Form
[...] every design problem begins with an effort to achieve fitness between two entities: the form in question and its context. The form is the solution to the problem; the context defines the problem. In other words, when we speak of design, the real object of discussion is not the form alone, but the ensemble comprising the form and its context.
Christopher Alexander (1964), "Notes on the synthesis of form," Harvard University Press
Form ist gemäß der systemtheoretischen Ästhetik kein Gestaltbegriff. Es geht nicht um die Form der Dinge, sondern um die Produktion einer Differenz, im Sinne einer Grenze, die zwei Seiten unterscheidet.1
Jeder Form geht die Leere voraus. Form ist die Verletzung eines unbestimmten Bereichs von Möglichkeiten durch eine Unterscheidung. Es entsteht eine Innenseite und eine Außenseite. Beides ist die Form. Form kann die Welt nicht fixieren, weil die Markierung einer Form gerade das unsichtbar macht, was als Einheit einer Unterscheidung vorausgesetzt werden muß. Beobachten ist nur als Bezeichnen der einen und nicht der anderen Seite der Form möglich. Jede Unterscheidung macht sich selbst unsichtbar und symbolisiert damit Welt, indem sie das Unterschiedene vorstellt. Form heißt, daß beide Seiten gleichzeitig gegeben sind. Aber man kann nur eine Seite beobachten. Der Wechsel (crossing) auf die andere Seite braucht Zeit.
Die Form ermöglicht also Bewegung ohne sich selbst zu bewegen. Sie ist der unbewegte Beweger.2 Form ist die Einheit der Differenz3, sie erzeugt Welt. Welt ist die allen Unterscheidungen vorausgesetzte Einheit, das Nichtschematische der Schemata, der blinde Fleck aller Beobachtungen. Die Welt offenbart sich in Unterscheidungen von Unterscheidungen, ohne sich zu selbst zu zeigen. Die Welt ist leere Potentialität.
Form ist immer Zwei-Seiten-Form, nämlich die Einheit einer Unterscheidung, z.B. der von innen/außen, gut/schlecht oder richtig/falsch. Bei jeder Beobachtung benutzen wir Unterscheidungen, mit denen wir uns in der Welt orientieren; wir scannen uns sozusagen durch die Objektwelt, wir tasten uns im Dunkel vor. Dabei ist die Form der Unterscheidung relevant für das, was wir sehen. Wir sehen nämlich genau das, was wir mittels Unterscheidung sehen und das, was wir nicht unterscheiden, sehen wir auch nicht. Die Welt bietet also Unterscheidungsanlässe, aber die Art und Weise, wie unterschieden wird, liegt beim Beobachter. So gesehen sind alle in der Welt vorkommenden Objekte und Phänomene vom Beobachter mittels Unterscheidung erzeugt, allerdings nicht in Ihrem faktischen Vorhandensein, sondern in Bezug auf Ihre Relevanz für einen Beobachter. Man sieht, was man mit seinen Unterscheidungskriterien sieht und ein Anderer sieht das Gleiche mit anderen Unterscheidungskriterien anders. Faktisch mag es sich um das gleiche Objekt handeln, aber die Bedeutung ändert sich durch den unterschiedlichen Zugang.
Der Formenkalkül ist nach Spencer Brown keine neue Logik, aber vielleicht ein Nachfolgekonzept für die Vernunft. Es gibt keine Beobachtung, deren Selbstbezeichnung nicht durch eine Paradoxie blockiert wird.
Für den Ästhetiker bedeutet Form einen Unterscheidungsanlass, der im Kanon weiterer Formen unterschieden und auf Relevanz hin befragt werden kann. Ein ästhetisches System (Objekt) besitzt Kraft und Relevanz in dem Maße, wie es einem Beobachter möglich ist, aus seinem Erfahrungshorizont mögliche Anschlußunterscheidungen in Bezug auf das Objekt (System) zu unterscheiden. Die Anschlußunterscheidungen können also getroffen werden, weil sie in anderen Bereichen der Kultur oder Natur wiederzufinden sind. Wir erkennen nur, was wir bereits kennen. Deswegen ist das Neue in der Gestaltung stets das Wiedererkennen des Alten im Neuen. (vgl. Avantgarde)
Die Form der Selbstunterscheidung eines ästhetischen Objekts (Systems), das sich selbst unterscheidet (A,A) impliziert die Unterscheidung zur Fremdunterscheidung (A,B). Die Unterscheidung zwischen Selbst- und Fremdunterscheidung impliziert die ästhetische Dimension C. (vgl. hierzu die mehrwertige Logik des Gotthard Günther) Die ästhetische Dimension kann durch zuviel oder zuwenig Differenz eliminiert werden, sie entfaltet sich dementsprechend nicht in der Frage nach der Substanz und den Eigenschaften, sondern in der Frage nach dem Zusammenwirken von Unterscheidungen zwischen Werk und Beobachtung. (vgl. Resonanz)
Form impliziert ein Wertverhältnis. Die Markierung der einen (und nicht der anderen) Seite der Form entspricht der Präferenz für einen Wert. Die Markierung entscheidet über den Fortgang weiterer Unterscheidungen. Ihre Selektivität im Verlauf der Anschlussoperationen ist Parameter für Relevanz, Wert, Qualität.
Ästhetische Systeme sind also die jeder Kommunikation beiwohnenden und mitlaufenden Codes einer wert- und qualitätsgenerierenden Selektivität, wie sie im Werk angelegt und gleichermassen, aber im Unterschied dazu vom Beobachter rezipiert werden (siehe Urteilskraft, [Rationalität](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/44a7b886-ed0b-5360-9d18-3a68206d1d5f)).
Form selbst kann auch Medium für weitere Formen werden. (vgl. Medium/ Form)
In der systemtheoretischen Ästhetik ist Form der Ort, an dem sich Sinn materialisiert. Nicht als Substanz, sondern als Ereignis. Sie ist Träger von Bedeutung, aber nicht Bedeutung selbst. Ihre Kraft liegt nicht im Inhalt, sondern im Zusammenhang: Sie erzeugt Kontext, schafft Anschlüsse, öffnet Räume für Wahrnehmung. Form ist das Medium, in dem Komplexität sichtbar und damit bearbeitbar wird.
Gestaltung heißt also nicht, Formen zu machen. Gestaltung heißt, Unterscheidungen zu treffen – und diese so zu verknüpfen, dass eine neue Gestalt entsteht. Eine Gestalt, die etwas zur Welt beiträgt: nicht weil sie schön ist, sondern weil sie anschlussfähig ist.
Im digitalen Zeitalter wird Form zunehmend algorithmisch produziert. Doch gerade deshalb wird ihre ästhetische Dimension wichtiger: Als Widerstand gegen das Glatte. Als Irritation des Erwartbaren. Als Geste, die zeigt: Auch Maschinen folgen Formen – aber nicht alle Formen folgen Maschinen.
Form ist Emergenzpunkt des Geistes. Nicht weil sie etwas bedeutet, sondern weil sie Bedeutung ermöglicht. Sie markiert das Sichtbare – und verweist zugleich auf das Unsichtbare, das jede Bedeutung umgibt. In diesem Zwischenraum liegt ihre Kraft.
Form ist Entscheidung unter Bedingungen der Komplexität. Und jede Form ist immer auch Einladung – zur Wahrnehmung, zum Urteil, zur Revision.
Fußnoten:
1 Niklas Luhmann/Dirk Baecker/Frederick D. Bunsen: Unbeobachtbare Welt. Über Kunst und Architektur, Bielefeld 1990, S. 55
2 ebd., S.18
3 ebd. Die Frage nach der Einheit der Differenz bezeichnet Luhmann interessanterweise als "Frage nach dem ‹Geist› der Form". S. 26
Literatur:
• George Spencer Brown: Gesetze der Form, Bohmeier Verlag, Lübeck 1997
• Dirk Baecker (Hg.): Kalkül der Form, Ffm. 1993
• Dirk Baecker (Hg.): Probleme der Form, Ffm. 1993
• Felix Lau: Die Form der Paradoxie, Heidelberg 2005