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Nächste Gesellschaft

I.

Favorisiert man theoretische Modelle, wonach Gesellschaft sich konkret durch Kommunikation und zwar nur durch Kommunikation reproduziert, so lässt sich die Entwicklung von Gesellschaften anhand der Dominanz des jeweiligen Kommunikationsmediums differenzieren. Demnach gibt es für jede Gesellschaftsformation nur ein entscheidendes Verbreitungsmedium der Kommunikation, dessen Auftreten alle vorherigen Medien überlagert und sinnbildend überfordert.

Mit der Einführung der Schrift löste die antike Gesellschaft die auf mündliches Sprechen und Überliefern ausgerichtete tribale Gesellschaft ab und diskreditierte die Rolle der Anwesenheit in Kommunikationsprozessen zugunsten einer zeitlichen, räumlich und personalen Entkopplung. Platon und Aristoteles trotzen der genialischen Dialektik des Sokrates und der sophistischen Tradition, die Menschen und die Gottheiten bestaunen argwöhnisch die vernunftgeleitete Vermessung und Grafierung der Welt.

Mit der Erfindung des Buchdrucks wurde der Kreis der akademisch und klerikalen Lesenden und Schreibenden, um die Meinungsbildung des Volkes, des Bürgertums und damit des differenten Verstehenwollens drastisch erweitert mit allen kritischen, aufklärerischen und antiklerikalen Konsequenzen. Diese Gesellschaftsformation, die wir die Moderne nennen, wird nicht heute und nicht gestern von einer Postmoderne diskreditiert. Jene skizziert lediglich das Endstadium der modernen Entwicklung, in der sich die Zeichen in differenziertester Art vom Bezeichneten entkoppelt haben und ein Multiversum des Arrangierens und Rearrangierens von Zeichenfigurationen entstehen liessen. Die postmoderne Verfasstheit radikaler Pluralität kollabiert in ihrer virtuellen Aufbereitung. An Baudrillards Hyperrealität zerschellt das Realitätsprinzip; mit der Konsequenz, dass in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, also auch in der Alltagskultur sich Unterschiede abzeichnen: zwischen den Dingen und ihren Bedeutungen, zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten, zwischen Anspruch und Erfüllung. Die Sachen sind nicht mehr die Sachen selbst, die Substanz der Dinge verschwindet in den Interpretationsmultiversen differenter Beobachter. Realität ist als solche nicht mehr substantiell plausibilisierbar, sie muss erschlossen werden durch hochselektive Verknüpfung von Zeichen und Bedeutung. „Das Künstliche wird zum Normalfall der Natur“ (Jochen Hörisch).

Das was diese nach wie vor moderne Gesellschaft, die Welt von Hegel und Kant, von Nietzsche bis Gadamer, von Heidegger bis Gumrecht nachhaltig diskreditiert, ist der Einzug der digitalen elektronischen Maschine und zwar nicht verstanden als technisches Artefakt oder Werkzeug allein, sondern grundlegender: als Kommunikationsmedium. Nun wird jedermann zum Sprachrohr seiner eigenen Auffassung, publiziert und präsentiert im weltweiten Geräuschkosmos. Die Chance, gehört, gesehen oder irgendwie wahrgenommen zu werden, wird dadurch nicht grösser, die Selektivität des wahrnehmbaren Sinns wird zum entscheidenden Kriterium. Die computerisierte Gesellschaft, die Netzwerkgesellschaft, die nächste Gesellschaft, wie auch immer wir das bezeichnen, was die moderne Gesellschaft nachhaltig überlagert und diskreditiert, sie ist da, sehr anfänglich, aber mit enormer und überfordernder Entwicklungsgeschwindigkeit.

II.

Die heutige computerisierte Gesellschaft konfrontiert uns mit Konsequenzen, die in der späten Moderne noch als theoretische Modelle, als entwerferische Möglichkeit, lediglich vorläufig gedacht waren: der Bedeutungsverlust des Subjekts, des Autors, der Substanz und des ontologischen Fundaments der Dinge zugunsten von Relationierung, Vernetzung und kybernetischen Endlosschleifen. Die Einheit des Individuums zerfällt in systemische Knotenpunkte, in kommunikative Relationen, die nicht mehr auf Identität, sondern auf Prozessualität hin gedacht sind.

Damit verbunden ist der Untergang einer traditionellen, zweiwertigen Logik, die noch auf Widerspruchsfreiheit und analytische Klarheit setzte. An ihre Stelle treten Mehrwertigkeit, Mehrdeutigkeit und paradoxe Strukturen, die das einstige Versprechen der Eindeutigkeit in der Erkenntnis zu einer Erinnerung verblassen lassen. Die Isolation des Erlebens, das Verschwimmen einer gemeinsam geteilten Dingerfahrung, steigert die Kontingenz und erschüttert die Vorstellung von gemeinsam geteilter Realität.

Gleichzeitig geht die lineare Zeitordnung, die Teleonomie, verloren zugunsten einer Totalgegenwart, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich auf engstem Raum dramatisch verdichten. Informationen, gespeichert in gigantisch wachsenden Datenbanken, verweigern sich zunehmend einer unmittelbaren Generierung von Sinndimensionen und fördern stattdessen eine radikale Entkoppelung von Ursache und Wirkung, von Sinn und Kontext. Diese Totalgegenwart verwandelt Geschichte in eine szenisch-bildhafte Gleichzeitigkeit, aktiviert das Vergessen und transformiert jede Realität in virtuelle Fiktionen.

Die Digitalisierung verstärkt diese Transformation, indem sie das Analogische zugunsten virtueller und digital simulierter Erweiterungen atmosphärischer Räume verdrängt. Aus Simulation von Echtzeit wird Echtleiblichkeit, aus virtueller Präsenz unmittelbare Verkörperung. Der Mensch verschmilzt zunehmend mit seiner digitalen Behausung, und eine neue „Turing-Natur“ übernimmt körperliche, kognitive und sinnliche Räume. Der Leib wird zum Interface, die künstliche Umgebung zur existentiellen Erweiterung. (vgl. Körper)

Vor dem Hintergrund einer postfaktischen Welt, in der das Faktische selbst nur noch perspektivische Konstruktion ist und die Differenz zwischen Wahrheit und Fiktion ihre normative Kraft verloren hat, verlangen die Dominanz des Fiktiven, des Interpretativ-Beliebigen und des Quasi-Objektiv-Populistischen ein philosophisches Gegengewicht. Gefordert ist eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Sprache, Begriff und Wirklichkeit – ein systematischer Neubezug auf philosophisch-metaphysische Positionen, angereichert durch aktuelle Erkenntnisse, wie sie der Diskurs des Neuen Realismus exemplarisch darlegt. 1

Dieses metaphysische Moment darf nicht länger externalisiert oder verdrängt werden, wie es materialistische und reduktionistische Paradigmen nahelegen. Vielmehr muss es als integraler Bestandteil innerer Reflexion begriffen werden, als existenzielle Dimension, die zugleich Offenheit nach innen und Grenze nach außen schafft. Fundamentalistische Narrative hingegen, die epistemische Differenzen negieren und absolute Wahrheiten proklamieren, sind systematisch aus dieser Gemeinschaftlichkeit auszuschließen.

Unsere Überlegungen münden folgerichtig in einer Neuen Kybernetik, die nicht nur die Komplexität der vernetzten Welt abbildet, sondern auch als systemische Selbstreflexion verstanden wird: eine Kybernetik, die das Unbekannte, das kategorial Andere, nicht eliminiert, sondern bewusst als notwendigen Teil der inneren Systemdynamik akzeptiert. Metaphysik als systemisch integrierte Frage, die uns erlaubt, im Zeitalter der digitalen und postfaktischen Komplexität Sinn nicht einfach zu finden, sondern beständig neu zu erzeugen.

Fußnoten:

^1 vgl. hierzu: Gabriel, Markus (Hg.): Der Neue Realismus, Berlin 2014, sowie Ferraris, Maurizio: Manifest des Neuen Realismus, Ffm. 2014