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Interaktivität

Interaktivität ist keine einfache technische Eigenschaft, sondern gehört zu den fundamentalsten Dimensionen der Natur. Sie durchdringt nicht nur menschliche Kommunikation, sondern auch die Struktur aller natürlichen Systeme, die beständig in Resonanz und Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Keine Einheit existiert isoliert, jede Entität entfaltet sich stets in einem Geflecht wechselseitiger Bezugnahmen – sei es mit ihrer Umwelt, anderen Einheiten oder sogar mit sich selbst. Diese Interaktivität ist ein existenzieller Tanz, eine ständige Zustandsveränderung, in der sich jede Einheit immer wieder neu konstituiert. Sie verweist auf eine tiefere metaphysische Wahrheit des Anfangs, des immer neu beginnenden Austauschs, in dem Differenz und Resonanz nicht nur entstehen, sondern ihre eigentliche Bedeutung erst erhalten.

Gerade hier offenbart sich die Unverfügbarkeit, das Unbekannte als konstitutives Moment jedes interaktiven Geschehens. Denn was aus der Interaktion hervorgeht, lässt sich niemals vollständig antizipieren, niemals restlos kalkulieren. Interaktion bedeutet deshalb immer, sich dem Unbekannten, dem Überraschenden auszusetzen. Sie öffnet systemisch gestaltete Räume, in denen das noch nicht Gewordene aufscheint und als Möglichkeit zu wirken beginnt.

Aus soziologischer Perspektive wurde Interaktivität vor allem als komplexes Spiel wechselseitiger Inanspruchnahme beschrieben. Ego und Alter Ego treten dabei in eine dynamische Beziehung ein, in der das Verhalten des einen unmittelbar zur Zustandsveränderung des anderen führt.1 Es handelt sich um ein gegenseitiges Resonanzphänomen, das sich nicht allein auf reines Verhalten beschränkt, sondern Sinnstrukturen etabliert und verändert. Ego weiß, dass er beobachtet wird, und richtet sein Verhalten entsprechend den Erwartungserwartungen aus. Es entsteht dadurch eine lebensweltliche Struktur von Rollen und Bedeutungen, wie sie phänomenologische Wissenssoziologen wie Alfred Schütz, Harold Garfinkel, Erving Goffman, Thomas Luckmann und Niklas Luhmann umfassend beschrieben haben.

Doch weit tiefer als das bloße Verhaltensspiel reicht dabei die ästhetische Dimension der Interaktion. Sie liegt darin, dass Sinngebung immer eine gestaltende Handlung ist, ein ästhetisches Ereignis, das aus der Kontingenz der Begegnung Formen, Bedeutungen und Muster entstehen lässt. Die Ästhetik ist hier nicht schmückendes Beiwerk, sondern strukturelle Voraussetzung jeder Begegnung. Sie bildet die Grundlage für jene Resonanzen, in denen Sinn, Wahrnehmung und Erleben miteinander verwoben werden und ermöglicht eine gemeinschaftliche Wirklichkeitserfahrung.

Im Gegensatz dazu zeigt sich die oft propagierte Mensch-Maschine-Interaktion in ihrer überwiegenden Form als deutlich unterkomplex. Cyberspace-Enthusiasten und Protagonisten der Digital Arts nennen selbst einfache Input-Output-Schemata „interaktiv“, obwohl diese bestenfalls reaktive Oberflächen sind. Tatsächliche Interaktivität verlangt jedoch mehr: Sie bedarf wechselseitiger Beanspruchung von Ressourcen, einer echten Resonanz, die bei beiden Seiten nachhaltige Zustandsveränderungen bewirkt. Erst durch fortschrittliche Artificial-Life- und Deep-Learning-Algorithmen nähern sich maschinelle Systeme allmählich jener kognitiven Komplexität, die Interaktivität auf Augenhöhe ermöglicht.

Unsere Betrachtungen führen uns schließlich zur Formulierung einer Neuen Kybernetik, die Interaktivität nicht länger bloß als technische Steuerung begreift, sondern als existenzielle Begegnung mit dem Unbekannten, als dynamische Form der Resonanz, die ihre Bedeutung aus einer metaphysischen Tiefe schöpft. Interaktivität ist nicht bloße Option, sondern fundamentale Bedingung jeglicher Realität, eine ständige Initiation ins Unbekannte, ein immer neuer Anfang.

Anmerkungen:

1 vgl. Claus Leggewie et.al. (Hg.): Interaktivität. Ein transdisziplinärer Schlüsselbegriff, Ffm/New York 2004

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