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Ethik

Funktionalistische Theorieansätze unterhalten ein gespaltenes Verhältnis zu voreiliger Moralisierung. Moral ist aus funktionalistischer Sicht immer nur eine mögliche Selektionsweise unter vielen anderen. Das grundsätzliche Sichbeziehen auf Ethik oder Moral sagt bereits etwas aus, nämlich daß man im Besitz des vermeintlich 'richtigen' Blickwinkels ist und dem widerspricht der konstruktivistische, aber auch der systemtheoretische Gedanke deutlich.

I.

Menschen leben nach Maturana als strukturdeterminierte autopoietische Systeme in einem Bereich subjektabhängiger Erkenntnis. Sie haben keinen Zugang zu einer außerhalb ihrer selbst existierenden Realität. Allerdings können sie in der Rolle des Beobachters konsensuelle Bereiche mit anderen Menschen konstruieren und dadurch so operieren, "...als ob sie sich außerhalb der Situation befänden, in der sie sich befinden und als ob sie somit ihre eigene Lage als Beobachter beobachten könnten".1

Nach Maturana gibt es also folglich "...keinen Widerspruch, zwischen der Subjektabhängigkeit unserer Realität und unserem erfolgreichen Operieren in einer sozial gültigen und scheinbar objektiven physikalischen Welt."2 Allerdings müssen wir unsere Vorstellungen von Wahrheit, Wirklichkeit und Objektivität ändern. Maturana sieht in der Suche nach der Wahrheit und dem Absoluten, der Sehnsucht nach letztmöglicher Stabilität durch Ausschluß allen Wandels, die Grundlage der heutigen massiven Probleme.

"Dies ist die stärkste Art der Entfremdung: unsere Blindheit gegenüber der Welt relativer Wahrheiten, die wir selbst erzeugen und für die daher der Mensch allein den absoluten Bezugspunkt darstellt, und unsere Hingabe an eine Ideologie, die diese unsere Blindheit rechtfertigt."3

Gegensatzpaare, wie Freiheit/ Determiniertheit, Gut/ Böse, Wahr/ Falsch muß man nach Maturana als kontextabhängige Begriffe ansehen, die es dem Mensch erlauben, sich in der Welt zu orientieren. Diese Begriffe können keine absolute Gültigkeit besitzen, da sie lediglich im sprachlichen Bereich generiert und durch konsensuelle Aktivität validiert werden. Sie dienen quasi als Orientierungshilfe, um das Chaos an Eindrücken und potentiellen Möglichkeiten auf ein handhabbares Maß zu reduzieren. Der Mensch selbst hat die Welt so nach Maßgabe seiner ko-ontogenetischen Entwicklung auf genau sein Maß reduziert und er ist somit auch "die einzige legitime Quelle jeder Ethik und gleichzeitig deren invariante Bezugsgröße".4

Nach Maturana kann es daher weder ein absolutes Wertesystem, noch überhaupt einen außerhalb des Menschen liegenden Bezugspunkt geben. Der Mensch ist nach Maturana für seine Handlungen voll verantwortlich.5 ^Als strukturdeterminiertes Lebewesen ist er ein inferentielles System, er handelt induktiv und hält sich bevorzugt an das, was er kennt. In der Rolle des Beobachters ist es ihm jedoch möglich, eigene Unterscheidungen zu treffen und somit auf kreative Weise neue Wirklichkeitskonstruktionen anzufertigen.

Ein politisches System, das die Freiheit zu individuellen Wirklichkeitskonstruktionen begünstigt, anerkennt Maturana als ein soziales System. Ein System, das die Freiheit zur individuellen Kreativität und Urteilskraft unterdrückt und das Handlungskoordinationen durch Über- Unterordnungsverhältnisse, durch Gehorsamkeit und Machtrelationen definiert, kann nach Maturana lediglich ein parasoziales System sein.6 Nur durch gegenseitige Anerkennung (Liebe), und nicht durch wechselseitige Negation, ist es nach Maturana möglich, eine menschliche Gemeinschaft zu stabilisieren.7

II.

Luhmann zieht bei seinen ethischen Reflexionen zunächst einen Unterschied zwischen Moral und Ethik. Moral ist für ihn "die Gesamtheit der Bedingungen, für Achtung und Mißachtung, die zum Gegenstand der Kommunikation werden, gleichgültig wie konkret oder wie abstrakt sie gemeint sind und unabhängig auch davon, ob im Einzelfall faktisch Konsens erreicht wird oder nicht."8 Ethik ist für ihn hingegen die Wissenschaft, bzw. die Theorie der Moral. Dementsprechend geht es Luhmann bei der Ethik um "eine Begründungsreflexion, um Sätze, Regeln und Prinzipien, die angeben, was man in Angelegenheiten der Moral zutreffend erwarten und woran man sich halten kann."9

Luhmann kritisiert an der bisherigen Ethik, daß sie ihre wissenschaftliche Aufgabe nicht ernst genug genommen hat. Nach Luhmann ist es nämlich in Bezug auf Moral elementar wichtig, sich mit dem Problem zu beschäftigen, wann überhaupt moralisiert werden soll. Er wirft infolgedessen der Ethik vor, daß sie bislang nur die guten und vorzeigbaren Seiten der Moral vorgestellt hat, anstatt vor Moral selbst zu warnen.

"Die Moral wächst und gedeiht auf polemogenem Terrain. Sie neigt zur Überhitzung. Sie erleichtert das Töten. Sie kann sich ruinös auswirken auf jeden, der seine Selbstachtung an diese oder jene Bedingungen bindet und das publik macht. Man denke an die schwierige Situation von Vertretern der Frankfurter Schule, die von ihren Studenten beim Wort genommen und moralisch mitgezogen wurden. Moral ist ein scharfes Medikament, jedenfalls für feinnervige Zeiten. Ihre Eigenart wird verkannt, wenn man meint, es handele sich bloß um Prinzipien, von denen man sich immer noch distanzieren könne, wenn es ernst wird".10

Luhmann möchte mit seiner Argumentation aufzeigen, daß die Ethik sich über ihren blinden Fleck nicht im Klaren ist. Sie hat sich bislang nicht die Frage gestellt, ob ihre Leitdifferenz gut/schlecht selbst gut oder schlecht ist.11 Nach Luhmann kann es in der modernen Gesellschaft aber nicht mehr darum gehen, Begründungen dafür zu liefern, daß das "Gute gut und das Schlechte schlecht sei."12 Vielmehr muß die Ethik dafür sorgen, daß sie die Probleme der Selbstreferenz ihrer Moralcodierung lösen-, oder zumindest darstellen kann. Dazu muß sie zunächst ihren Code von anderen unterscheiden können. Sie muß also akzeptieren, daß sie aufgrund ihres Code nur das sieht, was sie sieht und daß sie gleichsam die Möglichkeit hat, auch anders codieren zu können.13 Luhmann verlangt von der Ethik, daß sie in der Lage sein muß, zu wählen, wann es angemessen ist, ihren Code zu gebrauchen, und wann nicht.14

Luhmann hält es also nicht für angemessen, alle möglichen Probleme sofort mit Moral anzugehen. Gerade von der Wissenschaft und speziell der Gesellschaftstheorie erwartet er, daß das Denken sich nicht von vornherein moralisch verpflichtet.15

Luhmann ist sich im klaren darüber, daß es bei der Moral um Prinzipien von Achtung und Mißachtung gegenüber dem Menschen geht. Aber er hat recht, wenn er sagt, daß man von der Ethik mehr verlangen kann, als Auskünfte darüber, "daß wir nicht alles dürfen, was wir können."16 Das Autopoiesiskonzept macht es sehr deutlich. Es gibt keine letzten Zugriffsmöglichkeiten auf Wahrheit, Recht, oder das Gute. Vielmehr setzt jedes System, oder, um mit Maturana zu sprechen, jedes Lebewesen, mit einer Unterscheidung ein und es muß sehen, wie es beim Aufbau seiner eigenen Realität mit der eigenen Unterscheidung klar kommt. Vor allem ist es so, daß jede Operation dem autopoietischen Reproduktionszwang unterworfen ist. Moral kann nur dann einsetzen, wenn evidentermaßen genügend Handlungsoptionen zur Auswahl stehen.17 Aber dann muß immer noch unterschieden werden zwischen Beobachter und System. Kann das System die eigenen Möglichkeiten sehen? Und wenn ja, sieht der Beobachter die gleichen Möglichkeiten? Der moralisierende Beobachter wird auf jeden Fall etwas anderes sehen, als das von ihm beurteilte System. Er kann also mitteilen, daß er sieht, was er sieht. Aber, daß er deswegen besser sieht, ist aus funktionalistischer Perspektive eindeutig zu verneinen.

Auch Maturana, von Foerster und Varela stehen nach Luhmann in der Tradition derer, die (mit unbestreitbar guten Absichten) sehr schnell den moralischen Zeigefinger heben und nach gut und böse sortieren. Aus wissenschaftlicher Sicht scheint dies für Luhmann weder notwendig, noch zweckmäßig zu sein. Ihm geht es vielmehr darum, durch Ausdifferenzierung der Begrifflichkeiten das eigene Theoriengebäude der Komplexität des Gegenstandes anzupassen.

Auch für Gestalter empfiehlt es sich, die Tauglichkeit eines Produktes, eines Prozesses oder Entwurfs nicht anhand normativer Vorgaben zu bewerten, sondern sich grundlegend an [Qualität](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/1648d9d9-a808-5b6e-a0af-96c4d7311d1d) zu orientieren. Qualität aber ist eine Dimension, die  jeden normativen Regelkanon überschreitet.

Fußnoten

  1. Maturana: Erkennen, Braunschweig 1985, S. 269
  2. Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 269
  3. Maturana, Erkennen, a.a.O., S. 29
  4. Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 31
  5. Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 80
  6. Marianne Krüll; Grundkonzepte der Theorie autopoietischer Systeme: Neun Fragen an Niklas Luhmann und Humberto Maturana und ihre Antworten, in; Zeitschrift für Systemische Therapie, 5(1): 4- 25, 1987, Zitat S. 20
  7. Zur Ethik siehe insbesondere, Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 29 ff., 79 f. und 269 f.
  8. Niklas Luhmann: Die gesellschaftliche Moral und ihre ethische Reflexion, Manuskript eines Vortrags auf dem II. baskischen Weltkongreß, San Sebastian, 2. Oktober 1987, S. 5.
  9. Die gesellschaftliche Moral, a.a.O., S. 5
  10. Die gesellschaftliche Moral, a.a.O., S. 12
  11. Die gesellschaftliche Moral, a.a.O., S. 6
  12. Die gesellschaftliche Moral, a.a.O., S. 10
  13. "Die Ethik muß sich auf eine polykontexturale Beobachtung und Beschreibung der Welt und der Gesellschaft einstellen können." In: Die gesellschaftliche Moral und ihre ethische Reflexion, a.a.O., S. 11
  14. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt ist, ob man moralisch verlangen kann, nicht moralisch zu sein. Vgl. auch Offes Einwand gegen Luhmann, daß das Sprechen gegen die rasche Moralisierung der Wissenschaft selbst moralisch ist. In: Baecker, Dirk/ Stanitzek, Georg: Niklas Luhmann, Archimedes und wir. Interviews, Berlin 1987, S. 123.
  15. Dies ist Luhmanns Absage an Habermas, aber auch an die Konstruktivisten. "Schon werden den Wünschen der Zeitgenossen entsprechend, konstruktivistische Ansätze mit Nutzenaussichten, ja sogar mit einer Ethik der Verantwortung für Resultate assoziiert (obwohl dies 'Symmetriebrüche' voraussetzen würde, denen gerade diese Theorie ferner steht als jede andere.)" Niklas Luhmann: Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus und die unbekannt bleibende Realität, in: Soziologische Aufklärung, Bd. 5, Opladen 1990, S. 31-58
  16. Siehe Niklas Luhmann: Die Moral des Risikos und das Risiko der Moral, in: G. Bechmann (HG.) Risiko und Gesellschaft, Opladen 1993, S. 327-338
  17. hat ein strukturdeterminiertes System Freiheitsgrade? Es hat sicherlich verschiedene Möglichkeiten, aber kann es diese frei wählen? Nach MacKay beruht der "Jahrtausende alte Streit zwischen Determinismus und Freiheit auf einem logischen Indeterminismus unserer Bewußtseinsvollzüge." (Vgl. Gotthard Günther: Das Bewußtsein der Maschinen, Krefeld, 1963, S. 133) Also ist die Frage falsch gestellt und wir müßten im Sinne des Zen antworten: Mu!

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