Doppelte Kontingenz
Alles Erleben und Handeln hängt nicht nur von einem selbst, sondern auch vom anderen ab: nicht nur ich habe Erwartungen an den anderen Menschen, sondern dieser hat auch Erwartungen an mich.1 Unter diesen Umständen reicht es nicht, fremdes Verhalten erwarten zu können, man muß auch fremde Erwartungen erwarten können.
Ego erwartet Erwartungsstrukturen, der Andere macht das gleiche, da er selbst Ego ist. Die Erwartungsstrukturen, die ich erwarte, erwartet der andere auch: Erwartung von Erwartungserwartungen. Der Andere erwartet, daß ich bestimmte Erwartungen bezüglich seiner Erwartungen hege. Spiegelung der Erwartungen bis ins Unendliche. Damit ist keine angstfreie Interaktion mehr möglich. Jetzt wird die Welt kontingent, die Reflexivität der Erwartungen beinhaltet Entäuschungsgefahr. Erwartungen, die ich bilde, können falsch sein. Orientierungslosigkeit stellt sich ein.
Der Spielraum des Erlebnishorizonts wird so erweitert, daß das Bewußtsein überfordert wird, denn kein Bewußtsein kann diese potentiell unendlichen Wechselbeziehungen von Erwartungsstrukturen aktuell nachvollziehen.
Eine Entlastung des Bewußtseins wird erforderlich, die doppelte Erwartensunsicherheit muß abgefedert werden. In der Abfederung dieser doppelten Erwartensunsicherheit sieht Luhmann die spezifische Funktion der Normenbildung.
Fußnoten
- zum zentralen theoretischen Stellenwert des Erwartungsbegriffs in der Soziologie siehe Niklas Luhmann: Soziale Systeme, Ffm. 1987, S. 397