Anfangen
Der Anfang – Strukturgewinn aus Leere
„Der Anfang von Himmel und Erde ist namenlos“, heißt es bei Lao-Zi im Dao De Jing (etwa 500 v. Chr.). Was damit ausgesagt wird, ist fundamental: Der Anfang liegt jenseits aller Bestimmungen. (vgl. Qualität) Er entstammt keiner Ordnung, keinem Begriff, keinem Zweck. Er geschieht in einer Zone unmarkierter Leere - dort, wo noch keine Differenz gesetzt ist, keine Richtung gilt, keine Struktur greift. In dieser Ununterschiedenheit liegt das Dao: die Welt als Potentialität, als noch unförmige Möglichkeit, als radikale Offenheit.
Das deutsche Wort „Anfang“ geht zurück auf das althochdeutsche anfanc, verwandt mit dem lateinischen incipere (aufnehmen, ergreifen, einsetzen). Darin liegt eine doppelte Geste: etwas beginnt - aber es muss auch begonnen werden. Anfangen ist nie bloß zeitlicher Beginn, sondern eine Tat. Eine Geste der Setzung. Eine Entscheidung, ohne Garantien. Eine Form des Mutes.
Die Ästhetik des Anfangs beruht auf genau dieser Figur: der Notwendigkeit, eine Unterscheidung im unmarked space zu treffen - ohne Kriterien, ohne Netz, ohne Rückgriff auf schon Gegebenes. Es ist dies der erste und immer auch ungesicherte Akt jeder Poiesis: ein Moment radikaler Selbstverantwortung.
Im Begriff des Anfangs kreuzen sich daher verschiedene Dimensionen:
- Ontologische Dimension - Der Anfang steht jenseits aller Bedingungen. Er ist nicht Folge, sondern Voraussetzung. Er hebt an, wo es noch kein Vorher gibt. Damit steht er der Schöpfung nahe: dem aus sich selbst hervorgehenden Akt.
- Kognitive Dimension - Der Anfang ist eine Setzung. Eine Unterscheidung, die, wie George Spencer Brown zeigt, nicht neutral sein kann: Sie wählt. Sie markiert eine Seite - und lässt die andere unmarkiert. Erst diese Asymmetrie erlaubt Anschlussfähigkeit. Doch sie bringt die Paradoxie mit: Jede Unterscheidung basiert auf einer Unterscheidung, die selbst nicht unterschieden ist. Der Anfang ist damit immer auch: ein logischer Abgrund.
- Systemische Dimension - Im Luhmannschen Sinn ist Beobachtung die Operation, mit der eine Unterscheidung getroffen und eine Seite bezeichnet wird. Beobachtung ist nie unschuldig: Sie inkludiert, indem sie exkludiert. Sie wählt aus - und schafft dadurch Struktur. Jede Beobachtung beginnt mit einem Anfang: einer Unterscheidung, die mehr impliziert als sie zeigt.
- Ästhetische Dimension - Der Anfang ist eine Geste der Form. Er macht das Unbestimmbare sichtbar, das Unverfügbare anschlussfähig. Eine Linie im Nichts. Ein Klang im Schweigen. Ein erster Schritt, der aus Leere Richtung macht. Ästhetik zeigt sich hier als Fähigkeit, Komplexität nicht zu vermeiden, sondern zu gestalten – durch Entscheidung, durch Form, durch Differenz.
- Existenzielle Dimension - Jeder Anfang ist auch Risiko. Er verlangt Mut zum Nichtwissen. Initiative ohne Sicherung. Motivation ohne Garantie. Was den Anfang ausmacht, ist nicht seine logische Sicherheit, sondern sein existentieller Impuls: die Bereitschaft, Verantwortung für eine Welt zu übernehmen, die noch nicht existiert.
Jenseits des Anfangs liegt nicht das Ziel, sondern die Verwicklung. Der Anfang erzeugt Pfadabhängigkeit (vgl. Logik der Dummheit) aber auch Resonanz. Er bildet die erste Differenz, an der sich weitere Unterschiede anschließen können. So entsteht Ordnung - aber nicht als Überwindung des Anfangs, sondern als seine Fortsetzung.
Die eigentliche Kunst liegt darin, diesen Anfang nicht zu verdecken. Denn was sich aus ihm ergibt, bleibt durch ihn geprägt. Der Anfang bleibt spürbar - als Urform jeder Entscheidung, als Spur im Gewebe, als Frage im Zentrum aller Gestaltung.
Literatur:
- Niklas Luhmann: Anfang und Ende: Probleme einer Unterscheidung, in: Niklas Luhmann/Karl Eberhard Schorr (Hrsg.), Zwischen Anfang und Ende: Fragen an die Pädagogik, Frankfurt 1990, S. 11–23
- George Spencer Brown: Gesetze der Form, Lübeck 1997
- Dirk Baecker (Hg.): Kalkül der Form, Ffm. 1993
- Dirk Baecker (Hg.): Probleme der Form, Ffm. 1993
- Felix Lau: Die Form der Paradoxie, Heidelberg 2005