Wahrnehmung
I.
Wahrnehmung ist keine bloße Registrierung der Welt – sie ist deren Hervorbringung. Was wir als „gegeben“ erleben, ist das Resultat komplexer Selektionsprozesse, die aus dem Strom sensorischer Daten ein kohärentes Bild formen. Dieses Bild ist keine Abbildung– es ist Konstruktion. Wahrnehmung zeigt nicht die Welt, wie sie ist, sondern wie sie unterscheidbar gemacht wird.
Systemtheoretisch betrachtet, ist Wahrnehmung ein autopoietischer Prozess des psychischen Systems, der sich an der Differenz von Innen und Außen orientiert. Sie entsteht durch operative Schließung – nicht durch Öffnung. Sie ist selektiv, perspektivisch, interessengeleitet. Wahrnehmung ist nie neutral. Sie ist gerichtet, gerahmt, fokussiert. Was wir sehen, hängt davon ab, wie wir sehen. Und wie wir sehen, hängt davon ab, worauf wir achten. Achtsamkeit ist deshalb kein Zusatz, sondern Grundbedingung ästhetischer Erfahrung.
In ihrer tiefsten Schicht ist Wahrnehmung ein Formbildungsprozess. Sie erzeugt Unterscheidungen – zwischen Figur und Grund, Klang und Stille, Relevanz und Rauschen. Das bedeutet: Sie ist selbst eine ästhetische Leistung. Nicht im Sinne von Geschmack oder Vorliebe, sondern als sinnkonstituierende Struktur. Wahrnehmung bringt Welt zur Erscheinung – aber nur, indem sie Welt begrenzt.
Deshalb ist jede Wahrnehmung auch ein Akt der Macht: Sie bestimmt, was sichtbar wird – und was unsichtbar bleibt. In kulturellen, sozialen, medialen Kontexten wirken diese Selektionsprozesse normierend. Sie schreiben sich in Interfaces, in Architekturen, in Bilderwelten ein. Wer gestaltet, gestaltet Wahrnehmung. Und wer Wahrnehmung gestaltet, gestaltet Weltzugänge.
Diese Einsicht radikalisiert sich im Umgang mit digitalen Medien. Denn je komplexer die Informationsumwelten werden, desto stärker greifen algorithmisch gesteuerte Wahrnehmungsfilter. Der Mensch wird zum Endpunkt einer vorgeformten Beobachtungskette. Aufmerksamkeit wird nicht nur gelenkt – sie wird programmiert. Wahrnehmung wird zur Ware, zum Kampfplatz, zur Schnittstelle politischer und ökonomischer Interessen.
Doch gerade deshalb wird der bewusste Umgang mit Wahrnehmung zur zentralen Aufgabe der Gestaltung. Der Gestalter ist nicht nur Formgeber – er ist Wahrnehmungsarchitekt. Er entscheidet mit darüber, was zur Erscheinung kommt – und in welcher Ordnung. Gute Gestaltung öffnet Räume, schlechte verschließt sie. Sie macht Resonanz möglich – oder blockiert sie. Sie erzeugt Sichtbarkeit – oder verschleiert.
Wahrnehmung ist mehr als Sinnesreizverarbeitung. Sie ist eine kulturell geprägte, kontextabhängige, reflexiv formbare Form. Sie ist weder bloß Subjektivismus noch Objektivismus – sondern das Dazwischen, in dem Welt erfahrbar wird. Und genau in diesem Dazwischen entfaltet sich die eigentliche Herausforderung jeder Gestaltung: Aus Unsichtbarem Sichtbares zu machen, ohne es zu verflachen.
Wahrnehmung ist somit kein Fenster zur Welt. Sie ist eine Schwelle. Und wer sie gestaltet, trägt Verantwortung für die Qualität des Übergangs.
II.
Die konstruktivistische Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie rekurriert im wesentlichen auf empirische Forschungen des Chilenischen Biologen Humberto Maturana. Dessen Untersuchungen zur Farbcodierung in der Primatenretina ergaben, daß es in der Retina Ganglienzellen gibt, "bei denen es unmöglich ist, eine eindeutige Korrelation zwischen einer Stimuluskonfiguration und der Zellreaktion herzustellen."1 Auch das Phänomen der Größenkonstanz "ist nach den erzielten Ergebnissen keine Funktion eines eigenständigen Merkmals des gesehenen Objekts oder der gesehenen Situation, es ist vielmehr eine Funktion der Korrelation zwischen den Aktivitäten der Sehzentren und den Aktivitäten der zentralen Kerne, die die Akkomodation steuern. Entfernung als ein unabhängiges Parameter der sichtbaren Welt ist nicht von Bedeutung: wir sehen Entfernung nicht."2
Einer Kaulquappe wurde der Rand des Auges aufgeschnitten und das Auge um 180 Grad gedreht. Der Sehnerv wurde dabei nicht verletzt. Nachdem die Kaulquappe sich zum Frosch weiterentwickelt hatte, wurde in einer Versuchseinheit das verdrehte Auge verdeckt. Als man dem Frosch eine Fliege zeigt, schleudert er seine Zunge, perfekt zielend, in die Richtung der Fliege. Verdeckt man jedoch das gesunde Auge, so schleudert der Frosch die Zunge genau mit der Abweichung von 180 Grad daneben; also anstatt nach vorne und unten bewegt sich die Zunge nach oben und hinten. Weitere Versuche führten zum gleichen Ergebnis: "das Tier schleudert seine Zunge so, als ob der Bereich der Netzhaut, auf dem sich das Bild formt, in seiner normalen Lage wäre."3 Für das Tier scheint es oben und unten, vorn und hinten als Eigenschaften der Außenwelt nicht zu geben. Nachweisbar, und das ist eine wichtige Einsicht, ist jedoch eine interne Korrelation zwischen der Stelle, an der die Netzhaut einer bestimmten Störung ausgesetzt war, und der darauf folgenden sensomotorischen Reaktion. In seinem Aufsatz "Größenkonstanz und das Problem der Wahrnehmungsräume"4 zeigt Maturana auf, daß auch die Entfernung als unabhängiges Parameter der sichbaren Welt nicht von Bedeutung ist, wir Entfernung also nicht im eigentlichen Sinne sehen können. Weitere Untersuchungen zur Wahrnehmung ergaben die gleichen Resultate. Das Ergebnis für Maturana lautete: Das perturbierende Agens bestimmt nicht die neuronalen Aktivitäten. Diese scheinen allein durch die individuelle Struktur der Person bestimmt zu sein. Es muß also interne Errechnungsmodi geben, die aufgrund externer Perturbationen innerhalb eines bestimmten Möglichkeitenspektrums sogenannte Eigenwerte errechnen. Das erfordert eine Betrachtung des Nervensystems und der spezifischen Leistungen des Gehirns.
Fußnoten
- Humberto Maturana: Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1985, S. 135
- Humberto Maturana: Erkennen, a.a.O., S. 85
- Humberto Maturana/ Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis, Bern, München, Wien 1987, S. 138
- Maturana, Erkennen, a.a.O., S. 81 ff.