Traditionelle Ästhetik
Seit Alexander Gottlieb Baumgartens Schrift Aesthetica (1750-1758), versteht man unter Ästhetik die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Problemen der sinnlichen Erkenntnis (aisthésis). Baumgartens Überlegungen waren von der Überzeugung getragen, gegenüber der Logik, die er als Lehre von der Verstandeserkenntnis begriff, den Eigenwert einer scientia cognitionis sensitivae herauszustellen. Dabei orientierte sich Baumgartens Vorstellung von Sinnlichkeit eng an der Leibnizschen Perzeptionenlehre, welche besagt, daß es neben den begrifflich unterscheidbaren Vorstellungen auch solche gibt, die eben nicht begrifflich unterscheidbar, aber dennoch unterscheidbar vorhanden seien (Gefühl).
Die begrifflich-analytisch unterscheidbaren Vorstellungen werden vom sog. oberen Erkenntnisvermögen (Verstand, Vernunft) gebildet. Hier herrscht das Prinzip der mathematisch-logischen Erkenntnis. Dieses Erkenntnisvermögen ist infolge seiner Gebundenheit an distinkte und abstrahierende Begriffsbildungen nicht in der Lage, der Merkmalsfülle des Erkenntnisgegenstandes gerecht zu werden. Das obere Erkenntnisvermögen verkürzt sozusagen den Wahrheitswert des Gegenstandes, weil es ihn in seiner Gesamtheit nicht erfassen kann. Ziel aller philosophischen Bemühungen muß es aber sein, so Baumgarten, sich auf eine objektive, transzendentale, metaphysische Wahrheit auszurichten. Das obere Erkenntnisvermögen verbleibt aber aufgrund seiner Reduktion im Bereich der subjektiven Wahrheit. Deshalb setzte Baumgarten dem oberen Erkenntnisvermögen das sog. untere Erkenntnisvermögen als analogon rationis entgegen. Das untere Erkenntnisvermögen erweitert das Spektrum der Erkenntnis des Vollkommenheitswertes des Gegenstandes um einen weiteren Bereich subjektiver Wahrheit, eben den der materiellen Merkmalsfülle. Die Vollkommenheit der materiellen Merkmalsfülle nennt Baumgarten [Schönheit](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/1545b1ba-5513-5940-8310-22d47e03a3c1).
Die Erkenntnis der absoluten Schönheit kann jedoch ebensowenig erreicht werden wie die Erkenntnis der absoluten Wahrheit. Man muß sich dementsprechend mit einem minderen Äquivalent, einer Annäherung zufriedengeben. Dieses mindere Äquivalent ist zu begreifen als Vergegenständlichung der Sphäre der Ideen, des Übersinnlichen, des Allgemeinen, des Unendlichen im Bereich des Sinnlichen, des Konkreten, des Endlichen. In der Schönheit des Gegenständlichen zeigt sich das Prinzip der Weltordnung und der Schöpfung.
Die Schönheit der Werke wird quasi als Analogie zur kosmischen Schönheit entwickelt. Dementsprechend liegt es nahe, die den Kosmos bestimmenden Gesetzmäßigkeiten als Regel für den Schönheitswert des Werkes einzusetzen. Harmonie, Ordnung, Symmetrie, Rhythmus, rechtes Maß, höhere Notwendigkeit, Regelmäßigkeit, Geschlossenheit, Klarheit, Deutlichkeit, Reinheit, Konsistenz, Auflösung von Widersprüchen, etc. wurden zu normativen Bezugsgrößen, die konkrete Aussagen über das Maß der Schönheit ermöglichten.
Die ästhetische Theorie kam also als Lehre vom Schönen auf den Weg. Hat Baumgarten noch sein Theorieprogramm vor allem in Bezug auf schönes Denken, auf die Dicht- und Redekunst bezogen, wurde es in der Folgezeit auf alle möglichen Bereiche der Kunst erweitert. Heute stehen wir vor einer Vielfalt theoretischer Bemühungen von Künstlern, Wissenschaftlern, Philosophen, die ihre Aussagenansprüche unter dem Oberbegriff Ästhetik abhandeln. Dabei herrscht aber weder Einigkeit über den Gegenstandsbereich, noch über die Methodik und selbst theoretische Eckpfeiler, auf die man sich gemeinsam beziehen könnte, sind nicht in Sicht.
Um die Bedeutung der Ästhetik in der modernen Gesellschaft unabhängig vom traditionellen geisteswissenschaftlichen Diskurs neu zu verorten, hat Bazon Brock Anfang der 60er Jahre die Ästhetik der Philosophie entrissen und als Künstler seine Version einer "Nichtnormativen Ästhetik" formuliert.