Künstler
Künstler ist derjenige, durch den hindurch und mithilfe dessen sich die Evolution, sich ihrer selbst vergewissernd in einem Akt der Spontanität, der energetischen Verdichtung, der dionysischen Entladung, der adstringierenden Kraft oder schlicht der besonderen Begünstigung, entäußert und der bereit ist, das Anderssein der eigenen Produktionsfähigkeit in einen systematischen Prozeß des autonomen Werkschaffens zu überführen. Das wesentliche Charakteristikum des Künstlers ist seine Unfähigkeit, das Woher seiner spezifischen Unterscheidungsfähigkeit mit dem Wohin seiner Unterscheidungsfähigkeit zu integrieren, weshalb sich für ihn dauerhaft das Problem der Legitimation seiner Handlungen stellt. War es für den neuzeitlichen Künstler noch möglich, die eigene Fähigkeit durch den Verweis auf Sonderzugang zu Platos Ideenhimmel oder Schöpferanalogien (creatio ex nihilo) aller Spielarten zu plausibilisieren, also Unterscheidungen mit dem Verweis auf das Nichtunterscheidbare zu begründen, gilt für den modernen Künstler mehr und mehr, die Dimension des Nichtunterscheidbaren als nicht thematisierungs- und verweisfähig zu akzeptieren und dementsprechend die eigene Person als Zurechnungseinheit für Unterscheidungen zu positionieren. Der moderne Künstler begründet seine Handlungen also mit Verweis auf sich selbst und nicht auf transzendentale Sphären, Ideologien, Genie- oder Schöpfermythen. Er akzeptiert, daß er sich durch Bezugnahme auf sich selbst fortlaufend und dauerhaft von sich und seinem Werk entfremdet und dementsprechend nie genau weiß, was er tut (während andere zumindest glauben, zu wissen was sie tun). Er erkennt sich selbst als in die Differenz geworfen, als heilungssuchender Kranker versucht er sich hin zur Welt zu bewegen.
In diesem Sinne ist der moderne Künstler eine Art Sonderbeobachtungseinheit im sozialen Raum, ein Experimentator der aus sich selbst heraus etwas schafft, also die eigene Form als Kriterium für Unterscheidungen nutzt. An diese Unterscheidungsvorgabe können andere anknüpfen; die vom Künstler vorgegebenen Unterscheidungsvorgaben sind nichts anderes als verdichtete Kommunikationsofferten, Bedeutungssignale des Beobachtetwerdenwollens.
Leider erfährt der moderne Künstler die Aktualität seiner Geworfenheit vor allem als Ausgesetztheit innerhalb des Kunstmarktes. (vgl. Kunstsystem) Er muß, innerhalb eines sozialen Aktionsraumes, der vor allem auf die Beobachtung von Innovation, Neuheit und Andersartigkeit fokussiert ist (und deshalb unter permanentem Neuheitsschwund leidet)1 um überhaupt beobachtet zu werden, für Nischen produzieren und ist genötigt, die Bedingungen des Mediums reflexiv in seine Produktion zu integrieren: er muß quasi für den Kunstmarkt produzieren. Der moderne Künstler ist mit der Tatsache konfrontiert, daß die Welt in ihrem Bestand nahezu gänzlich durchforstet ist (vgl. Alteuropa), ihm bleibt die Dimension einer reflexiven Rekombination des Dagewesenen mit dem vorher Dagewesenen, postmodernes Sampling, ein Zitieren, ein Wiederentdecken des Alten im Neuen.2
Damit verliert er aber mit dem Modernwerden der Gesellschaft seinen Status als autonomer Künstler: an seine Stelle tritt der Designer.3
Literatur
• Luhmann/Bunsen/Baecker: Unbeobachtbare Welt. Über Kunst und Architektur, Bielefeld 1990
Fußnoten:
- siehe hierzu Peter Weibel: Kontextkunst in: Art, Juli 1994
- es gibt keine Utopien mehr. Der Fortschrittsglaube ist ein Irrtum.
- Freund/Feind Schema ist uninteressant.
- alle Experimente sind gemacht, alle Effekte ausgeschöpft.
- es geht nicht mehr darum, was neues zu machen, sondern um eine Bestandsaufnahme der Bestimmungsfaktoren des 20. Jahrhunderts.
- es geht um Untersuchung vorgefundener Modelle der Repräsentation.
- es geht um die Entschlüsselung sozialer Verhaltensmuster, um die Untersuchung und Beschreibung von Natur und Ökologie, aber nicht mehr um deren Problematisierung.
- siehe Weibel: Kontext-Kunst, a.a.O. Die Bedingungen, unter denen ein Werk ensteht, werden Ausgangspunkt des Werkes selbst. Es entsteht ein Gepflecht aus Verweisen, für das der Betrachter Vorwissen braucht. Es geht um wissenschaftliche Forschung und Verknüpfung der realen mit der fiktiven Welt zu einem Netz einander durchdringender Widersprüche.
- wie schwer dieser Authentizitätsverlust und die damit einhergehende Rollenverschiebung fällt, zeigt die weitverbreitete und tragische Koketterie mit der Einsamkeit und dem Suff als Form eines verspäteten Künstlergeniegedankens. Siehe für den Fall Kippenberger; Wolfgang Max Faust: Der Künstler als exemplarischer Alkoholiker, in Wolkenkratzer Art Journal Nr. 3, 1989.