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Reale Virtualität

Die Welt wird mit Hilfe des systemtheoretischen Analyseinstrumentars nicht mehr über Bestände, sondern über Beobachtbarkeit und Anschlussfähigkeit erforscht. Das faktische Geschehen wird nur noch im Verhältnis zu seiner Kontextuierung relevant. Primäre reale Sachverhalte oder Tatsachen sind überlagert von Erzählungen, Kommentaren, Beobachtungen. Sie sind komplett ästhetisch und medial überformt. Wissenschaftliche Wahrheit weicht dementsprechend dem Prinzip der ästhetischen Urteilskraft.

Neben dem Realbestand der Welt wächst die Dimension des Symbolischen und des Virtuellen ins Unübersichtliche. Jede Beobachtung führt zu einer Erweiterung des medial überformten Bestandes. Im Verhältnis zu den wachsenden Datenbeständen nimmt das Wissen ab.

Im Hypermedium (vgl. Hypermedia) weicht schließlich jeder materielle Bestand grundsätzlich einer symbolischen Dimension, die im Zuge ihrer Ausdifferenzierung anfängt reflexive Zustände anzunehmen. Das Symbolische repräsentiert sich durch Symbolisches.

Für Gestalter geht es heute darum, diese augmentierte Form einer realen Virtualität als komplexen Raum von Zeichengefügen lesen zu können. Es geht darum, zu lernen, die Divergenz von Zeichen und deren Bedeutungen zu verstehen, die Welt als Konglomerat aus Akteuren und Handlungen, aus Inszenierungen, Dramaturgien und Wirkungen zu begreifen. Lebensweltliche Situationen sind in ihren Wirkungen real, aber in ihrem Zustandekommen, in ihrer Logik, in ihren kausalen Zusammenhängen nicht ohne weiteres rational erschliessbar. Wir realisieren eine fortschreitende Ästhetisierung der Welt (vgl. [Ästhetisierte Gesellschaft](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/35e7b77b-1318-5399-9901-5b71e98bb08b)), in der Akteure auftreten, die gelernt haben, sich in ihren realen Umgebungen nachgerade unter der Bedingung der Abkopplungsprozesse von Zeichen und deren Bedeutung zu inszenieren.

Deswegen lässt sich mit Hartmut Winkler sagen, dass wir mehr und mehr in einer Welt der realen Wünsche leben, in der das Wünschbare definiert wird und zur Maxime der Wirklichkeitsbewältigung gerinnt. Die Wunschstruktur der Wirklichkeit hat starke fiktionale und ästhetisch beschreibbare Züge. Um so wichtiger ist es, den Unabdingbarkeiten des realen Lebens zu begegenen und sich abzusetzen vom Überschwang einer ausufernden Bedeutungslehre und Simulationsbehauptung, die den wirkungsfaktischen Status des Realen als Bewusstseinsdesiderat obsolet macht und sich in den Zirkel relativistischer Beliebigkeit versteigt.

Weil unsere Gesellschaft so hochartifiziell ist, ist es um so dringlicher das Reale und Konkrete herauszuarbeiten. Wir müssen umsomehr unterscheiden zwischen Lüge und Wahrheit, Recht und Unrecht, Relevanz und Irrelevanz, Substanz und aufgeblasenem Schaum.