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Funktionalismus

Funktionalismus ist der Schritt aus der Logik der Kausalkette in die Weite der Möglichkeiten.

Die klassische Handlungstheorie, wie sie in der Organisationssoziologie wirksam war, verstand den Menschen als Zweck-Mittel-Wesen: jemand, der sinnvoll Mittel einsetzt, um bestimmte Zwecke zu erreichen.¹ Diese Modelle waren formallogisch dem Kausalnexus unterstellt: Ursache/Wirkung, Zweck/Mittel. Doch schon hier stößt man auf das Problem, dass faktische Handlungen nicht auf eine solche Einfachheit reduzierbar sind. Jede Handlung ist in ein Geflecht aus Ursachen und Wirkungen eingebunden, deren Zahl potentiell unendlich ist.²

Luhmann zeigt: Kausalität verweist ins Unendliche. Jede Ursache kann mit unendlich vielen anderen kombiniert werden, jede Wirkung hat unendlich viele Ursachen, jeder Prozess lässt sich unendlich teilen oder in unendliche Ferne verfolgen.³ Damit verliert die ontologische Auslegung der Kausalität ihren Sinn. Ursache und Wirkung sind keine festen Seinszustände mehr, sondern nur noch Verweisungen auf Möglichkeiten.

Genau hier setzt der Funktionalismus an. Er ordnet Kausalität der Relation unter. Statt den „eigentlichen Grund“ einer Handlung zu suchen, verweist er auf andere Möglichkeiten, auf funktionale Äquivalente. Es geht nicht um Entlarvung, nicht um den Nachweis der verborgenen Motive, nicht um eine Reduktion des Handelns auf „trickreiche Scheinwelten“.⁴ Es geht um das Sichtbarmachen von Komplexität, um das Mitspielen von Gesichtspunkten, um eine komplizierte Wirklichkeitsstruktur.

Die Nähe zur frühen Kybernetik ist offensichtlich. Luhmann sah in ihren nichtontologischen Forschungsansätzen ein „freudiges Sich-im-Anderen-Wiedererkennen“.⁵ Sowohl Talcott Parsons als auch Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik, orientierten sich am Homeostasis-Begriff Walter B. Cannons.⁶ Im Modell des geschlossenen Regelkreises entspricht der Zweck nicht mehr einem fixierten Ziel, sondern einer kontrafaktisch stabilisierten Größe, die durch Rückkopplung in Form gehalten wird – ein normativer Sinnparameter. Zweck wird hier nicht gedacht als statischer Punkt, sondern als dynamische Norm.

Während Parsons Systeme noch als gegeben voraussetzte und nach ihrer Erhaltung fragte, transformierte Luhmann den Funktionalismus weiter. Er überwand die Schwächen des frühen Strukturfunktionalismus, indem er ihn mit der Komplexitätsformel verband und so den Übergang von einer Handlungs- zu einer Systemtheorie ermöglichte.⁷

So verstanden, ist Funktionalismus kein Abgesang auf Rationalität, sondern Grundbaustein jedweden ästhetischen und systemischen Denkens. Er ersetzt die starre Linie von Ursache und Wirkung durch ein Gewebe von Alternativen. Er begreift Sinn nicht im Licht des Ursprungs, sondern im Resonanzfeld der Möglichkeiten.

Funktionalismus ist die Wissenschaft der Möglichkeiten. Er ist das Denken der Relationen statt der Gründe, der Alternativen statt der Ursprünge. Er ist der Schritt von der Ontologie zur Ästhetik der Systeme – vom Was zur Frage des Wie.

Fußnoten

  1. Niklas Luhmann: Vom Polizeistaat zum Rechtsstaat, in: Zweckbegriff und Systemrationalität, Tübingen 1968, S. 88.
  2. Niklas Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität, Tübingen 1968, S. 26.
  3. Niklas Luhmann: Funktion und Kausalität, in: Soziologische Aufklärung, Bd. 1, 2. Aufl. Opladen 1971, S. 16 ff.
  4. Niklas Luhmann: Soziale Aufklärung, in: Soziologische Aufklärung, Bd. 1, a.a.O., S. 71.
  5. Niklas Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität, a.a.O., S. 158.
  6. Ebd., Fußnote 133, S. 158.
  7. Niklas Luhmann: Funktion und Kausalität, a.a.O., S. 10 ff.

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