Alltag
*Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren
(Karl Lagerfeld)*
Die systemtheoretische Ästhetik versteht sich vor allem als Alltagsästhetik. Das heißt, es werden grundsätzlich alle alltäglichen gesellschaftlich und individuell relevanten Themen behandelt. Alltag ist im wesentlichen das Unsichtbare, das Selbstverständliche, der Normalfall im Umgang mit den Dingen. Modelle aus der Kunstwissenschaft, Philosophie und Soziologie werden für die Bewältigung des Alltags nutzbar gemacht. In diesem Sinne geht es um ein Zusammenwirken von ästhetischer und gesellschaftlicher Praxis.
Unser Alltagshandeln- und Erleben ist im wesentlichen bestimmt durch die in modernen Gesellschaften typischerweise auftretenden personalen Anpassungsmuster diffus fragmentierter Aufmerksamkeit. Das heißt, man kann sich unter Bedingungen schnell wechselnder Ereignissverkettungen und damit verbundener unterschiedlicher Anforderungen nur in geringem Maße oder gar nicht auf tiefergreifende Bedeutungs- und Sinninterpretationen einlassen. Man kann sozusagen den "Film" mit schnell wechselnden Bildfolgen nicht anhalten. Das Gegebene wird in seinem diffusen Vorhandensein als selbstverständlich genommen und das Selbstverständliche als wahre Wirklichkeit (doxa).
Die Alltagserscheinungen werden durch Hingabe an die Kontinuität der Ereignisströme immer bedeutungsloser, weil in der Regel einfach die Zeit für die Thematisierung abweichender und differenzierter Bedeutungsmuster fehlt. Die Alltagswahrnehmung ist mehr und mehr unmittelbar an das Vorhandensein der Dinge (Ding) gekoppelt, ohne daß das Bedingungsverhältnis dieser Ankoppelung hinterfragt wird. Die Alltagswahrnehmung ist nicht reflexiv, sie thematisiert sich nicht selbst.
Spätestens seit Kant wissen wir aber, daß die Wahrnehmung von sozialen und natürlichen Bedingungen abhängig ist. Wahrnehmung ist aktives Tun. Reflexivität im Umgang mit dem Selbstverständlichen kann von daher nachgerade als gestalterische Praxis angesehen werden. Der Gestalter macht durch abweichende Bedeutungszuweisung das Selbstverständliche und Eigene fremd. Dies geschieht z.B. dadurch, daß Gebrauchsgüter aus ihrem Funktionszusammenhang gerissen werden und durch Umkontextuierung eine völlig andere Bedeutung erhalten. Dies ermöglicht wiederum einen veränderten Blick und dementsprechend einen veränderten Umgang mit dem Gebrauchsgut.
Des weiteren integriert der Begriff der Alltagsästhetik alle möglichen Formen kultureller Differenzierung. Bedeutsam ist potentiell jede Art von kultureller Hervorbringung, sofern sie genügend Anlaß (Eigendifferenziertheit) zur Thematisierung bietet. Der heutige Alltag ist für viele Menschen vor allem durch Technik- und Medienentwicklung geprägt. Social Media, Artificial Intelligence, Augmented Reality, Gewalt, Massenflucht, aber auch Sport, Literatur, Theater, Liebe, Arbeit, Spiel, Mode, Architektur, Malerei, usw. weisen Ähnlichkeiten und Unterschiede auf, die auf Problemzusammenhänge verweisen und dementsprechend einer Thematisierung und Beurteilung (Urteilskraft) bedürfen. Dem kann man allerdings mit Spezialwissen allein kaum mehr begegnen. Gefragt ist vielmehr ein generalistisches, bzw. universalistisches Wissen. Das heißt, Architekten sollten sich nicht nur mit der Differenz von Architektur und Bau auseinandersetzen, sondern müssen ebenso Sachverstand in Bezug auf soziale Probleme der Stadtentwicklung oder spezifische Ansprüche der Bewohner von Seniorenheimen entwickeln.
Die Generalistik (vgl. Generalismus)geht der Frage nach, wie man Alltags- und Lebensanstrengungen erfolgreich bewältigen kann und sie reagiert auf die Vielfalt und Zerfasertheit unserer Lebenswelt mit einer fächerübergreifenden theoretischen Programmatik. Dabei stellt sie ein Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem her. Das Allgemeine kann sich immer nur in der besonderen Gestalt, in der besonderen Erscheinung zeigen. Insofern sind nicht die besonderen Erscheinungen als solche relevant, sondern ihnen innewohnende Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien. Gedankliche Vorläufer dieser Denkweise finden sich u.a. in der Phänomenologie, der funktional-strukturellen Systemtheorie, der Wissenssoziologie, der Kybernetik aber auch im Priester-, bzw. Prophetentum aller Zeiten.