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Sinn

I.

Basiskategorie aller Weltbezüge - das mediale Setting, durch das Erfahrung, Kommunikation und Handlung überhaupt möglich werden. Sinn ist nicht das, was etwas „bedeutet“, sondern das, was überhaupt Bedeutung ermöglicht.

Luhmann definiert Sinn als die „Einheit von Differenz“, die es erlaubt, an jede Beobachtung weitere Beobachtungen anzuschließen. Sinn operiert in drei Richtungen: sachlich, sozial, temporal. Sachlich eröffnet er Möglichkeiten dessen, worüber gesprochen wird. Sozial strukturiert er, wer spricht und wem etwas zugerechnet wird. Temporal verweist er auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sinn ist damit ein Multidimensionalraum der Anschlussfähigkeit - und zugleich ein Schutz gegen das Nichts.

Denn: Welt ist überkomplex, und Bewusstsein ist endlich. Ohne Sinn würden wir in der Unendlichkeit möglicher Weltbezüge untergehen. Sinn kanalisiert, reduziert, selektiert. Er ist nicht absolut, sondern kontingent; nicht vorgegeben, sondern emergent. Er entsteht im Vollzug - und vergeht mit ihm.

Gestaltung ist in diesem Sinne nichts anderes als die sichtbare Organisation von Sinn. Der Gestalter erzeugt durch Form eine Struktur von Unterscheidungen, die wahrgenommen, verstanden, benutzt werden können. Jede Linie, jede Geste, jede Oberfläche trägt Spuren von Sinn - nicht weil sie „etwas sagen“, sondern weil sie an ein Gewebe anschließen, das Bedeutung trägt.

In der kulturellen Entwicklung hat sich Sinn sedimentiert: in Zeichen, in Riten, in Objekten, in Bildern. Kunst, Sprache, Technik - all das sind Speicherformen von Sinn. Und zugleich Resonanzräume, in denen sich Sinn neu konfiguriert. In diesem Horizont wird auch die Differenz zwischen Mythos, Kultur und Gedächtnis lesbar: als drei Modi der Sinnstabilisierung über Zeit. Mythos bindet Sinn an Ursprung, Kultur an Form, Gedächtnis an Selektion. Sie alle operieren mit Grenzen - und öffnen sie zugleich.

Sinn ist also nicht gegeben - er wird erzeugt. Und diese Erzeugung ist nie abgeschlossen, sondern zirkulär, reflexiv, transformativ. Der Gestalter weiß: Sinn ist nicht das Ziel, sondern das Medium. Gestaltung heißt, im Fluss des Sinns zu navigieren, Formen zu finden, die Bedeutung eröffnen, ohne sie festzuschreiben.

II. Sinn und Subjekt.

Sinn sollte im Entwurfsprozess nicht in der Beliebigkeit subjektiver Zurechnung verschwinden, das könnte nach landläufiger Auffassung eher als “Unsinn” bezeichnet werden. Stattdessen läßt sich Sinn gegen die transzendentale Tradition als abwägendes und begründbares Verfahren verstehen, Möglichkeiten und Alternativen einzuschränken. Die Systemtheorie erklärt, dass Bewusstseins- und Kommunikationssysteme sich gleichermassen evolutionär am Sinn ausdifferenzieren und auf Sinn zurückgreifen, indem sie das Aktuelle auf jeweils andere Möglichkeiten hin überschreiten.

III. Sinn und Handlung

Den Begriff der Handlung versteht man seit Max Weber als eine menschliche Verhaltensweise, die mit einem subjektiv gemeinten Sinn verbunden ist. Sinnhaftes Handeln ist demnach verstehbares Handeln und soziales Handeln kommt in diesem Sinne zustande, wenn der Handelnde seinen subjektiv gemeinten Sinn auf das Verhalten eines anderen bezieht. Die Handlungen von ego und alter müssen aufeinander abgestimmt werden und das bedeutet: der subjektiv gemeinte Sinn muß objektivierbar gemacht werden. Der US-amerikanische Soziologe Talcott Parsons (1902–1979) hat deutlich gemacht, dass die Beliebigkeiten der Zuweisung durch Normsetzung weitestgehend eliminiert werden können, wenn man Normen als objektiv verbindliche Erwartungen versteht, an denen sich jeder orientieren kann.1

Luhmann bemängelt an dieser Konzeption, daß Normen selbst kontingent (vgl. Kontingenz)sind, also unterschiedliche Möglichkeiten des Erwartens bieten, daß sich der subjektiv intendierte Sinn dementsprechend nicht objektivieren läßt. Er verschwindet im Subjekt. Seine Kritik richtet sich dementsprechend gegen die gesamte transzendentale Tradition, die es nahelegte, "...die Klärung des Sinnbegriffs im Subjektbezug zu suchen und Sinn durch subjektive Intention zu definieren".2 Statt dessen empfiehlt Luhmann den Sinnbegriff "...ohne Bezug auf den Subjektbegriff zu definieren, weil dieser als sinnhaft konstituierte Identität den Sinnbegriff schon voraussetzt".3 Entsprechend seiner Vorstellung eines modifizierten Funktionalismus, fragt er nach der spezifischen Funktion, nach der Leistung von Sinn.

In Anlehnung an Husserls These der "bewußtseinsimmanenten Transzendenz"4 (vgl. Erleben), entwickelt Luhmannn einen rein formalen Sinnbegriff, der in seiner allgemeinsten Relevanz das Verfahren der Reduktion von Komplexität als solches bezeichnet. "Sinn ist laufendes Aktualisieren von Möglichkeiten".5 Als Möglichkeit auch anders zu selektieren, verweist Sinn jedoch stets über sich selbst hinaus. Der Sinn eines Handlungssystems liegt insofern darin begründet, daß die Handlung im Hinblick auf andere Möglichkeiten vollzogen wird.

Die Beziehung zwischen Sinn und System ist somit eine doppelte: Systeme entstehen durch Ausbildung bestimmter, abgrenzbarer Sinnstrukturen (Reduktion von Umweltkomplexität und dementsprechend Definition einer Grenze zwischen innen und außen) und sie erzeugen Sinn, indem sie andere Möglichkeiten vorstellbar machen.

"Was es zu verstehen und im Begriff der Konstitution zu erfassen gilt, ist jenes Verhältnis einer selektiv verdichteten Ordnung zur Offenheit anderer Möglichkeiten, und zwar als ein Verhältnis des Wechselseitigen-sich-Bedingenden, des Nur-zusammen-Möglichen."6

Der Bruch mit der ontologischen Tradition wird an dieser Stelle besonders deutlich. Sinn kann nicht mehr als solcher erschlossen werden, indem auf für jederman einsehbare Ordnung oder Normen verwiesen wird, sondern Sinn entsteht durch Handhabung einer Differenz.

IV. Sinn und System.

Die Systemtheorie macht deutlich, daß für den Aufmerksamkeitshorizont eines jeden Systems, die Welt übermäßig komplex ist, dementsprechend kann kein System die Welt als solche abbilden.7 Das System ist weniger komplex als die Welt, auf die es sich bezieht und es hat einen höheren Grad an Ordnung. Welt hat also mehr Möglichkeiten als das System selbst. Das System muß dementsprechend die Komplexität auf ein ihm entsprechendes Maß hin reduzieren; anstelle der äußeren Weltkomplexität setzt es eine innere Ordnung.8 Dieses Geschehen verstehen wir mit Luhmann als Sinnbildung. Das heißt, das Komplexitätsgefälle wird vom System in der Form eines subjektiven Weltentwurfs, der immer schon die äußere Welt reduziert, ausgeglichen. Das System interpretiert die Welt selektiv und reduziert damit die Komplexität auf das ihm zugängliche Maß hin. Dadurch ermöglicht es sich strukturierte Möglichkeiten des eigenen Erlebens und Handelns.9

Die tranzendentale Tradition hatte versucht den Sinnbegriff mit Bezug auf das Subjekt zu erklären.10 Die Vorstellung von Subjektivität setzt so die Vorstellung von Einheit voraus. Damit aber, so betont Luhmann, ist Sinn immer schon mitgedacht, denn das Subjekt ist sinnhaft konstituierte Identität. Nach Luhmann muß daher der Sinnbegriff primär, also ohne Bezug auf den Subjektbegriff definiert werden.11

Luhmann will an Stelle des Subjektbezugs von einer Analyse der Funktion von Sinn ausgehen. Das spezifische der funktionalen Fragestellung ist: sie stellt zunächst ein Problem fest und zeigt dann die Problemlösung auf. Diese Lösung wird dann durch Sinn erbracht. Die funktionale Fragestellung fragt immer nach der Leistung. Unter sinnkonstituierenden Systemen versteht Luhmann demzufolge einen Sinnzusammenhang als solchen, und nicht irgendeine Energiequelle oder eine Ursache, geschweige denn den konkreten Einzelmenschen. Sinnkonstituierende Systeme können dementsprechend sowohl psychische-, als auch soziale Systeme sein.12

Das Verhältnis zwischen Sinn und System liegt in der Konstitution, das heißt, Systeme sind sinnkonstituierende Systeme. Sinn tritt immer in abgrenzbaren Zusammenhängen auf und verweist zugleich über den Zusammenhang, dem er angehört, hinaus; er macht andere Möglichkeiten vorstellbar und genau hierin liegt die Funktion der Sinnbildung.13

Luhmann bezieht sich im Zusammenhang mit seiner Sinnanalyse auf Husserls These der bewußtseinsimmanenten Transzendenz. Nach Husserl verweisen die das Erleben jeweils füllenden, momentanen Gegebenheiten, immer auf anderes. Das Erleben erlebt sich selbst als beweglich. Es ist dem Bewußtsein mitgegeben, das jeweils Aktuelle auf andere Möglichkeiten hin zu überschreiten. Sinnbildung leistet also die Bewältigung des Problems der Integration des Erlebens mit seinen transzendenten anderen Möglichkeiten. Das ist die funktionale Definition von Sinn. "Es gibt demnach, diesen Sprachgebrauch unterstellt, kein sinnloses Erleben."14

Das Problem, das sich jetzt stellt, ist das der Selbstüberforderung des Erlebens durch andere Möglichkeiten. Die Problematik dieser Selbstüberforderung hat nach Luhmann die Doppelstruktur von Komplexität und Kontingenz. Die Komplexität wird im Erleben konstituiert und bleibt erhalten, dadurch entsteht die Selbstüberforderung des Erlebens, weil andere Möglichkeiten nie ausgeschaltet, sondern immer nur vorläufig neutralisiert werden. "Erleben und Handeln ist unaufhörliche Selektion"15 (Komplexität heißt Selektionszwang), darf aber die nichtgewählten Alternativen nicht vernichten. In der Konstitution einer "solchen das Erleben beständig-gegenwärtig begleitenden Welt von augenblicklich inaktuellen Potentialitäten" sieht Luhmann die "eigentümlich menschliche Fähigkeit zur Negation."16

Die Funktion der Negation liegt also darin, daß die nicht gewählten Alternativen nicht endgültig neutralisiert werden. Das spezifische der Negation ist die Möglichkeit, diese Negation wieder zu negieren. "Alle Negation verbleibt in einer unaufhebbaren Vorläufigkeit und schließt den Zugang zum Negierten nicht aus. Nur die Zeit, nicht die Negation, elimeniert Möglichkeiten definitiv."17 (vgl. Dialektik)

Sinn läßt sich demnach verstehen als Prämisse der Erlebnisverarbeitung. Sinn ermöglicht dem Bewußtsein eine Auswahl und verweist über das Gewählte auf das Nichtgewählte und somit auf die Grenzenlosigkeit der Welt. Kommunikation kann nach dieser Terminologie keine Übertragung von Sinn oder von Informationen sein, sondern "Kommunikation ist gemeinsame Aktualisierung von Sinn, die mindestens einen der Teilnehmer informiert."18

V. Sinn und Entwurf.

Für das gestalterische Entwurfshandeln bedeutet die obengenannte theoretische Konzeption im wesentlichen, die Zurechnungsdimension für Sinn nicht im Gestaltungssubjekt zu verorten, sondern im Prozess der reduktiven Verarbeitung alternierender Modelle. Erst nach der Anhäufung einer hinreichenden Anzahl von Alternativen beginnt der Prozess des abwägenden Selektierens. Dabei ist die Erarbeitung qualitativer Parameter unabdinglich. Wie Otl Aicher schon sagt: "Qualität entsteht durch Vergleich". Auf der Basis des Vergleichs differenter Möglichkeiten lässt sich eine wertende Engführung herstellen, die letztlich in eine Gestaltungslösung mündet. Diese entspricht dann aber nicht einem Geschmacksurteil oder einer Beliebigkeit der subjektiven Auffassung, sondern einem wohlüberlegten und abgewogenen Prozess. Sie ist nachvollziehbar und begründbar und genau darin erfährt sie ihre Relevanz.

Fußnoten

  1. Jürgen Habermas/ Niklas Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Theoriediskussion, Ffm. 1971, S. 25 ff.
  2. Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 26
  3. Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 28
  4. nach der das Erleben stets auf etwas verwiesen ist, was im Augenblick nicht sein Inhalt ist und deshalb stets aktuelles mit möglichem integrieren muß. Siehe Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 31
  5. Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Ffm. 1987, S. 100
  6. Niklas Luhmann zitiert nach H. Willke; Systemtheorie: Eine Einführung in die Grundprobleme, Stuttgart 1985, S. 35
  7. damit wendet sich Luhmann gegen die Annahme des naiven Empirismus, wonach das menschliche Bewußtsein die Welt quasi in sich hineinprojeziert.
  8. Willke: Systemthorie, a.a.O., S. 116
  9. Erst Sinn setzt nach Luhmann Erleben und Handeln als gleichrangige, funktional äquivalente Reduktionsformen voraus. Luhmann sieht prinzipiell keine Veranlassung dazu, dem Handlungsbegriff den Vorrang vor dem Erlebnisbegriff einzuräumen. Die Trennung von erlebendem Bewußtseins- und handelndem Sozialsystem hält er für unangemessen. Willke: Systemtheorie, a.a.O. S. 79 ff.
  10. in der neuzeitlich-idealistischen Philosophie, siehe z. B. Fichte, war die Frage nach dem wahren Sein, nach dem Wesen von etwas, immer auf das Subjekt bezogen und nicht auf das Sein der Welt. Das denkende Subjekt setzt sich selbst und gewinnt Vorstellung von der Welt.
  11. Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 28.
  12. Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 28 f.
  13. Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 30
  14. Habermas/ Luhmann, Theorie- Diskussion, a.a.O., S. 31, 32. Man darf die Luhmannsche formale Sinnkategorie allerdings nicht mit "Lebenssinn" verwechseln. Vgl. Alois Hahn: Sinn und Sinnlosigkeit, in: Haferkamp/Schmidt: Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung, Ffm. 1987, S. 155-164 und Luhmanns Entgegnung dazu auf S. 309.
  15. Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 33
  16. Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 35
  17. Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 36
  18. Habermas/ Luhmann, Theorie-Diskussion, a.a.O., S. 42

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