität betrachtet, die durch Systembildung reduziert werden muß, erscheint uns vom zugrundeliegenden Gedanken her gleichwertig. Tatsache ist nämlich, daß es sich in beiden Fällen um eine Asymmetrie handelt, die zu einem ständigen Selektionsdruck führt.
Komplexität ist mithin kein Seinszustand, sondern eine Relation zwischen System und Welt.4 Diese Relation muß von vornherein als konfliktträchtig und problematisch angesehen werden. Wenn es nämlich stets mehr Möglichkeiten gibt, als aktualisiert werden können, so bedeutet dies nichts anderes als eine permanente Entscheidungslast unter der Bedingung der Unmöglichkeit einer Optimierung von Entscheidungsgrundlagen, also eine stetige Gefahr der Enttäuschung. Die Systemtheorie erfasst diese Enttäuschungsgefahr, die Möglichkeit daß etwas ist, oder nicht ist, mit dem Begriff der Kontingenz.
Fußnoten:
- Helmut Willke: Systemtheorie. Eine Einführung in die Grundprobleme, Stuttgart 1985, S. 10
- Warren St. McCulloch, Embodiment of Mind, MIT Press, Cambridge, Mass., 1965, S. 40-44; zitiert nach Gotthard Günther: Beiträge zu einer operationsfähigen Dialektik, Bd. 2, Hamburg 1979, S. 308
- Willke's Kritik an Luhmann: "Nur Systeme können komplex sein, nicht aber die Umwelt." In: Helmut Willke: Differenzierung und Integration in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, in: Haferkamp, Hans/ Schmid, Michael: Sinn, Kommunikation, soziale Differenzierung. Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Ffm. 1987, S. 261
- Zu dieser Auffassung der Komplexität als relativer (und nicht absoluter) Größe gelangt auch Julia Genz in: Komplexitätsforschung IV: Algorithmische und evaluative Komplexität.
https://kure.hypotheses.org/292, abgerufen am 04.08.2017