Leere
Mit Leere ist keine räumliche Leere gemeint. Es ist vielmehr die Abwesenheit von jedweder Form. Es ist die Stille, die man sprachlich umkreisen kann, die Unbeobachtbarkeit, der man mit Mitteln des unterscheidenden Bezeichnens (vgl. Beobachtung) beizukommen versucht. Es ist die Verborgenheit im Entbergungsprozess des Seins bei Heidegger, nach dem die Menschen sich nur im Bereich des Entborgenen aufhalten. Es ist das Unbekannte schlechthin, es ist das Nichts, das Eine.1
"Das Dinghafte des Dings (Ding) beruht jedoch weder darin, dass es vorgestellter Gegenstand ist, noch läßt es sich sich überhaupt von der Gegenständlichkeit des Gegenstandes aus bestimmen...Das Dinghafte des Gefäßes beruht keineswegs im Stoff, daraus es besteht, sondern in der Leere die faßt.2
Auch die Luhmannsche Figur der Selbstreferenz, die er als grundlegende Eigenschaft der Realität konzipiert, spricht von der Bedingtheit des Vollen durch das Leere3.
Für Robert Pirsig, der eine Metaphysik der Qualität ausgearbeitet hat,(https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/1648d9d9-a808-5b6e-a0af-96c4d7311d1d) ist Qualität kein Substanzbegriff, sondern vergleichbar mit dem Prinzip der buddhistischen Leere, deren Eigenschaftslosigkeit jede Fülle entspringt, der Dinghaftigkeit, nach Heidegger, die selbst keinem Ding entspricht, dem Zustand vor der Subjekt/Objekt-Spaltung.
Auch in den aktuellen Erläuterungen zur Quantentheorie spricht man von ruhenden undefinierten energetischen und informationellen Potentialen im leeren Raum (Nullpunktsenergie)5 die durch spontane Fluktuationen im systemischen Kräfteausgleich zu Formbildungsprozessen führen können. Es gibt sozusagen kein Nichts, sondern eine Leere als grundlegende Potentialität, die sich erst im Moment eines beobachtenden oder messenden Zugriffs ausformt (also unterscheidbar und bezeichenbar macht).6
Was uns umgibt ist also aus der Potentialität erwachsene Form und nicht Form-an sich! Für Gestalter ist es wichtig, zu verstehen, dass jede Form, jede Erscheinung, jede Merkmalsfülle nur Sinn macht, wenn man sie in Bezug zu einem komplexen Möglichkeitenraum setzt, zu dem, was nicht benannt ist, zum Abgeschatteten, zum Nichtausgeprochenen, zum Nichtbezeichneten, zum Endlosen und wenn das Werk selbst diese Bezugnahme thematisiert.
Diese Thematisierung des Nichtthematisierten ist sozusagen die operative Seite der Berücksichtigung von Leere.
Gestalter arbeiten grundlegend mit dem Verhältnis von Distinktheit und Unschärfe, Endlichem und Unendlichen.
Im fortlaufenden Prinzip der Anknüpfung von unterschieden Bezeichnetem an vorausgehende Bezeichnungen im Unterschiedenen schaffen Gestalter eine Wertkette, die ihre Qualitas durch Referenz auf Nichtbezeichnetes (aber Erkanntes Nichtbezeichnetes) erfährt.
Das darüberhinausgehende grundlegende Prinzip der Leere verlangt jedoch die Bezugnahme auf Nichterkannt Nichtbezeichnetes. Die Quantenphysik zeigt uns, das die Bezugnahme auf reine Potentialität des Nichterkannt Nichtbezeichneten keine Sache des Glaubens darstell. Vielmehr handelt es sich hier um eine empirisch nachgewiesene Faktizität.
Die doppelte Bezugnahme auf Leere als entwerferisches Begründungsmoment für getroffene Unterscheidungen, die reflexive Auseinandersetzung mit dem möglichen Anderssein sowie mit dem ursprünglichen Nicht-Sein macht die besondere Qualität von Gestaltung und jeder Entwurfstätigkeit aus.
„Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.“
(E. Hemingway)7
Fussnoten:
- Siehe hierzu Reinhard Mey: Ex Oriente Lux; Heideggers Werk unter ostasiatischem Einfluss, S. 37 ff.
- Reinhard Mey: Ex Oriente Lux; Heideggers Werk unter ostasiatischem Einfluss, S. 47
- Haferkamp, Hans/Schmid, Michael: Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung,
Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Ffm. 1987
- Pirsig, Robert M: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte, Ffm. 1978.
siehe auch: http://robertpirsig.org/Intro.html, hier: A brief summary of the Metaphysics of Quality by Robert Pirsig, October 2005
- https://de.wikipedia.org/wiki/Nullpunktsenergie
- siehe hierzu insbesondere die Arbeiten des Physik-Nobelpreisträgers Anton Zeilinger. Beispielhaft für sein Erkenntnisprogramm der Nobelpreisvortrag an der Uni Wien:

- http://de.wikipedia.org/wiki/Eisbergmodell_(Literatur)
With emptiness no spatial emptiness is meant. It is rather the absence of any form(https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/9a1eb910-ae60-5a6d-8be7-48c2cde31ae7). It is the silence that can be circled linguistically, the unobservability that one tries to come to terms with by means of discriminating designation (observation). It is the hiddenness in the process of unconcealment of being with Heidegger, according to whom people only stay in the area of the unconcealed. It is the unknown par excellence, it is the nothing, the One.1
"The thingness of the thing (Ding) (https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/00000000-0000-0000-0000-000000000000), however, is based neither on the fact that it is an imagined object, nor can it be determined at all from the objecthood of the object...The thingness of the vessel is not based at all on the substance from which it consists, but on the emptiness that grasps it.2
Luhmann's figure of self-reference (https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/7dbcf641-08c1-5f12-94d0-da8921adac9a), which he conceives as a fundamental property of reality, also speaks of the conditionality of the full through emptiness3.
For Robert Pirsig, who has elaborated a metaphysics of quality (https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/1648d9d9-a808-5b6e-a0af-96c4d7311d1d),(brain: //2dlIFgioblugr5bE1zEdHQ/Quality elaborated4 (quality as a concept he puts synonymously with value, the good, the improvement) quality is not a concept of substance, but comparable to the principle of the Buddhist emptiness, from whose featurelessness every fullness springs, the thingness, according to Heidegger, which itself does not correspond to any thing, the state before the subject/object split.
Also in the current explanations to the quantum theory one speaks of resting undefined energetic and informational potentials in the empty space (zero-point-energy)5 which can lead to form-forming processes by spontaneous fluctuations in the systemic balance of forces. There is, so to speak, no nothingness, but a void as a fundamental potentiality, which only forms itself in the moment of an observing or measuring access (thus making it distinguishable and signable).6
What surrounds us is thus form arising from potentiality and not form-as-such! For designers it is important to understand that every form, every appearance, every abundance of features only makes sense if one relates it to a complex space of possibilities, to that which is not named, to the shadowed, to the non-expressed, to the non-designated, to the endless, and if the work itself thematizes this reference.
This thematization of the non-themed is, so to speak, the operative side of considering emptiness.
Designers work fundamentally with the relationship between distinctness and indistinctness, finite and infinite.
In the continuous principle of linking the differentially designated to preceding designations in the differentiated, designers create a value chain that experiences its qualitas through reference to the non-designated (but recognized non-designated).
The fundamental principle of emptiness going beyond that, however, demands the reference to the unknown non-designated. The quantum physics shows us that the reference to pure potentiality of the unknown non-designated is not a matter of faith. It is rather a matter of an empirically proved facticity.
The dual reference to emptiness as a design rationale for distinctions made, the reflexive engagement with possible otherness as well as with original non-being, constitutes the special quality of design and of any design activity.
"If a prose writer understands enough of what he is writing about, he should leave out what is clear to him. If the writer only writes sincerely enough, the reader will feel what is omitted as strongly as if the writer had put it on paper. An iceberg moves so gracefully because only one-eighth of it is above water."
(E. Hemingway)7