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Handlung

Mit der Einführung des Autopoiesiskonzeptes ist Luhmann endgültig von der Vorstellung der soziologischen Handlungstheorie und der damit verbundenen Figur des Subjekts im neuhumanistisch- anthropologischen Sinne abgekommen. Zumindest setzt er die Rekonstruktion des handelnden Systems so abstrakt, daß ein eventuell dahinterliegendes subiectum als handelndes Individuum von der Bildfläche verschwindet. Statt dessen fragt Luhmann jetzt, wie das Handeln sich selbst bestimmt. Die Antwort lautet: Handlungssysteme entstehen...

"durch Anwendung weiterer Operationen auf die beobachteten Resultate von Operationen...Sie bestimmen durch ihre eigenen Operationen die Strukturen, die für ihre weiteren Operationen maßgebend sein werden. Und sie bauen auf diese Weise bei sehr geringfügigen Außenkontakten eine immense Eigenkomplexität auf, die gerade auf der geschlossenen Operationsweise des Systems beruht."1

Also: Rekursivität der Selbstbeobachtung. Das System hält seinen Operationsmodus (Autopoiesis: Selbstreproduktion der Elemente) aufrecht, solange es Kommunikation an Kommunikation anschließt und via Selbstbeschreibung Kommunikation auf Handlung reduziert.2 Dabei entfernt es sich zunehmend von seiner Ausgangsposition und tendiert zu den bekannten Eigenzuständen (von Foerster: Eigenwerte). Das bedeutet, daß das System für einen außenstehenden Beobachter nicht prognostizierbar ist, weil es nicht gesetzmäßig, sondern strukturdeterminiert und historisch reagiert.3 Die Handlungszurechnung kann aus diesem Grund nicht auf individuelle Akteure rekurrieren.4 Nicht die Individuen handeln nach Luhmann, sie kommunizieren noch nicht einmal; die Kommunikation kommuniziert und Handlungszurechnungen können nur über Bedingungen der Kommunikation vollzogen werden.

Luhmanns Vorstellung, daß soziale Systeme, angefangen von Interaktionssystemen, über Familie, Organisationen bis hin zur Gesellschaft als umfassendes Sozialsystem, nicht aus Personen, also konkreten Individuen, bestehen, sondern lediglich aus Kommunikation, muß auf den ersten Blick zwangsläufig Befremden auslösen. So ist es nicht weiter verwunderlich, daß die wesentliche Kritik an der Luhmannschen Sozialtheorie von Seiten der Handlungstheoretiker auf genau diesen Punkt abzielt: den mangelnden Akteurbezug, das vermeintliche Fehlen des Subjekts als Handlungsträger, die Transzendenz der Sinnkategorie in Bereiche jenseits des Individuums. Nach Luhmann fällt die gängige Handlungstheorie allerdings hinter Einsichten zurück, die seit dem 17. Jahrhundert bekannt sind, nämlich daß aus der Beobachtung von Handlungen nicht auf Motive, auf den Akteur geschlossen werden kann, und zwar deshalb nicht, weil die hohe Komplexität der Kausalverhältnisse dies nicht zulässt5. Vielmehr hält Luhmann situative Bedingungen für handlungsdominierend.6 Die Vermeidung zu stark personenzugeschnittener Begriffe und Erklärungsmethoden ergibt sich schon aus Luhmanns Vorordnung des Funktionenbegriffs vor den Kausalitätsbegriff7 und der damit einhergehenden Vermeidung einer Diskredition des Handelnden durch Unterstellen von Absicht, Interesse oder Motiven.

Die Beschreibung des Menschen in Begriffen der Autonomie des Seins als Einheit entspricht nach Luhmann nicht mehr den heutigen wissenschaftlichen Entwicklungen. Das von ihm entwickelte autopoietische "Dreigestirn"8 muß als grundlagentheoretisches Analyseinstrument verstanden werden und zwar vor allem in dem Punkt, daß sich die verschiedenen autopoietischen Operationsmodi in ihren Phänomenbereichen nicht überschneiden. Es findet kein Austausch zwischen Bewußtseins-,Kommunikations- und lebenden Systemen statt. Die Systeme funktionieren vollkommen geschlossen. Offenheit und Geschlossenheit dürfen jedoch nicht länger als Gegensatzpaare begriffen werden und dies ist eine entscheidende Bedingung des Theorieansatzes: sie müssen vielmehr als Steigerungsverhältnis angesehen werden. Die Frage lautet dann: Wie kann ein autopoietisches System durch Geschlossenheit Offenheit produzieren. Läßt man sich auf das autopoietische Teilungsverhältnis ein, so kann der Mensch nicht als System verstanden werden. Er kann das, was an physischen, chemischen oder lebenden Prozessen abläuft, nicht einmal beobachten.9 Der Mensch ist kein Element der Gesellschaft, weil Elemente der Gesellschaft lediglich Kommunikationen sein können, aber und dies ist entscheidend, ohne das individuelle Bewußtsein, das der Kommunikation eigene Komplexität zur Verfügung stellt, ist eine Ausdifferenzierung sozialer Systeme und Kommunikation schlechterdings nicht möglich.

Durch die Luhmannsche Konfiguration ist das individuelle Bewußtsein insofern enger mit der Gesellschaft verknüpft als dies allgemein angenommen wird, aber es bewahrt seine grundsätzliche Autonomie. Luhmanns Ausführungen sind insofern folgerichtig, als daß die Beteiligung des individuellen Bewußtseins an Kommunikationsprozessen gänzlich der Übertragungsmetaphorik entbehrt. Begreift man aber, so wie Maturana es beispielsweise vorschlägt, den Mensch als Element sozialer Systeme, gerät man unweigerlich in die Schwierigkeiten einer theoretisch unbefriedigenden Mischkonstellation von Bewußtseins- und Kommunikationseffekten, die durch die gängigen Vorstellungen von Intersubjektivität nicht mehr aufgefangen werden können.10 Das individuelle Bewußsein exportiert eben kein Bewußtsein nach außen, ebensowenig ist es in der Lage, Kommunikation von außen in sich aufzunehmen. Insofern interagieren Individuen nicht miteinander, sondern perturbieren sich gegenseitig mit konstruierten Vorstellungen, unter den bekannten Bedingungen doppelter Selektivität (Kontingenz).

Andererseits verzichtet Luhmann ja nicht auf den Handlungsbegriff, denn Kommunikation wird als Mitteilungshandeln gedeutet und insofern wird die individuelle Person als Einheit für Handlungszurechnung weiter in der Theorie mitgeführt.11 Sie verliert allerdings ihre primordiale Stellung, und das zwingt die etablierten Handlungstheoretiker zum Umdenken. Kommunikation ist die elementare Einheit der Selbstkonstitution und Handlung ist die elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung.12 Allerdings läßt sich die Schwere des Verlustes nicht so ganz einsehen. Der ganze Mensch war nämlich in der Soziologie nie so aktuell gewesen, wie dies die aktuelle Diskussion glaubhaft machen möchte. Vielmehr wurde er schon frühzeitig als Rollen-, bzw. Merkmalsträger verstanden und in diesem Sinne lediglich als Person, aber nie als 'ganzer Mensch' analysiert.

Die Forderung der Handlungstheoretiker nach Erforschung der sozialen Akteure und der Beziehungen, die sie eingehen und nicht nach Erforschung der Gesellschaft,13 ist dennoch durchaus verständlich. Das individuelle Bewußtsein steht der Fassade der Gesellschaft relativ ohnmächtig gegenüber. Es kann nur noch staunen angesichts der Phänomene, die als kumulativer Effekt individueller Handlungen nicht mehr zu begreifen sind. Der Trost scheint sich in der Tat nur im Wissen um die Gleichartigkeit des alter ego einzustellen und die psychische Disposition des Einzelnen verdient in jedem Falle wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Allerdings muß streng unterschieden werden zwischen psychischen und gesellschaftlichen Problemkonstellationen. Geht es um die Gesellschaft, so scheint diese sich durch Phänomene der Selbststeuerung und aufgrund eigenlogischer Gesetzmäßigkeiten von Möglichkeiten der Effektzuschreibung an das individuelle Bewußtsein zu entfernen. Dementsprechend, so Luhmann, muß die Theorie abstrakt über Umwege verfahren, um überhaupt noch beobachten zu können, was eigentlich geschieht.

Fußnoten

  1. Niklas Luhmann: Warum AGIL? in; Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 40, 1988, S. 131
  2. Niklas Luhmann: Soziale Systeme, Ffm. 1987, S. 235
  3. Niklas Luhmann: Warum AGIL?, a.a.O., S. 132
  4. Der Vorwurf des "mangelnden Akteursbezuges" (vgl. Uwe Schimank: Der mangelnde Akteursbezug systemtheoretischer Erklärung gesellschaftlicher Differenzierung - Ein Diskussionsvorschlag, in; Zeitschrift für Soziologie, 14, 1985, S. 421 - 434) wird von Luhmann dementsprechend nicht als ernsthafte Kritik angesehen.
  5. vgl. Niklas Luhmann: Politische Steuerung: Ein Diskussionsbeitrag., Politische Vierteljahresschrift 30 (1989), S. 4-9. Auch in: Hans-Hermann Hartwich (Hg.), Macht und Ohnmacht politischer Institutionen: 17. Wissenschaftlicher Kongress der DVPW, Darmstadt 1988, Opladen 1989, S.12-16
  6. Niklas Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 229
  7. vgl. Nikls Luhmann: Soziologische Aufklärung Bd. 1, Opladen 1971, hierin: Funktion und Kausalität, S. 9-30.
  8. "Wer sich traut, einen vierten Fall für Geist (oder Texte, oder Kultur) anzunehmen, mag dies versuchen." Luhmanns Aufforderung in: Warum AGIL? a.a.O., S. 139
  9. Niklas Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 68
  10. siehe hierzu insbesondere die logischen Vorarbeiten von Gotthard Günther.
  11. siehe Niklas Luhmann: Sozialsystem Familie, in: System Familie 1988, S. 81.
  12. Niklas Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 241
  13. Dies ist die (weitverbreitete, aber nach Luhmanns Auffassung theoriekonservative) Meinung von Alain Touraine in: Krise und Wandel des sozialen Denkens, aus: Die Moderne- Kontinuitäten und Zäsuren, Sonderband 4, Soziale Welt, Göttingen 1986, S. 20.

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