Alteuropa
I.
Die alte Welt ist die uns vertraute und gemäß philosophiehistorischen Überlegungen vermittelte Welt der mehr oder weniger einfachen Relationen und Sachverhalte. In dieser Welt ist der Mensch das Maß und der Mittelpunkt aller Geschehnisse. Um ihn herum gruppieren sich die Dinge und Phänomene in mehr oder weniger erkennbarer Gestalt.
Die Ressourcen der alten Welt scheinen unerschöpflich und die Probleme endlich und lösbar. Es gibt absolute Referenzpunkte und ausgewiesene Beobachter. Es gibt mehr oder weniger klare Verhältnisse, Zweckmäßigkeiten, Zielgerichtetheit und den Glauben, bestehende Verhältnisse global optimieren zu können.
Die Sinnhaftigkeit aller Unternehmungen ergibt sich aus dem Anspruch und der Notwendigkeit die Welt auf der Bestandsebene zu durchforsten. In dreizehntausend Metern Tiefe werden Krakenarme vermessen und in achttausend Metern Höhe locken die Gesänge der Gipfelstürmer die Yetis aus ihren vereisten Felsgruben. Der Mensch in der alten Welt will alles wissen, muss alles erkunden, meint alles kontrollieren zu können. Daß die Welt bei diesen Anstrengungen ein komisches Geräusch macht, liegt daran, daß man noch nicht alles weiß, noch nicht alles erkundet hat und noch nicht alles kontrollieren kann.
Der Mensch in der alten Welt versteht sich als vernunftbegabtes Wesen mit Zusatzeigenschaften. Diese kulminieren im wesentlichen in der Fähigkeit zur sinnlichen Erkenntnis. Die Vernunft allein unterscheidet ihn vom Tier, die Fähigkeit zur reflexiven Handhabung seiner Sinnlichkeit aber erhebt ihn über alle Geschöpfe und Naturerscheinungen.
Der menschliche Geist ist Inbegriff der Schöpfung. Er steht über der Natur. Er allein ist befähigt, die Schönheit eines Bildes zu genießen oder das Gefühl des Erhabenen beim Anblick einer mächtigen Natur zu empfinden. Anderen Geschöpfen fehlt hier die entscheidende Sensibilität, die Kraft der Unterscheidung, mit der man sich selbst in Erregung versetzt.
Die Welt kann eingeordnet werden in schön und häßlich. Der Mensch in der alten Welt strebt das Schöne an und versucht das Häßliche (vgl. Barbar) zu eliminieren. Das Inventar der Welt wird an- und umverwandelt. Unliebsame Natur wird zur lieblichen Landschaft, häßliche Krokodile werden zu schönen Kroko-Ledertaschen. Es wird nicht gesehen, daß die Schönheit der Welt nur in dem Maße sichtbar wird, wie sie vom Häßlichen unterschieden werden kann. So entfaltet sich die Eigenlogik des Häßlichen durch einseitige und irreflexive Handhabung einer Unterscheidung in der Domäne einer angestrebten Verschönerung der Welt (vgl. Code).
Diese neue Welt erscheint uns nun als die mehr oder weniger vertraute alte Welt, nachdem sie vermessen wurde. Es ist die Welt in der die gebeutelte Natur auf verschlungenen Wegen ihren eigentlichen Stellenwert neu darlegt. Den Geistwesen entgleitet zunehmend die Kontrolle. Sie spüren ihre Entfernung von der naturalen Basis. Sie bemerken, daß ihre Grundannahmen verfehlt waren. Sie bemerken jetzt: selbst Geist ist Natur. Die Natur bediente sich der Menschen zur Selbstthematisierung. Alle menschlichen Artefakte sind ebensolche Ausflüsse von Natur.
Jetzt fangen die Artefakte an zu sprechen.
II.
Die Kritik moderner, auf der Basis naturalistischer Erkenntnistheorien verfasster Ansätze bezieht sich insbesondere auf den Humanismus und damit verbundene Begrifflichkeiten wie Natur, Mensch, Moral, Vernunft, Handlung, Subjekt, Intersubjektivität, oder Zweckrationalität. Dabei wird insbesondere deutlich gemacht, daß
- es nicht um die Dimension der Existenz einer erfahrungsunabhängigen Realität geht, die entdeckt oder beschrieben werden kann, sondern daß jede Aussage über Realität einen Beobachter voraussetzt, der diese mittels Unterscheidungen konstruiert. Wer etwas über die Welt erfahren will, muss Beobachterkonstruktionen beobachten.
- das individuelle [Bewußtsein](https://app.thebrain.com/brain/c29a8ee5-a860-46eb-9059-69c8f950ca6f/31a6c363-571f-5852-9fbd-1ae1d8b27300) nicht als Letzthorizont des Wissens angesehen werden kann, sondern daß alles Wissen durch Externalisierungsleistung von Bewußtseinsprozessen, also durch die Kopplung an Kommunikation generiert wird
- der Mensch nicht als Letztelement sozialer Ordnung betrachtet werden kann, sondern sich durch seine Differenz zu Sozialität, Moralität, Konsens- und Verstehensfähigkeit auszeichnet.
- menschliche Handlungen eher durch die Dynamik hochkomplexer und dementsprechend undurchschaubarer situativer, psychischer und kommunikativer Geschehnisse bestimmt sind als durch inhärente Motive, Sinnstrategien und Vernunftoperationen.
- geistige, kulturelle und künstliche (technische) Prozesse, in wesentlich höherem Masse als bislang angenommen, evolutionären und naturwissenschaftlich beschreibbaren Mechanismen unterliegen.
- das Wissen über uns selbst und die Wirklichkeit keinen Realitäts-, sondern Modellcharakter hat und jede Theorie dementsprechend als Entwurf zu begreifen ist, mit dem wir das, was geschieht, zwar kritisch betrachten, aber nicht abschließend beurteilen können (Urteilskraft).