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Interpenetration

Im Gegensatz zur humanistischen Tradition, die den Menschen als Bestandteil der sozialen Ordnung begreift, betrachtet Luhmann den Menschen als gesellschaftliche Umwelt. Er begründet seine Argumentation mit der Differenzierung der autopoietischen Systemtypen, wonach der Mensch operativ als Verbindung zweier Systemtypen anzusehen ist: Psyche und Leben.¹ Der dritte autopoietische Systemtypus, Kommunikation, prozessiert völlig unabhängig von der unmittelbaren Zurechnung auf den Menschen. Dies soll nach Luhmann nun aber nicht bedeuten, dass der Mensch für unwichtig erklärt und aus dem soziologischen Blickfeld verbannt werden soll – im Gegenteil: Systemtheorie ist nach Luhmann immer System/Umwelt-Theorie. Das heißt, die Umwelt ist ebenso wichtig (weil konstitutiv) wie das System selbst. Durch die begriffliche Trennung werden dem Menschen sogar "höhere Freiheiten im Verhältnis zu seiner Umwelt konzediert, insbesondere Freiheiten zu unvernünftigem und unmoralischem Verhalten."²

Nach dieser Begriffsfassung ist der Mensch zwar nicht mehr als das "Maß der Gesellschaft" anzusehen, aber er ist selbstverständlich Bedingung für das Zustandekommen von Gesellschaft.³ Dies verlangt Aufklärung darüber, wie das Geschlossenheitsmoment des Bewusstseins⁴ mit der geschlossenen Reproduktionsweise der Kommunikation verknüpft sein kann.

Luhmann greift zu diesem Zweck auf den Begriff der Interpenetration zurück. Er versteht darunter ein Verhältnis von "autonomer Autopoiesis und struktureller Kopplung."⁵ Die Systeme stellen sich quasi gegenseitig Komplexität zur Verfügung, sie versorgen sich gegenseitig mit Unordnung.⁶ Es gibt also keine Übertragung vom System zur Umwelt, sondern lediglich Selektionsangebote (die als solche bereits selektiert sind). Die Grenzen des einen Systems können so quasi in den Operationsbereich des anderen Systems eingehen. Erst dann werden die Eingangsgrößen zu Informationen spezifiziert. Nach dieser Betrachtung bleiben die Systeme zwar autonom in ihrem Funktionieren, sie steigern aber mit ihrer Ko-Evolution ihre Abhängigkeiten – und ihre Unabhängigkeiten zugleich.

Im Begriff der Interpenetration zeigt sich eine tiefe strukturelle Nähe zum Gedanken der Resonanz. Denn Interpenetration ist mehr als bloße Kopplung: Sie ist ein Prozess wechselseitiger Berührung, bei dem die Differenz erhalten bleibt. Wie bei Resonanz entsteht keine Verschmelzung, sondern eine Form der Beziehung, in der Systeme aufeinander antworten – nicht durch Übernahme, sondern durch eigenlogische Reaktion. Interpenetration ist Resonanz in strukturierter Form: eine Bewegung, in der Systeme ihre Eigenkomplexität aneinander prüfen, aufeinander reagieren und dadurch ihre eigene Form vertiefen. Resonanz ist dabei nicht als emotionale Nähe zu verstehen, sondern als strukturelle Empfänglichkeit für die Anderen, als Möglichkeit, berührt zu werden, ohne sich aufzulösen.

Im Begriff der Interpenetration sieht Luhmann eine moderne Lösung für das Problem der doppelten Kontingenz. Er verweist darauf, dass nun nicht mehr auf die Natur des Menschen, auf die Subjektivität des Bewusstseins oder auf Intersubjektivität abgestellt werden muss.7 Interpenetration verweist vielmehr auf wechselseitige Inanspruchnahme. "Die Differenz der Systeme wird im Prozess des Interpenetrierens reproduziert.“8 Interpenetration ist dementsprechend auch nicht als Kommunikation anzusehen, denn Kommunikation ist lediglich der Operationsmodus sozialer Systeme,9 sondern man muss das Problem "...ganz aus der Sozialdimension in die Zeitdimension verlagern und Interpenetration als eine allgemeine Form der Koordination von System und Umwelt begreifen, die sich der Simultanität von Ereignissen bedient und nur so zustande kommen kann.“10

Die Frage, wie es nun faktisch geschieht, dass ein System die Komplexität des anderen Systems für seinen eigenen Aufbau benutzen kann, beantwortet Luhmann mit dem Prinzip der binären Schematisierung. Er greift dazu zunächst auf Parsons' Normenschema zurück (Konformität und Abweichung), um es anschließend "in den Zusammenhang interpenetrativer Verhältnisse zurückzuprojizieren und es als Reduktion von Komplexität darzustellen, die eventuell auch anders bewerkstelligt werden könnte.“11 Es geht Luhmann nämlich nicht um das einfache Schema von Konformität und Abweichung, sondern um eine sehr bewegliche, fluktuierende Intersystembeziehung – das Ausloten von Konsensfähigkeit (sounding out):

"Man testet zum Beispiel die Konsensfähigkeit eines Vorschlags in einem sozialen System und verändert mit dieser Operation im sozialen System die Bedingungen des Konsenses; man lässt erkennen, dass es einem darauf ankommt; man bindet sich selbst, bevor man weiß, ob andere zustimmen; man forciert damit eine Alternative von Zustimmung oder Ablehnung und schafft mit dieser Zuspitzung Anschlussmöglichkeiten für Jas und Neins, die vorher so (oder zumindest mit den jetzt sichtbaren sozialen Konsequenzen) gar nicht bestanden hatten.“12

Nach Luhmann kann die Grundlage des binären Schematismus unter selbstreferentiellen Systembedingungen nicht mehr "Konformität/Abweichung" sein, sondern vielmehr "weitermachen/abbrechen".

Dies genau ist nämlich das Differenzschema, das sinnverarbeitende Systeme – also Kommunikation und Bewusstsein – verwenden. Die Integration der Systeme vollzieht sich dementsprechend nicht durch sich überschneidende Phänomene, sondern dadurch, dass die Reproduktion der Elemente und mithin die Informationsverarbeitungsleistung der unterschiedlichen Systeme durch gleiche binäre Schematismen gewährleistet ist.¹3

So ist es für Kommunikation möglich, Bewusstsein zur eigenen Reproduktion in Anspruch zu nehmen – und andersherum. Und zwar so, dass beide Systemtypen sich in ihren Operationsmodi nicht überschneiden.14

Einen weiteren evolutionären Mechanismus, der in Bewusstsein und Kommunikation gleichermaßen Komplexität aufbaut, sieht Luhmann in der Sprache. Sprache leistet "die strukturelle Kopplung von Bewusstsein und Kommunikation." Sie stellt als Medium Laute, optische Zeichen oder Worte zur Verfügung, sodass sich im Bewusstsein wie auch in der Kommunikation sprachspezifische Formen bilden können. Sprache ist also ein Mechanismus, auf den Bewusstsein und Kommunikation gleichermaßen zurückgreifen können. Wichtig ist hierbei festzustellen, dass sowohl Bewusstsein als auch Kommunikation gegenüber Sprache autonom sind.15

Die strukturelle Kopplung über Sprache bildet dabei nicht nur eine funktionale Brücke, sondern auch einen ästhetischen Raum. In ihm wird sichtbar, dass Interpenetration nicht nur kognitive, sondern auch gestalthafte Resonanz erzeugt – Formen, Rhythmen, Bedeutungen. Was anschlussfähig bleibt, muss nicht nur verständlich, sondern auch berührbar sein. Interpenetration eröffnet damit nicht nur Strukturen, sondern auch Atmosphären, in denen Systeme sich begegnen, ohne sich zu verlieren.

Das Konzept der autonom operierenden Systemtypen hat enorme Konsequenzen in Bezug auf gängige Sozialisations- und Lerntheorien. Nach Luhmann ist Sozialisation eine Art Lernen,¹⁷ denn in beiden Fällen handelt es sich nicht um eine Übernahme von Verhaltensspezifika oder vorgefertigten Normen, sondern um systemische Selbstselektion. Sozialisation kann also weder von Selbstsozialisation unterschieden werden, noch kann beim Lernen irgendeine Art von Wissen von außen in das System eingeführt werden. Autopoietische Systeme verfahren aufgrund ihrer geschlossenen Operationsweise im reinen Selbstkontakt. Sie nutzen für ihren strukturellen Aufbau zwar Signale und Angebote von außen, aber sie können lediglich nach ihren eigenen Prämissen und Bedingungen Anschlussoperationen erzeugen. Mit der Ko-Evolution von Bewusstseins- und Kommunikationssystemen entsteht so durch Selbstbindungsprozesse ein kontinuierlicher Aufbau von emergenter Ordnung, die sich in ihrer faktischen Gewordenheit jeder Möglichkeit der unmittelbar kontrollierenden Beeinflussung entzieht.

Fußnoten:

  1. Niklas Luhmann: Soziale Systeme, Ffm. 1987, S. 286
  2. Soziale Systeme, a.a.O., S. 289
  3. "Autopoiesis qua Leben und qua Bewußtsein ist Voraussetzung der Bildung sozialer Systeme, und das heißt auch, daß soziale Systeme eine eigene Reproduktion nur verwirklichen können, wenn die Fortsetzung des Lebens und des Bewußtseins gewährleistet ist." In: Soziale Systeme, a.a.O., S. 297.
  4. Die Autopoiesis des Lebens kann an dieser Stelle und für unsere Zwecke außer Acht gelassen werden. Die Grundprinzipien der Verknüpfbarkeit sind im Prinzip analog dem Zusammenhang von Bewußtsein und Kommunikation zu denken.
  5. Soziale Systeme, a.a.O., S. 300.
  6. Luhmann greift hier auf das "order from noise"- Prinzip Heinz von Foersters zurück. Siehe Soziale Systeme, a.a.O., S. 291, 292.
  7. vgl. Soziale Systeme, a.a.O., S. 293.
  8. Soziale Systeme, a.a.O., S. 293
  9. und auch nicht als Gegenkommunikation, wie Hans-Joachim Giegel meint. Siehe: Interpenetration und reflexive Bestimmung des Verhältnisses von psychischem und sozialem System, in: Haferkamp/ Schmid: Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung, Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Ffm. 1987, S. 212-246 und Luhmanns Entgegnung dazu auf S. 315.
  10. Soziale Systeme, a.a.O., S. 315
  11. Soziale Systeme, a.a.O., S. 313, 314.
  12. Soziale Systeme, a.a.O., S. 314.
  13. Nach Luhmann scheint es für den "Sozialisationsprozeß von erheblicher Bedeutung zu sein, daß nicht nur ein einziges Schema den Gesamtprozeß dominiert." Vgl. Soziale Systeme, a.a.O., S. 329.
  14. "Auf dieser Ebene grundlegender theoretischer Erörterungen bleibt die Darstellung zwangsläufig abstrakt, da sie sich nicht auf eine Begrifflichkeit festlegen kann, die Bewußtsein, bzw. Kommunikation voraussetzt und entsprechend nur für psychische oder nur für soziale Systeme gilt." Niklas Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 315.
  15. Luhmann greift bei seiner Erklärung der Funktion der Sprache auf die Differenz von Medium und Form zurück. Dem Medium entspricht in diesem Sinne stets eine lose Koppelung und der Form eine relativ feste Koppelung. Demnach wäre die lose gekoppelte Struktur als Sprache anzusehen und die mit Hilfe der Sprache angefertigten Sätze entsprechend als Form. Vgl. hierzu: Niklas Luhmann: Das Medium der Kunst, in: Delfin 7, 4. Jg., H.1, Dez. 86, S. 6-15
  16. Niklas Luhmann: Die Autopoiesis des Bewußtseins, Soziale Welt 36 (1985), S. 402-446, hier S. 427; neu gedruckt in: Alois Hahn/Volker Kapp (Hrsg.), Selbstthematisierung und Selbstzeugnis: Bekenntnis und Geständnis,Frankfurt 1987, S. 25-94.
  17. Siehe hiezu auch die Problematisierung der 'Selbsttranszendierung' von Max Miller, in: Selbstreferenz und Differenzerfahrung, in: Haferkamp/Schmid: Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung, a.a.O., S. 187-211, insbesondere S. 195 f.

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