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Verstehen

Man schiebt die nicht ganz gar gekochte Kartoffel an den Rand des Tellers - und die Hausfrau versteht! (Luhmann)

I.

Kommunikation hat grundsätzlich nichts mit dem inhaltlichen Verstehen eines Sachverhalts zu tun. Verstehen bedeutet nach Luhmann lediglich, daß eine Kommunikationsofferte verstanden, aber auch mißverstanden werden kann und daß im Moment der Annahme oder Ablehnung einer Kommunikationsofferte eine Kommunikationseinheit abgeschlossen wird und zwar "ohne Rücksicht auf die prinzipiell endlose Möglichkeit, weiter zu klären, was verstanden worden ist."1

Deswegen kann man mit Brock sagen: "wir kommunizieren, weil wir uns nicht verstehen können!"

II.

Auch heutzutage geht man häufig noch selbstverständlich davon aus, dass sich Verstehensleistungen durch die exakte Übertragung von Informationen bewerkstelligen lassen. Dem geht die Vorstellung voraus, daß zwischen Welt und Subjekt, Sender und Empfänger, Bewußtsein und Kommunikation eine Art Wiederspiegelungsverhältnis besteht. Seit Schleiermachers´ Zeiten jedoch wissen wir, dass Verstehensleistungen an psychische Manifestationen gebunden sind, die in Differenz zu einer Außenwelt gedacht werden müssen. Der kognitive Apparat ist an je individuelle Lebens- und Umweltverhältnisse gekoppelt und selektiert die Komplexität des Geschehens nach intern erkannten Bedeutungsmustern.

Weil es so schwierig ist das Eigenuniversum eines Menschen, eines textlichen Angebots oder eines komplexen Artefakts nachzuvollziehen, müssen wir auf die schlichte Programmatik einer Übertragungsmetapher verzichten und uns statt dessen in hermeneutischen Zirkeln, in Kreis-, Pendel, Spiral- oder Lateralbewegungen dem Objekt der Erkenntnis annähern.

Wer verstehen will, muss Bedeutungszusammenhänge unabhängig von empirischen Beständen (re)konstruieren können; er muss die Gegenstände der Objektwelt in ihrer je spezifischen Kontextualität und Bedeutungstiefe (vgl. Tiefenstrukturanalyse) sehen und begreifen lernen.

Während der Künstler bemüht ist mit seinen Werken eine bestimmte Verstehensoffenheit zu evozieren, um den Realitätsbezug des Rezipienten mit Alternativen anzureichern, muss der Designer methodisch darüberhinausgehen und versuchen, Verstehensleistungen engzuführen. Der Designer muss den Möglichkeitenraum unterschiedlicher Anschauungen nach den Prinzipien der Simplizität und der Affektation verdichten, damit die Quasi-Übertragung seines Angebots gelingt. So müssen z.B. die Zeichen eines Leit- oder Informationssystems, ob nun im Flughafen oder auf einer Website, eindeutig verstanden werden, obwohl sie gemäß der Abkopplung von Zeichen und Bezeichnetem niemals eindeutig sein können. Die Unmöglichkeit der Übertragung identischen Sinns zwingt den Designer dazu, seine Arbeit von unnötigem Verstehensüberschuss (Ornament, Dekor, Redundanz) zu befreien.

Fußnoten:

Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Ffm. 1997, S. 83

Literatur:

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: Hermeneutik und Kritik. Mit einem Anhang sprachphilosophischer Texte Schleiermachers, hg.v. Manfred Frank, Frankfurt/M. 1977

Niklas Luhmann: Was ist Kommunikation? In: Niklas Luhmann (Hg.): Soziologische Aufklärung 6, Opladen 1995

Stefan Asmus, in: Design Dictionary/Wörterbuch Design

Published in the Series BIRD (Birkhäuser Board of International Research in Design)

Edited by Timothy Marshall, Parsons School of Design NYC and Michael Erlhoff, KISD

Basel, New York 2007

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